Jauch-Jahresrückblick bei RTL Wie Günther Flausch das Schlimme schrumpft

Günther Jauch kämpft in "Menschen, Bilder, Emotionen" mit einem Mädchen gegen Plastikmüll und präsentiert die Tränenaugen von Lilly Becker. Irgendwo wegverstaut aber: das wirklich Schlimme.

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Irgendwann hält Günther Jauch einen armdicken, krummen Ast hoch, als sei er ein Magier mit Hilfszauberstab, der kurz mal hexhex-mäßig sicherstellen will, dass die Zuschauer auch nach der schrillionsten Werbung noch da sind: "Was es mit diesen Ast auf sich hat, müssen Sie sich anschauen, unglaublich", sagt er, und obwohl man zu diesem Zeitpunkt schon recht bestimmt ahnt, dass das nicht stimmt, bleibt man dann doch dran und schaut: 2018, according to RTL.

"Menschen, Bilder, Emotionen", das ist seit Jahren diese sonderbar tarierte Waage, auf der eine Melone wunderlicherweise ebenso viel wiegt wie eine einzelne Weintraube. Und wo der verwackeltere Videoclip eines genervten Elefanten, der einen Thailand-Touristen beim Selfie-Versuch in den Hintern tritt, beim Schnelldurchlauf gleichwertig neben Bilder der Freilassung von Denis Yücel geschnitten wird. Klar, so ist das Leben, banal und katastrophal liegen so eng nebeneinander wie Schinken- und Käseschnittchen auf der Büffetplatte. Ein bisschen mehr Relevanz, die gerne auch mal pieksen darf, wäre trotzdem schön. Und wichtig, um diesen Klopper von Jahr in seiner Showspiegelung auch wiederzuerkennen.

Entwaffnende Offenheit

Nur wenige Gäste schaffen es, geschehene Dinge tatsächlich in ein anderes Licht zu rücken, eine alternative Sicht anzubieten, bevor man sie einsortiert und wegheftet. Die entwaffnend offene Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel zum Beispiel, die seit einem Trainingsunfall im Rollstuhl sitzt und sagt, seit diesem Unglück fühle sie sich endlich frei, obwohl sie natürlich manchmal einfach nur heulen müsse. Oder Günther Küblböck, Vater des seit seinem mutmaßlichen Sprung von einem Kreuzfahrtschiff verschollenen Sängers Daniel, der eindringliche Vorwürfe gegen die offiziellen Stellen und das Aida-Personal erhebt, die auf seine Warnungen und besorgten Hinweise nicht reagierten, sein Sohn litte unter akuten psychotischen Schüben und könnte möglicherweise sich selbst oder anderen etwas antun. Zu kurz ist freilich der Auftritt, um noch wirklich ansprechen zu können, was diese Psychose überhaupt ursächlich ausgelöst haben könnte: Wurde Daniel Küblböck krank, weil er unkontrolliert Hormonpräparate einnahm, oder schluckte er die Pillen, weil er da schon krank war? Aber man hat ja keine Zeit, derlei wirklich zu erörtern - hier, ein Filmchen von einem Dixiklo, das im Sturm in die Lüfte gewirbelt wird!

Dann Heino. Es ist schlimm

Den, freundlich gesagt, bizarrsten Auftritt des Abends liefert Heino, der ja bald 80 wird und darum als animierter Vergnügungspark-Roboter seiner selbst in Vocoder-Gewittern die so genannten Hits des Jahres vermedleyt. Bausas "Was du Liebe nennst", Gigi D'Agostinos "In my mind", schließlich ernsthaft noch das besinnungslos verstampfte Partisanenlied "Bella Ciao" - es ist schlimm. Aber gab es dieses Jahr nicht eigentlich noch Schlimmeres?

Die meiste Zeit dümpelt der Abend in seichter Entengrütze. Eine nette Plauderei mit Grünen-Chef Robert Habeck, ein paar Ach-was!-Fragen an Fußballer Serdal Celebi, der als erster blinder Sportler mit dem "Tor des Monats" ausgezeichnet wird ("Sie sind mit 13 Jahren erblindet, wie ist das für einen Jungen, der gern Fußball spielt?") und an Hochsprung-Europameister Mateusz Przybylko: "Wenn man mal daneben springt, das tut weh, oder?"

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Jauch-Jahresrückblich bei RTL: Blockflöten-Spiel und Blinden-Fußball

Dann das nächste Einspieler-Schnipselgebinde: Rechte Demo und Gegenkundgebung in Chemnitz neben einer Herde Kühe, die eine Autodiebin jagt, und einem Arzt, der bei der Visite seiner Kinderpatienten gerne aufmunterungshalber lustig hampelt. Er tanzt dann auch kurz im Studio, und er ist ein perfektes Sinnbild für das, was "Menschen, Bilder, Emotionen" hier versucht: Ringelpiez und lächeln, und so tun, als litte man keine Schmerzen.

Von der Niedlichkeitsseite her aufgezäumt

Eine muntere Coverversion des verfließenden Jahres eben, so harmlos wie die vorgetragenen Liedchen von Namika und Mark Forster. Das Schlimme wird schaffbar geschrumpft und von der Niedlichkeitsseite her aufgezäumt: Wir sehen nicht den verendeten Wal mit kiloweise Plastikmüll im Magen, sondern ein zehnjähriges Mädchen aus Bayern, das die Bewohner seines Dorfes dazu brachte, ihren Kunststoffabfall fast zu halbieren.

Wir treffen keine Hinterbliebene, die bei der Amokfahrt in Münster einen geliebten Menschen verloren, sondern zwei Verletzte, aber Überlebende, die sich noch im Krankenhaus das Ja-Wort gaben. Und die politische Lage umschreibt Günther Jauch so: "Das Leben in der Politik ist spannender geworden, auch für den Wähler." Sein Gast Jens Spahn wird später noch sagen, Deutschland lebe "so 'ne gelassene Freiheit gerade".

"Menschen, Bilder, Emotionen" zeichnet ein 2018 mit Frotteeüberzug. Das ist nun nicht unbedingt schlimm, vielleicht hilft es beim Verräumen und Weitermachen. Beim Zuschauen allerdings hinterlässt es den klassischen Anwurf des zornigen, unverstandenen Leserbriefschreibers, der gerne belfert, der Rezensent sei wohl bei einem anderen Konzert gewesen - vielleicht haben die MBE-Macher ja auch ein anderes Jahr gelebt.

Eins, bei dem Lilly Becker, Noch-Ehefrau von Boris Becker, als wichtigster, im Zuschauerinteresse am höchsten gerankter Gast als letztes drankommt, damit sie erzählen kann, wie enttäuscht sie wegen der gescheiterten Beziehung ist. Blöd, aber nicht so schlimm, tröstet Jauch mit einem letzten Überflauschungsmanöver, immerhin litten 300.000 deutsche Paare pro Jahr dasselbe Schicksal - "aber irgendwann wird es immer besser".

insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
andree_nalin 03.12.2018
1. Danke für den passend-witzigen Titel.
Schön, wenn man schon beim Frühstück so herzhaft lachen darf...
Koda 03.12.2018
2. Kern des Artikels=> Beschwerde, dass das Schlimme ausgelassen wurde
Nun... ja und? Für das Schlimme in der Welt sind doch Nachrichtenformate da. Warum soll man dann immer nur das Negative vermelden und nicht auch mal das Positive?
der_bulldozer 03.12.2018
3. Ganz toll
Es verschaffte mir heute morgen viel Freude dass sich die Trash Queen von SPON jetzt auch um den Jahresrückblick von Jauch kjümmert. Das alleine sagt schon genug über den Stellenwert dieser Sendung. Es ist schon schlimm genug dass das Jauchsche Format vier Wochen des Jahres ausblendet indem schon am ersten Advent gesendet wird. Passiert jetzt nichts mehr bis Sylvester? Voller Wehmut denke ich das an das ZDF-Format "Bilder eines Jahres" in den Achtzigern mit der einprägsamen Stimme von Karlheinz Rudolph aus dem Off. Das war immer spannend und bot eine schöne Gelegenheit, Rückbesinnung auf das abgelaufene Jahr zu halten.
Kurt-C. Hose 03.12.2018
4. Mbe
MBE als Abkürzung ist hübsch - man assoziiert sofort BSE - und der Effekt ist vermutlich vergleichbar - langsame Hirnerweichung...
siebenachtneun 03.12.2018
5.
Es war kein Jahresrückblick kann man das nicht nennen, weil von 99% der Sachen noch nie gehört hat. RTL sucht seit Jahren unwichtige und uninteressante Personen, deren Schicksal niemanden interessiert. Ja, man will nicht mit den schlechten Sachen konfrontiert werden, aber man kann doch eine Mischung aus beiden nehmen.
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