Debatte um Fake-Videos Danke für die Nebelkerze, Herr Böhmermann

Ihnen brummt der Kopf, weil der gefakte Stinkefinger von Giannis Varoufakis selber ein Fake sein soll? Dann lassen Sie uns ganz mit der Diskussion aufhören und über Wichtigeres reden - nämlich über Günther Jauchs Sendung.

Ein Kommentar von


Kommen Sie da noch mit? Was Fake und was Fake des Fakes ist? Ob Jan Böhmermanns Video-Beweis (siehe Video unten), wonach in Günther Jauchs Sendung am Sonntag ein gefaktes Video gezeigt wurde, selbst ein Fake ist? Nein? Wissen Sie was? Das müssen wir auch gar nicht.

Völlig unabhängig vom vermeintlichen Wahrheitsgehalt seines Videos haben Jan Böhmermann und seine Redaktion über Nacht geschafft, wofür "Bild", Stefan Niggemeier und auch wir von SPIEGEL ONLINE wahrscheinlich noch drei Tage gebraucht hätten: Die Debatte über die Authentizität der vermeintlichen Stinkefinger-Aufnahmen von Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis so zu überdrehen, bis sie vollkommen ins Leere gelaufen ist und sich alle Beteiligten heimlich fragen, worüber sie vergangene Woche ernsthaft diskutiert haben.

Man muss nämlich gar nicht wissen, ob die Bilder von Varoufakis gefälscht sind oder nicht, um eines zu wissen: dass sie in Günther Jauchs Sendung am Sonntagabend aus dem Kontext gerissen wurden. Das hat der verantwortliche ARD-Redakteur für die Sendung, NDR-Chefredakteur Andreas Cichowitz, auch schon zugegeben:

Die genauen Zusammenhänge von Varoufakis' Rede können Sie hier noch einmal nachlesen.

Kommen wir also nach dem ständigen Purzelbaumschlagen in Sachen Stinkefinger wieder zu Ruhe, setzen uns hin und fangen an, über die drängenderen Fragen zu sprechen, die seit Sonntagabend im Raum stehen: Welchen Beitrag zur politischen Diskussionskultur in Deutschland glauben die ARD, Günther Jauch und seine Redaktion mit dieser Sendung zu leisten?

Wie kann es angehen, dass ein Professor der Wirtschaftswissenschaften und Vertreter der griechischen Regierung im deutschen Fernsehen unter Verkennung seiner Nationalität vorgestellt wird mit den Worten "italienischer Bruce Willis" - in einer Sendung mit dem Titel "Der Euro-Schreck stellt sich"?

Wie können so grobe handwerkliche Fehler wie die fehlende Kontextualisierung von Varoufakis' Rede passieren?

Auf welches Diskussionsniveau zielt man, wenn man "Bild"-Kommentator Ernst Elitz einlädt, der es für ein politisches Argument hält, Varoufakis vorzuwerfen, er habe "mehrere Glas Weichspüler" getrunken?

Wieso kann der CSU-Politiker Markus Söder Varoufakis vorwerfen, zu viele Interviews zu geben, wenn sie gemeinsam in einer Talkshow sitzen? Zumal Söder selbst häufig Gast ist in den TV-Runden. Müsste er da nicht vom Moderator auf den Widerspruch hingewiesen werden?

Warum leitet Günther Jauch den meistgesehenen Polittalk im deutschen Fernsehen, wenn er die konträren Positionen seiner Gäste mit den Worten zusammenfasst: "Sie sehen, Herr Minister in Athen, die Meinungen gehen hier auch in Deutschland, sie sind unterschiedlich, und es sind nicht alle gegen Griechenland und gegen das, was Sie da sagen"?

Wieso zeigt die ARD seine Sendung am Sonntagabend um 21.45 Uhr und warum einen aufwendig recherchierten Dokumentarfilm wie "Die Spur der Troika - Macht ohne Kontrolle" am Montagabend um 22.45 Uhr?

Die Antworten auf diese Fragen sind allesamt wichtiger als die Frage, was Fake und was Fake des Fakes ist. Danke, Jan Böhmermann, dass Sie Nebelkerzen mit Nebelkerzen bekämpft haben und wir gerade deshalb wieder klarer sehen.

Im Video: Varoufakis zu #Varoufake

REUTERS



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insgesamt 174 Beiträge
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Seite 1
Jochen.Bold 19.03.2015
1. Statt Stinkefinger
gibt´s hier wieder den bekannten wedelnden Spiegel-Oberlehrerfinger. Von einer Redakteurin, die sich bislang durch keinerlei Weisheit ausgezeichnet hat. Sondern nur durch Chuzpe. Und nun wieder durch Hybris.
elvito78 19.03.2015
2. Danke Frau Pilarczyk für die wahren Worte
kwt
BürgerinS 19.03.2015
3. Danke Frau Pilartczky - und Herr Böhmermann!
Es ist höchste Einsenbahn, dass im Umgang mit Griechenland und seinen Regierungsvertretern ein respektvoller Umgang Einzug hält. Dank Söder, Schäuble, BLÖD, Jauch und Co. fang ich wieder an, mich dafür zu schämen, Deutsche zu sein. Ständig habe ich das Bedürftniss, mich in Athen und bei allen Griechen, denen ich begegene entschuldgien zu müssen....Es gibt neben Söders Stammtisch-Klientel noch andere Deutsche - zum Glück weiß das auch Yanis Varoufakis.
neucriro 19.03.2015
4. Danke!
... auf den Punkt gebracht!!!
Amadís 19.03.2015
5.
Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen. Jauch ist eine journalistische Null und hat nichts im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und erst recht nichts in einer politischen zu suchen!
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