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Krisen-Talk bei Jauch: Biermann, Putin und Hitlers Autobahn

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Talk bei Jauch: Stunde der Realpolitik Fotos
DPA

Bei Günther Jauch hat sich erneut alles um Wladimir Putin gedreht. Die Gäste zeigten sich sehr um realpolitische Sachlichkeit bemüht und führten einen konstruktiven Trialog - nur einer irritierte mit seinem Auftritt.

Auf den ersten Blick wirkte es wie eine gute Idee, dass Günther Jauch sich unter anderem Wolf Biermann eingeladen hatte, um eine weitere Putin-Talkshow zu bestreiten. Die musste allein schon deswegen sein, weil die vorige Sendung dank des Putin-Interviews ein solcher Quotenrenner war, dass weiterer Gesprächsbedarf geradezu zwangsläufig anstand. Und da Biermann erst kürzlich im Bundestag so herzhaft gegen die Linken vom Leder gezogen hatte, würde er als bewährter Diktaturverächter und streiterprobter Polit-Poet sicherlich auch diese Veranstaltung unterhaltungsmäßig aufwerten. So hatten sich Jauchs Leute das wohl gedacht, und mancher Zuschauer dürfte ähnliche Erwartungen gehegt haben.

Da saß er nun also, mit dem notorisch treuherzigen Blick dessen, der die Welt kaum noch versteht und sich dennoch seinen Reim auf sie zu machen versucht, und es wurde tatsächlich eine respektable Veranstaltung. Das lag allerdings kaum am Gastgeber, der nicht immer so ganz bei der Sache zu sein schien, und noch weniger war es das Verdienst seines Gastes Biermann.

Der mokierte sich zunächst über den aktuellen SPIEGEL-Titel, der irreführend sei, da Putin längst einen heißen Krieg führe, lobte die Kanzlerin, schimpfte natürlich auf den Kreml-Chef, wollte dessen System aber, genau wie die anderen in der Runde, auch nicht kollabieren sehen, da nach "Schlimmem noch Schlimmeres" folgen könne und fand die Sanktionen falsch, da sie eh nichts ausrichteten. Die meiste Zeit indes blieb er außer in seine Lederjacke in Schweigen gehüllt.

Für die Qualität der Diskussion mussten derweil die anderen Teilnehmer sorgen, und das gelang ihnen auch recht gut. Die Politiker Matthias Platzeck (SPD) und Alexander Graf Lambsdorff (FDP) sowie die Journalistin Gabriele Krone-Schmalz taten nämlich etwas, das für politische Talkshows nicht unbedingt typisch ist: Sie äußerten sich zwar hart zur Sache, doch sie hörten einander auch zu, gingen auf Argumente ein, sprachen und stritten so ergiebig kontrovers und zugleich konstruktiv, dass man sich als Zuschauer bei dem Gedanken ertappen konnte, es möge doch auch zwischen dem Westen und Russland in solch einem Stil verhandelt werden.

Leidenschaftliche Sachlichkeit

Es wurde, wenn man so will, eine Stunde der Realpolitik - des Versuchs also, mit durchaus leidenschaftlicher Sachlichkeit ein Stück wegzukommen von den Klischees der Dämonisierung ebenso wie der dubiosen Bewunderung der polarisierenden Zentralfigur Putin. Stattdessen rückten, auch in Erinnerung an Brandts Ostpolitik, die klassischen Verhandlungstugenden wie jene der Einfühlung in die Befindlichkeiten der Gegenseite in den Vordergrund. Vor allem müsse der Westen eingestehen, dass er gegenüber Russland Fehler gemacht, die West-Signale während Putins erster Amtszeit nicht hinreichend beachtet habe, mahnten Platzeck und Krone-Schmalz immer wieder an.

Die frühere Moskau-Korrespondentin der ARD gab dem Westen sogar eine Mitschuld an den Todesopfern in der Ost-Ukraine infolge versäumter Gelegenheiten und setzte noch eins drauf, indem sie die vielleicht doch ein bisschen sehr steile These aufstellte, die Einvernahme der Krim habe überhaupt keine völkerrechtliche Bedeutung. Denn es handele sich um einen Fall von Sezession, und die komme im Völkerrecht gar nicht vor.

Damit ging sie noch weiter als Platzeck, der mittlerweile umstrittene Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums, der sich sichtlich bemüht zeigte, seine Forderung nach einer völkerrechtlichen Regelung der Krim-Frage zu erklären und auch zu entschärfen, und erwartungsgemäß folgte prompt der Einspruch des EU-Parlamentsvizes Lambsdorff, der dann aber letztlich doch eher moderat empfahl, dieses Problem erst ganz zum Schluss anzugehen. Und ja, man müsse das Gefühl Russlands, aufgrund der Nato-Erweiterung bedrängt zu werden, natürlich ernst nehmen, sagte auch er.

Das war in gewisser Weise bezeichnend für den produktiven Grundton dieses Trialogs, bei dem Platzeck mehrfach Beifall aus dem Publikum erntete, etwa, als er Außenminister Steinmeier "einen wahren Segen in dieser Zeit" nannte oder hoffnungsvoll und unter Zustimmung Lambsdorffs davon sprach, dass Moskau sich dem Angebot einer Modernisierungspartnerschaft nicht auf Dauer verweigern werde, auch angesichts neuer personeller Führungsverhältnisse bei EU und Nato.

Und Biermann? Der hatte dann doch noch einen weiteren kurzen Auftritt, bei dem er erstens offenbarte, auch er wisse, "dass Krieg nicht so gut ist", und sich zweitens erneut Putin vornahm. Der habe nicht nur Angst vor seinem eigenen Volk und sei der schlimmste Feind Russlands, sondern "nicht mal fähig, wie Hitler eine Autobahn von Moskau nach Petersburg zu bauen".

Genau da war gnädigerweise die Sendezeit um, und zurück blieb die Frage, ob die Idee mit Biermann wirklich so gut war.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 159 Beiträge
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1. Vielen Dank...
rocketsquirrel 24.11.2014
...für diesen Artikel. Dennoch musste ich herzhaft mit dem Kopf auf den Tisch schlagen bei folgendem Satz: "...ein Stück wegzukommen von den Klischees der Dämonisierung ebenso wie der dubiosen Bewunderung der polarisierenden Zebtralfigur Putin". Und dann schweift der Blick nach links auf den aktuellen Spiegelcover...also woher kommt wohl die Dämonisierung, wenn man als Zeitschrift den Konflikt ausschließlich an einer Person festmacht und eben nicht sachlich drüber berichtet?Und es ist doch auch erstaunlich, das Frau Merkel als Gegenpart installiert wird. Gut, sie wird schon wissen weshalb sie vorgeschickt wird, wenn sie sich in Australien erst lange mit Putin inhaltlich beschäftigt und dann dennoch die vorbereitete drastische Rede hält.
2.
marthaimschnee 24.11.2014
Genau das ist der Punkt, warum wird zu einer solchen Diskussion jemand eingeladen, der in den 1970er Jahren feststeckt und offenbar auch nicht die geistige Kapazität besitzt, von dort jemals weg zu kommen.
3. Biermann
hj.binder@t-online.de 24.11.2014
Ich weiß nicht ob Biermann in der Lage ist, sein Leben, vor allem die Grundlage seines Lebens zu überschauen: Die DDR-Arbeiter habe die Ausbildung ermöglicht, die Wohnungen und das Brot bezahlt; die BRD-Arbeiter dann die Butter und den Schinken aufs Brot, Springer-Presse die Villa. (1986 sagte Eva-Maria Hagen in Bremen über Biermann: "Ein Springer-Schleimer").Nun also meinen Politik und Medien Seit an Seit und im Gleichschritt diesen Menschen hofieren zu müssen.Was sich Biermann im Bundestag erlaubt hat beleidigt jeden Demokraten; bei Jauch wird in der Regel weder Anstand noch Format erwartet.Fazit: Findet sich ein Arzt in Berlin oder sonst wo, der Biermann von seiner Geschäftsfähigkeit befreit; es wäre eine Wohltat für dieses nun zusammengenagelte Land.
4. Biermann...
ratzfatz49 24.11.2014
Ich fand den Biermann gar nicht so schlecht, wie er in Ihrem Bericht wegkommt. Immerhin hat Biermann klar Stellung zu Putin bezogen, und darauf hingewiesen, dass der Krieg schon längst ein heißer sei, zumindest in der Ukraine! Ich fand den Biermann jedenfalls interessanter als die nur um Sachlichkeit bemühten Mitdiskutanten, die sich allerdings manchmal um Wahrheiten drückten...
5. Nee, war keine gute Idee
kurpfaelzer54 24.11.2014
...den Biermann einzuladen. Einen substanziellen Beitrag konnte er nicht liefern statt dessen teilweise sinnentleertes Gebrabbel. Der Autobahn-Vergleich Hitler(fähig) Putin(unfähig) war einfach nur niveaulos.
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