Böhmermanns Show Was Menschen so alles mit sich machen lassen

Jan Böhmermann präsentiert seine Online-Spionageshow "Lass dich überwachen" im späten ZDF-Hauptprogramm. Er produziert nicht nur peinlich berührte überraschte Teilnehmer, sondern auch echten Retro-Graus.

ZDF/ Ben Knabe

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Es ist schon fast vorbei, da kommt dieser Nackengriff mit kalter Hand, der uns alle kurz zu Kathleen macht. Eine gute Stunde haben wir amüsiert zugeschaut, wie Jan Böhmermann zu Unterhaltungszwecken Menschen mit den teils wunderlichen, teils schamschauderigen Informationen neckt, die sie irgendwann mal selbst im Internet über sich hinausgetrötet haben. Und dann nicht weiter darüber nachdachten, was die Welt nun mit diesen Daten anfangen könnte.

"Lass dich überwachen - Die Prism is a Dancer Show" hat es tatsächlich von der Neo-Nische ins ZDF-Hauptprogramm geschafft, und so kann man sich wieder einmal prächtig an den Entgleisungsgesichtern der ertappten Studiozuschauer weiden, deren aus vergessenen Social-Media-Profilen hervorgekramte Sufffotos und auf Schultoiletten nachgespielte Britney-Spears-Videos nun öffentlich hergezeigt wurden. Und sich durchaus auch kurz selbst erwischen lassen, nicht wirklich schlimm, nur so mittelpeinlich. Und glücklicherweise ist uns selbst ja nicht im TV-Studio vor Publikum, sondern ganz alleine im stillen Fernsehkämmerlein mit Schrecken eingefallen, dass es da noch diesen nie wirklich stillgelegten Flickr-Account gibt, auf dem unser zehn Jahre zurückliegender Besuch auf einem Eselhof vielleicht etwas zu enthusiastisch dokumentiert ist, aber wirklich dramatisch ist das ja auch nicht, eigentlich.

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Böhmermann-Show: Peinlich berührte Teilnehmer

So sah das wahrscheinlich auch Kathleen, die ahnungslos im Publikum sitzt. Und im Internet so begeistert Bilder von ihrem Hund Suri teilt, dass Böhmermann und sein halb akribisch-detailverliebtes, halb Colarausch-überdrehtes Team eine eigene, neue Tiershow, moderiert von Sonya Kraus, erfinden, um Kathleen zu einem angeblichen Casting laden zu können. Das dazugehörige Filmchen übereifriger Dogsploitation ist nur ein bisschen peinlich. Die Haustierbesitzer im Publikum lächeln verständnisvoll und zürnen ein bisschen, dass dieses schöne, überniedliche neue Tierformat nur ein Fake ist.

Da ist er, der Nackengrabsch

Eine Stunde später aber kommt Kathleen noch mal dran, und da ist er, der Nackengrabsch: War sie, fragt Böhmermann beiläufig, vor zwei Jahren nicht schon mal bei einer Prism-Ausgabe des "Neo Magazin Royale" zu Gast, da aber noch in Begleitung eines anderen Mannes? Bis dahin war alles harmloser Jux und Dollerei, jetzt schwenkt die Stimmung in grelles Unbehagen, wenn Böhmermann leichterhand allein über Kathleens öffentliche Facebook-Postings rekonstruiert, wie das wohl so kam, dass sie heute nicht mehr mit dem damaligen Freund, sondern mit ihrem aktuellen Chef zusammen ist.

Natürlich ist das wahnsinnig unangenehm anzuschauen, nicht nur, weil es allen direkt Beteiligten so peinlich ist - sondern weil man sich eben auch selbst und sein eigenes, womöglich auch allzu sorgloses Postingverhalten infrage stellt. Ein perfekter Plot-Twist. Der Böhmermannsche Absurditätshäcksler ist da schon weitergerattert, und unbehaglich schaut man also zu, wie Kathleen und ihr neuer Freund beim "Paarduell" gegen ihren Exfreund und dessen neue Freundin antreten. Für den extra Gänsehaut-Guss moderiert Werner Schulze-Erdel mit ausgesucht übergriffigen Fragen.

Mit dem Sprung ins ZDF-Hauptprogramm - wenn auch auf einen Wegschlummerplatz knapp nach 23 Uhr - legt Jan Böhmermann im Vergleich zu seinem Prism-Spezial auf ZDFneo im Frühjahr noch eine Schippe drauf. Und zwar von diesem bizzelnden Unbehagen, das man bei aller weichgespülten Bräsigkeit mitunter auch beim Betrachten traditioneller Samstagabendunterhaltung spürte.

"Lass dich überwachen" spielt nicht nur mit Rudi Carrells Überrumpelungsshow "Lass dich überraschen", sie ist auch ein Medley aus "Verstehen Sie Spaß", "Traumhochzeit" und "Herzblatt", und sie reproduziert perfekt diese kleinen Fernscham-Momente, in denen man sich beim Zuschauen nie ganz sicher sein konnte, ob alle Protagonisten wirklich so glücklich mit ihrer Rolle sind. Schließlich war auch das Böhmermann-Studiopublikum bis zu Beginn der Sendung im Glauben, bei einer ganz normalen Ausgabe von "Neo Magazin Royal" dabei zu sein.

Live einen fremden Mann heiraten - oder?

Glücklicherweise gibt es zwischendurch Mitmacher, die ihren Auftritt augenscheinlich vollumfänglich genießen. Ballermann-Fan Sören zum Beispiel, dessen Instagram-Name Berti Bumsbirne zum Trashsong-Charakter wird: Die Ulksänger Lorenz Büffel und Icke Hüftgold singen ihm ein Lied auf den Leib, er selbst tanzt dazu euphorisiert in einem Birnenkostüm, das er auch bis zum Ende der Sendung nicht mehr ablegen wird - das ist ein Plemplem-Spektakel, bei dem man mehr lacht, als man gerne zugeben würde. Bei Promifotosammler Stefan, der auf seinen Internetfotos ein bisschen verdruckst mit Palina Rojinski posiert, nun plötzlich als Pappaufsteller durch die Hände der Promis wandert und als Berühmtheit inszeniert wird, ist man sich da nicht so sicher.

Von außen betrachtet sind diese Szenen ein Wimmelbild aus Fleißarbeit, um Stefan mit neuem Fotomaterial zu versorgen, posiert eine bizarre Promi-Polonaise aus Thomas Gottschalk, Claudia Roth, Stefan Mross und anderen mit dem Pappstefan. Er kocht mit Eko Fresh, spielt Schach mit Bjarne Mädel, galoppiert gar festgeschnallt hinter Nora Tschirner beim Ausritt auf ihrem Pferd - amüsiert sich der echte Stefan aber auch selbst, wenn er diese Bilder sieht? Man kann es nicht genau sagen, nur wünschen, um mit besserem Gewissen zuschauen zu können.

Das gelingt besser, wenn Zuschauerin Luisa zum Ende unglaublich stoisch den bizarrsten Part der Sendung tatsächlich durchzieht. Sie heiratet live in der Sendung einen fremden Mann - zumindest fast. Vor Jahren hat sie mal eine Pinterest-Pinnwand angelegt, mit Hochzeitsinspirationen für eine irgendwann mal erträumte Eheschließung, jetzt schmeißt ihr das Böhmermann-Team exakt diesen Moment, penibel nachgebaut aus ihren gepinnten Fotos. Als Ehemann wird ihr umständehalber Trash-Veteran Nico Schwanz zugeführt, und sie sagt tatsächlich ja, im Glauben, das sei jetzt tatsächlich rechtlich bindend und mindestens halbwegs kompliziert wieder annulliert.

Am schönsten an dieser Szene ist der Schnitt auf Böhmermann, der kopfschüttelnd darüber lacht, was Menschen, diese verrückten Hühner, im Fernsehen und im Internet so alles mit sich machen und machen lassen - und es dabei "voll schön" finden.



insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
mukulele 03.11.2018
1. Toll!
Es war wirklich extrem gut gemachtes Unterhaltungs TV. Dafür zahle ich gerne GEZ
mustermannfrau 03.11.2018
2. Tja ...
Zitat: "Am schönsten an dieser Szene ist der Schnitt auf Böhmermann, der kopfschüttelnd darüber lacht, was Menschen, diese verrückten Hühner, im Fernsehen und im Internet so alles mit sich machen und machen lassen - und es dabei "voll schön" finden." Das gilt dann aber auch für die Zuschauer zu hause an den Fernsehgeräten, die diese "Scripted Reality Show" für echt halten. Als ob man in einer Fernsehshow $irgendetwas dem Zufall überlassen würde :o
Hottentottenham 03.11.2018
3. Gute Idee
Ich bin kein Fan von Böhmermann, fand aber den Ansatz der Sendung die ich gestern kurz gesehen habe interessant. Ist das was dort gezeigt wurde nicht der Kern der so genannten sozialen Medien? Alles zeigen, alles mitteilen. Ich hab geschmunzelt, aber dann denn Fernseher ausgemacht und bin schlafen gegangen.
monoman 03.11.2018
4. Geschieht es recht?
Ich fand ja damals schon die erwähnte Sendung von Rudi Carrell eher bedenklich (was ihrem Erfolg wohl nicht wirklich geschadet hatte), wenn er die Zuschauer aus dem Publikum vor die Kamera gezerrt hatte. Böhmie hatte das ja auch schon einmal gemacht, also muss man als Besucher seiner Show auch grundsätzlich mit so etwas rechnen. Hier kommt natürlich noch dazu, dass er da auch noch absichtlich bad Vibrations ins Konzept einbaut. Nicht nur die Freakshow der Heiratskandidaten, von denen einer dann allen Ernstes mit einem Ja-Wort bedacht wird. Die Konfrontation von jetzigem Partner mit dem Ex der Dame, die bereits schon mal in der Show war, fand ich als Zuschauer auch alles andere als angenehm. Man könnte ja sagen, es geschehe ihr Recht, wenn sie sich das 2. Mal auf die gleiche Weise reinlegen lässt. Aber ein fröhliches Zuschauerlachen möchte sich dann doch nicht einstellen, was am Ende vielleicht ein gutes Zeichen ist.
Allenore 03.11.2018
5. Schrill und ungehobelt
Eine weitere Schreishow.
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