Zum Tod von Jens Büchner Ein lautes, schiefes Schalalala

"Wenn es dir schon scheiße geht, dann wenigstens dort, wo es schön ist": Seine Tragik hat "Mallorca-Jens" Büchner selbst erkannt, nun ist er tot. Am erfolgreichsten war er damit, unerfolgreich zu sein.

imago/ Chris Emil Janßen

Ein Nachruf von


Der Soundtrack seines Lebens ist ein lautes, schmettriges, ein bisschen schiefes Schalalala. So ein trotziges, im dunklen Keller zu singendes, Rotz hochziehendes Selbstaufmunterungs-Jodlerchen, wie es in den meisten seiner Lieder vorkommt: "Ich bin ne arme Sau/ Schalalalala / hab kein Geld und keine Frau", oder "Geld weg, Frau weg, Laden weg / Schalalala, alles weg / ich bin pleite, aber sexy", hieß es in diesen Bankrott-Bänkelgesängen, und sie fassen die Tragik des Jens Büchner in wenigen Knittelversen zusammen: Am erfolgreichsten war er damit, unerfolgreich zu sein.

Geboren wurde er 1969 im sächsischen Zwenkau, wuchs im Dorf Eythra auf, das in den achtziger Jahren vom Kohlebergbau überbaggert wurde. Zunächst lernte Jens Büchner Schlosser, dann folgte eine ganze Kaskade von Berufen und "Berufen", die ineinanderpurzelten wie unsachgemäß arrangierte Dominosteine: Er war hauptamtlicher Stasimitarbeiter, Finanzwirt, Küchenhilfe im Bistro "König von Mallorca", Heizungsverkäufer, Schmuckdesigner, Badehosenmodel, Hotelier, Gastronom - und Schlagersänger. Ein Scheiterhaufen.

Ein Fernsehgeschöpf, für das Trash-Genre geschnitzt

Seit 2011, kurz nach seiner Übersiedelung nach Mallorca, wurde seine Scherbenreise dabei von der Sendung "Goodbye Deutschland - Die Auswanderer" begleitet. Bald gehörte er zum festen Ensemble der Sendung, trat in Specials auf, zuletzt am 12. November, als er in vor Monaten gedrehten Szenen, sichtbar angegriffen und erschreckend dünn, über seine angeschlagene Gesundheit klagte: Sein "Dreckslokal", die inzwischen geschlossene "Faneteria", die er mit seiner Frau Daniela betrieb, habe ihm schlimme Magengeschwüre beschert, weil er mangels Personal die meiste Arbeit selbst habe erledigen müssen. Man sah ihm dabei zu, wie er ungelenk einen traurigen Zuckerrand an ein Cocktailglas fabrizierte.

Jens Büchner war ein Fernsehgeschöpf, eine für die Bedürfnisse des Trash-Genres geschnitzte Figur und ein oft schlecht beratenes, von Format zu Format trudelndes Teilchen, dem diese Abhängigkeit völlig klar zu sein schien. Er ließ sich das Logo des "Auswanderer"-Kanals Vox wie einen Markenstempel auf den Arm tätowieren, als sei er ein Teddybär und der Sender sein Hersteller. Darüber trug Büchner ein zweites Tattoo, die Namen seiner leiblichen Kinder, die er mit drei Frauen hatte: Jenny, Jessica, Leon, Diego und Jenna. Seine zweite Ehefrau Daniela brachte drei eigene Kinder mit in die Beziehung.

Umrahmt waren die Namenstattoos vom Umriss der Insel, auf der Büchner in sonderbaren Orten wie seinem Laden "Store & More" oder der Trashsängerbar "Krümels Stadel" dem Glück hinterherstolperte. "Wenn es dir schon scheiße geht, dann wenigstens dort, wo es schön ist", sagte Büchner einmal. Die Insel und alle beruflichen und privaten Debakel, die er auf ihr erlebte, wurden schließlich Teil seines Namens: Mallorca-Jens, oder einfach nur Jenser, Nachname nicht mehr nötig.

Manchmal konnte der Jenser auch rühren

Seine "Goodbye Deutschland"-Popularität verschaffte ihm schließlich die Teilnahme an prominenteren Trash-Formaten. Büchner saß im Dschungelcamp, wo er unter Tränen von einer falschen Krebsdiagnose erzählte - eineinhalb Monate lebte er danach im Glauben, unheilbar krank zu sein, woraufhin er sich selbst aufgegeben und in kürzester Zeit 7000 Euro versoffen hatte. (Was bitter ist: Lungenkrebs sollte knapp zwei Jahre später tatsächlich die Todesursache sein.) Im "Sommerhaus der Stars" spuckte er, begleitet von seiner Frau, als "Team Büchner" Gift und Galle gegen diverse Mitbewohner, erzählte viel und stolz von seinem bar bezahlten Mercedes, dem Luxusleben auf Mallorca.

Bei Youtube gibt es ein Video namens "Jens Büchner grölt Schlager bei Kik in Tangermünde". Das kurze, zwei Jahre alte Filmchen zeigt exakt das, und womöglich ist dieser Videotitel die beste pars-pro-toto-Formulierung, wenn man Büchners unterhaltendes Schaffen in einem Satz beschreiben sollte.

Dieses unablegbar Gröhlerische, es nervte oft. Manchmal, in seltenen stillen Momenten, konnte der Jenser auch rühren. Etwa, wenn er - wohl in Ermangelung eigenen Gepäcks - mit einem Kinderkoffer, den die Eisprinzessin Elsa zierte, nach Australien ins Dschungelcamp reiste. Oder wenn bei Team Büchner selbst ein relativ unkompliziertes Unterfangen wie ein neues Tattoo schiefging. "King" und "Queen" wollten sich die Büchners auf den Arm ritzen lassen, ein trauriger Ballermann-Schmierabklatsch des Bowieschen "We could be heroes"-Gedanken: I, I will be king, and you, you will be queen.

So lange bemühte er sich, es zu schaffen, ohne wohl selbst ganz genau zu wissen, was "es" eigentlich sein sollte. Aber nicht einmal symbolisch wollte der Aufstieg, der Erfolg, die Krönung gelingen. Ein komischer Endschnörkel verhunzte die Allmachtsträume, und am Ende waren die Büchners dann also doch nur "King" und "Queem".

Eigentlich Stoff für ein neues Schalala-Scheißdrauf-Lied, das der Jenser nicht mehr singen kann.



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k.k.laake 18.11.2018
1. Wir haben Jenser doch alle gerne scheitern sehen.
Aber SO scheitern sehen wollte ihn keiner. Rest in Peace.
schoeneberg 18.11.2018
2. Nachruf?
Hallo, persönlich finde ich den Artikel etwas daneben. Auch mir ging der Mann in der Sendung gbd auf die Nerven aber mehr weil Vox sowas auch gezeigt hat. Selbst hat der Mensch mir nix getan. Er hat immer gearbeitet und ist immer wieder aufgestanden. Von Scheiterhaufen zu sprechen empfinde ich da als unmenschlich. Wenn man das Format kritisieren möchte dann nicht am Tod von Jens Büchner, der war nur ein einfacher Mensch.
kingcole 18.11.2018
3. Fra Rützel, Lebeensentwürfe konnen scheitern.
Ich habe keine einzige Sekunde oder ein Wort von Hernn Büchner gesehen oder gelesen, von daher kann ich kein Urteil abgegeben. Aber ein solch unerheblicher Verriss, wie sie ihn schreiben, muss ich ehrlich sagen, finde ich abstoßend. Man kann fur sie nur hoffen, dass ihr Leben stabil bleibt und dass sie nicht aufgrund von Schicksalsschlägen nicht eines Tages selber den Maßstab verlieren und dann vielleicht auch ein wenig zum Jenser werden.
muellpost 18.11.2018
4. Neues Level erreicht, Frau Rützel.
Ich bin wahrlich kein Fan von Trash-Formaten und dem heutigen Fernsehen, dennoch muss ich sagen, dass Ihr Artikel absolut pietätlos ist und für mich ein neues Level an Geschmacklosigkeit erreicht hat. Nach dem Tod einer Person (welcher auch immer) sich fast schon schadenfreudig im öffentlichen Format (hier) abwertend auszulassen, in der Hoffnung mit journalistisch-sarkastischem Schreibstil bei den Lesern zu punkten, überschreitet für mich die Grenzen des Respekts und der Pietät. Sie sollten sich schämen, Frau Rützel. Aber vielleicht schreibt ja jemand nach Ihrem Verbleib auch einmal einen Artikel über Sie, in dem ihre Orientierungslosigkeit im Leben für Menschen, die natürlich erfolgreich im Leben sind und eine lineare von Eltern unterstützte Kindheit hatten, lachhaft hervorgebracht wird. Schämen Sie sich, Frau Rützel.
loehnemann 18.11.2018
5. Er hat nie aufgeben
Liebe Anja Rützel, ganz fantastisch geschrieben! Was mich selbst wundert, ist, wie nah mir sein Tod geht und wie viel Leute überhaupt auch Kommentare über ihn in den sozialen Medien hinterlassen. Fand ich ihn anfangs unmöglich, so wuchs doch mein Respekt vor ihm. Ich glaube, es liegt daran, dass Jens Büchner nie aufgegeben hat und alles probiert hat, um seinen Traum zu verwirklichen.
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