Jauch-Debatte übers Sterben: Menscheln am Abgrund

Von Arno Frank

"Unheilbar krank - Leben mit dem Tod" - Günther Jauch hat am Sonntagabend ein unbequemes Thema auf die Agenda gesetzt. Dennoch dürfte selten so viel gelacht und geschmunzelt worden sein in der Talkrunde, die sich dieses Mal zum Großteil aus Todkranken zusammensetzte.

Der Bestattungsunternehmer Fritz Roth und die Ex-EKD-Vorsitzende Margot Käßmann beim Jauch Talk zum Thema "Unheilbar krank - Leben mit dem Tod": Warum ich? Warum nicht. Zur Großansicht
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Der Bestattungsunternehmer Fritz Roth und die Ex-EKD-Vorsitzende Margot Käßmann beim Jauch Talk zum Thema "Unheilbar krank - Leben mit dem Tod": Warum ich? Warum nicht.

Man könnte sich quotenträchtigere Themen vorstellen als jenes, das sich Günther Jauch im Rahmen der ARD-Themenwoche "Leben mit dem Tod" vorgenommen hat: "Unheilbar krank - Leben mit dem Tod". Die Diskussionsrunde setzt sich - man darf das so sagen - aus Sterbenden zusammen. Der Politiker Wolfgang Bosbach, der Bestatter Fritz Roth und der 25-jährige Bastian Brauns, der mit seiner ihn pflegenden Freundin eingeladen war: Sie alle leiden an Krebs. Und sie alle werden richtig gut damit fertig. Es ist eben, das muss man so sagen, auch eine Runde des Glaubens.

"Auf der anderen Seite, Frau Käßmann, wird der Tod aus unserer Gesellschaft ausgeblendet", liefert Jauch seinem einzigen gesunden Gast an diesem Abend das Stichwort. Ist das so? Wird nicht an allen Ecken und Enden gestorben? Über Sterbehilfe diskutiert? Tapfer gegen die Krankheit "gekämpft", als wär's eine Invasionsarmee? Und ist der schönheitswahnsinnige "Anti-Aging"-Boom nicht Ausdruck einer entsetzlichen Angst vor dem Tod?

Käßmann will trotzdem die "Todkranken ins Leben zurückholen" und den Exitus als Teil des Lebens verstanden wissen. Als Vertreterin einer Kirche, der die Menschen davonlaufen, bleibt sie in letzten Dingen eine Art metaphysische Versicherungsvertreterin. Als solche kann Käßmann den Tod natürlich nicht als Punkt, sondern nur als Doppelpunkt wahrnehmen, hinter dem es "irgendwie" weitergeht.

"Warum ich?" "Warum nicht?"

Jauch will von der Expertin auch wissen: "Wie kann ein an sich doch liebender Gott so etwas zulassen? Fordert Gott die Annahme des Leidens durch den Menschen?" Käßmann lässt den liebenden Gott so stehen und weiß natürlich, dass Gott nicht fordert, dem Menschen aber die Kraft geben will, das Leid "anzunehmen", weil er es - wir erinnern uns - am Kreuz selbst erlebt hat. Immerhin räumt sie ein, dass im Angesicht des Todes die Sache mit der Allmacht Gottes eines der "kniffligsten Probleme der Theologie" darstellt. Und dankenswerterweise kontert sie die blödsinnige Frage "Warum ich?" mit der letztgültigen Antwort: "Warum nicht?"

Trotz des unbequemen Themas dürfte selten so viel gelacht und geschmunzelt worden sein bei Günther Jauch. Er war umgeben von Leuten, die mit ihrem Schicksal einen Frieden geschlossen haben, der manchmal schon an Selbstzufriedenheit grenzte. Bosbach beispielsweise ließ sich nicht einmal von der Frage aus der Reserve locken, ob er - verdammt noch mal - nicht früher zum Arzt hätte gehen sollen. Über Konjunktivisches ist der Mann längst hinaus, damit mag er sich nicht auch noch belasten, hat aber einen munteren Rat: "Leute, runter vom Sofa und hin zur Vorsorge."

Der Tod ist sozusagen das härteste "weiche" Thema, das es gibt. Und so hatte Jauch an diesem Abend keine unterschiedlichen Positionen hervorzulocken oder gar Streitgespräche zu moderieren - obwohl beispielsweise die Sterbehilfe durchaus das Potential dazu hätte. Stattdessen erlebte der Zuschauer ein fast schon unheimliches Menscheln am Abgrund. Unheimlich deswegen, weil die moribunden Gäste in heiterer Gefasstheit ihrem Programmauftrag gerecht und nicht müde wurden, die zahlreichen Vorteile eines nahenden Todes aufzuzählen. Die Last, die abfällt. Die Dinge, die wichtig werden. Der Zuspruch, den man erlebt. Der Doppelpunkt.

Und so trieb die Sendung floskelselig und mit handelsüblicher Tröstlichkeit - man könnte auch sagen: banal - ihrem Ende entgegen, ohne ihren pragmatischen Servicecharakter zu verleugnen: Letzte Dinge sollten nicht aufgeschoben, sondern erledigt werden. Noch einmal die Seidenstraße bereisen, Dirk Nowitzki in Dallas spielen sehen oder 2013 für den Bundestag kandidieren. Solche Sachen. Und Kinder. Kinder finden den Tod anderer Leute interessant und sollten auf Beerdigungen mitgenommen werden, auch wenn sie noch am Grab ein Eis haben wollen.

Der Tod ist groß, so groß, dass er an diesem Abend sogar Rilke widerlegte: Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu kichern, mitten in uns. Das muss sie gewesen sein, die geheime Botschaft dieser Sendung wie der ganzen ARD-Themenwoche. Anders wäre Jauchs finaler Hinweis nämlich nur als frivole Geschmacklosigkeit zu verstehen, dass "wir alle irgendwann einmal werden sterben müssen,… aber vorher kommen noch die Tagesthemen mit Tom Buhrow".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 96 Beiträge
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    Seite 1    
1. Endlich
Spiegelleserin57 19.11.2012
...wird auch ein Thema mal aufgegriffen das uns mal wieder in die Realität zuürckbringt. Es geht eben nicht nur um Fun und es wird auch gezeigt dass es jeden von uns trifft, egal wer es ist. Dazu sei auch das Buch: Interview mit dem Tod empfohlen. Ein philosophisch stark angehauchtes Buch das den Leser zum Nachdenken bringt , etwas für unsere Spaßgesellschaft.
2. Der Tod ....
mexi42 19.11.2012
geht mich nichts an: Wenn ich bin, ist er nicht; wenn er ist, bin ich nicht.
3. Abgeschaltet
panzerknacker51 19.11.2012
Zitat von sysopdapd"Unheilbar krank - Leben mit dem Tod" - Günther Jauch hat am Sonntagabend ein unbequemes Thema auf die Agenda gesetzt. Dennoch dürfte selten so viel gelacht und geschmunzelt worden sein in der Talk-Runde, die sich dieses Mal zum Großteil aus aus Todkranken zusammensetzte. Jauch-Talkrunde über den Tod - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/jauch-talkrunde-ueber-den-tod-a-867961.html)
Bei der Vorstellung der Gäste konnte man als jemand, der fast seine ganze Familie beim Sterben begleitet und letztlich zu Grabe getragen hat, schon Böses ahnen. Wieso war eigentlich kein Vertreter der Sterbehilfe dabei? Die Anwesenheit von Frau Käßmann hat mich zum Abschalten bewogen ...
4. Materie, Material, Vergaengliches! Das Leben.
papayu 19.11.2012
Wir werden geboren um zu sterben!! Irgendwo habe ich dieses Satz gelesen. Und das ist die Wahrheit!! Die Aerzte bruesten sich mit Lebensverlaengerungsmass- massnahmen, Herz, Nieren etc werden ersetzt. Was hat der Mensch davon?? Eine Zeitlang laenger da zu sein und warum? Diese Unwissenheit, was danach geschieht wird schamlos von den Religionen ausgenutzt. Die Katholiken sprechen vom Leben nach dem Tode. Das gibt es nicht, aber die Angst davor, einfach so zu verschwinden wie man gekommen ist, treibt diese Unwissenden in die Religionen. Und wegen dieser Unwissenheit wurden und werden immer noch Kriege gefuehrt. Wer gewinnt hat recht!! Mein Testament habe ich mit 70 Jahren gemacht, jetzt bin ich 74, alles ist geregelt. Da ich als Atheist mit einer Katholikin verheiratet bin, werden ich wohl mit allem Brimborium zum Gottesacker gefahren in einem weissem Sarg mit Sichtfenster und die Leute singen Rock und Pop und freuen sich, dass das schreckliche Erdendasein fuer mich zu Ende ist. Und am 1. Nov. kriege ich dann Besuch, die Hinterbliebenen machen Picknick auf meiner Steinplatte, spielen Karten und betrinken sich. Und ich darf von unten zuschauen. Ehrlich, ich freu mich drauf!! Doch das gibt es, nein nicht in Europa, in Asien!!!
5. Die Diagnose von meinem Krebs
daujoons 19.11.2012
war nicht die Botschaft davon, dass ich sterben werde, sondern nur die Erinnerung daran, dass dieses ganz gewiß passieren wird. Auch ohne Krebs. Dies zu akzeptieren, war der eigentliche Schrecken...
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