Jodie Foster im Interview "Ich will kein Soundbite für den Weinstein-Skandal sein"

Wenn die Helikopter-Mutti durchdreht: Die erste Episode der neuen "Black Mirror"-Staffel wurde von Jodie Foster inszeniert. Hier spricht sie über ihre eigenen Mutter-Obsessionen und die Folgen der #MeToo-Debatte.

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Zur Person
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    Jodie Foster, 1962 in Los Angeles geboren, wurde schon mit drei Jahren von ihrer Mutter zu Castings geschickt. Den Durchbruch zum Hollywoodstar erlebte sie 1976 in Martin Scorseses "Taxi Driver", für die Rolle als Teenager-Prostituierte erhielt sie eine Oscar-Nominierung. Für "Angeklagt" (1988) und "Das Schweigen der Lämmer" (1991) wurde Foster jeweils mit einem Oscar als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Zuletzt trat Foster verstärkt als Regisseurin auf, vor "Black Mirror" drehte sie Episoden für "Orange Is the New Black" und "House of Cards"; ihr letzter Kinofilm "Money Monster" lief 2016 an. Foster ist Mutter zweier Söhne und lebt mit ihrer Frau, der Fotografin Alexandra Hedison, in Südkalifornien.

SPIEGEL ONLINE: Frau Foster, die vierte Staffel von "Black Mirror" beginnt mit einer von Ihnen inszenierten Episode. Was reizt Sie an der Serie?

Foster: Ich liebe Anthologien, weil du nie weißt, was als Nächstes kommt. Das einzige Grundmotiv bei "Black Mirror" ist die düstere Vorahnung davon, wie sich unsere Technologie weiterentwickelt. Aber formal kann es ein Polizei-Thriller sein, ein Science-Fiction-Film oder eine abgedrehte Komödie. Meine Episode ist so eine Art Ingmar-Bergman-Film mit Indie-Attitüde.

SPIEGEL ONLINE: Es geht in der Folge um eine alleinerziehende Mutter, die ihr Kind manisch und mit beängstigender Technologie kontrolliert, und die Tochter, die sich aus dieser totalen Überwachung befreit - das erinnert an Ihre eigene Biografie. Mit wem haben Sie sich als Regisseurin mehr identifiziert?

Foster: Mit beiden, glaube ich. Die Mutterfigur glaubt ja tatsächlich, dass sie und ihre Tochter ein und dieselbe Person sind: Das Kind war immerhin mal Teil ihres Körpers! Dazu kommt die besondere Beziehung zwischen Müttern und Töchtern. Es stimmt, auch ich wuchs mit einer alleinerziehenden Mutter auf, sie war in jeden Aspekt meines Lebens involviert, meine Karriere inklusive. So toll diese Beziehung war - meine Mutter ist eine großartige Frau -, es war zugleich auch ein Kampf. Individualisierung war sehr schwer für mich. Es ist die komplizierteste und intensivste Beziehung, die ich je hatte und haben werde.

Zur Sendung
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    "Black Mirror" ist eine britische Science-Fiction-Serie, die seit 2012 zu den populärsten TV-Formaten Großbritanniens gehört. Erdacht wurde sie vom ehemaligen Videospiele-Kritiker und TV-Comedian Charlie Brooker zusammen mit der Produzentin Annabel Jones. Beim britischen Sender Channel 4 erschienen bis 2015 zwei Staffeln mit je drei inhaltlich autarken Episoden, in denen moderne Technologie und ihre Auswirkung auf die Gesellschaft in eine zumeist düstere Zukunft projiziert wird. Seit der dritten Staffel (2016) ist "Black Mirror" mit je sechs Folgen bei Netflix zu sehen. "Arkangel", den Auftakt der vierten Staffel (ab 29. Dezember 2017), inszenierte Jodie Foster mit Rosemarie deWitt in der Hauptrolle einer Mutter, die ihr Kind mit einem Überwachungs-Implantat ausstatten lässt.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Episode benutzt die Mutter ein Gerät namens "Arkangel" und ein Implantat im Kopf ihrer Tochter, um sie auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Können Sie den Wunsch nachvollziehen?

Foster: Natürlich, es geht ja darum, die Kontrolle darüber zu verlieren, wie das Leben deines Kindes verlaufen wird. Aber das ist wiederum die Essenz von Freiheit, nicht wahr? Dass jeder selbst entscheiden kann und muss, ob er oder sie letztlich im Gefängnis landet oder Präsident wird. Diese Ungewissheit auszuhalten, ist das, womit die Mutter in "Arkangel" nicht umgehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben selbst zwei Söhne, einer von ihnen ist noch ein Teenager. Waren oder sind Sie eine überfürsorgliche Mutter?

Foster: Ich war nie so sehr von Sorge um die Sicherheit meiner Kinder geplagt. Aber es gab keinen Moment, in dem ich nicht an sie gedacht habe. Ich erinnere mich noch gut daran, nachts wach zu liegen und mich verrückt zu machen: Mal waren es quälende Gedanken über eine orthopädische Missstellung bei einem Fuß meines Sohnes: Was, wenn die Physiotherapie nicht anschlägt? Wie wird er gehen können, wenn er älter ist? Mal fragte ich mich, in welche Richtungen sich die beiden moralisch entwickeln würden. Stundenlang. Es ist eine Obsession.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft haben Sie sich schon einen "Arkangel"-Apparat gewünscht?

Foster: Ich weiß nicht, ob mir so ein Überwachungs-Tablet wirklich geholfen hätte. Die Idee jedoch, zu sehen, was dein Kind sieht, jede neue Erfahrung mitzumachen und sie gegebenenfalls sogar vor Negativem zu beschützen, hat definitiv einen Reiz. Du willst ja nicht, dass deine Kinder dasselbe durchmachen müssen wie du selbst. Du willst nicht, dass sie so werden wie du. Aber wenn sie dann tatsächlich anfangen, Individuen zu werden, willst du ihnen die Kniescheiben brechen, damit sie nicht weglaufen können.

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Jodie Foster: Zwei Oscars und eine Weltkarriere

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Hollywoodstar und anerkannte Regisseurin. Warum stellen Sie sich in den Dienst einer Fernsehserie?

Foster: Ich stelle mich sehr gerne in den Dienst von Charlie Brooker, dem "Black Mirror"-Schöpfer. Er ist sehr talentiert und hat wichtige Dinge zu sagen. Natürlich ist das Arbeiten anders und irritierend für mich: Ich bin es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. Aber es ist sehr schön, jemanden zu unterstützen, der dieselbe Aufmerksamkeit verdient. Gleichzeitig hatte ich als Regisseurin alle Freiheiten, exakt den Film zu drehen, den ich wollte. Die Zusammenarbeit mit Charlie und seiner Produzentin Annabel Jones war eine der besten Erfahrungen, die ich je gemacht habe.

SPIEGEL ONLINE: Erfahrung ist ein gutes Stichwort. Sie arbeiten seit über 50 Jahren in Hollywood. War Ihnen bewusst, wie viel Missbrauch mächtige Männer wie Harvey Weinstein betrieben haben?

Foster: Ich wusste es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wirklich nicht?

Foster: Nein. Und ich werde auch keine Kommentare dazu abgeben. Ich kenne Harvey Weinstein nicht und habe nie einen Film mit ihm gemacht. Mir ist ganz wichtig, dass Sie das aufschreiben, denn ich will kein Soundbite für den Weinstein-Skandal sein.

SPIEGEL ONLINE: Auf einer abstrakteren Ebene: Wie bewerten Sie das, was im Zuge der Missbrauchs-Enthüllungen gerade geschieht?

Foster: Es ist ein Wendepunkt für Frauen, ganz sicher in der Entertainmentindustrie. Aber hoffentlich auch in jedem anderen Bereich: im Supreme Court und der Präsidentschaft ebenso wie in der Fabrik, die Ihre Schuhe herstellt. Ich hoffe, es verändert sich für Frauen und Männer, Schwarze und Weiße, Arm und Reich. Es geht nicht nur um Hollywood und einen bestimmten Prototyp. Ich habe zu dem Thema schon vor 20 Jahren einen Film gemacht.

SPIEGEL ONLINE: "Angeklagt" von 1998, in dem Sie eine junge Frau spielen, die verzweifelt versucht, ihre Vergewaltiger vor Gericht zu bringen.

Foster: Ja, das war ein bahnbrechender Film, der den Menschen zu jener Zeit die Augen geöffnet hat. Darüber, dass es nicht nur um Taten geht, die gegen Gesetze verstoßen, sondern auch um eine viel subtilere Kultur der Diskriminierung, in der Frauen leben müssen. Darüber wird heute wieder geredet. Und das Interessanteste sind die wundervollen Erzählungen von all diesen umwerfend eloquenten Frauen, die sich jetzt zu Wort melden. Jede von ihnen hat eine eigene Wahrheit, die individuell und kompliziert ist. Es geht um Schamgefühle und die Bedingungen, unter denen wir aufgezogen werden. Um die Stärke und die Rüstungen, die wir uns als Frauen mühsam aneignen mussten, um als Bürger zweiter Klasse durchs Leben zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum trauen sich viele Opfer erst jetzt, von ihren Erlebnissen zu erzählen?

Foster: Möglich wäre es immer gewesen, aber erst jetzt haben wir, dank unserer Technologie, Mittel und Wege, unsere Geschichten zu verbreiten.Wenn du ein Teenager in einem 20-Einwohner-Kaff in Alaska bist, weitab von großen Städten, dann weißt du dank Internet trotzdem, dass es so etwas wie LGBT gibt. Die Demokratisierung von Kommunikation hat Menschen eine Stimme gegeben, die vorher keine hatten. Andere Seiten des Internets sind nicht so toll, klar. Aber dieser Aspekt ist großartig und gesund.

SPIEGEL ONLINE: Was muss geschehen, damit sich Dinge wirklich ändern?

Foster: Wir sollten nicht dem Irrglauben verfallen, dass die Opfer sich verändern oder etwas tun müssen. Wir alle müssen verhindern, dass es überhaupt Opfer gibt, indem sich das kollektive Bewusstsein ändert. Das fängt bei meinen Söhnen an, bei der Frage, wie wir Menschen in unserer Kultur erziehen - und wie unsere Kultur uns erzieht.

SPIEGEL ONLINE: "Black Mirror" blickt eher skeptisch in die Zukunft. Und Sie?

Foster: Uff, es ist schwer, optimistisch zu sein. Wir leben in schmerzhaften Zeiten. Aber wenn Sie in die Geschichte blicken, dann war es immer so: Jede echte kulturelle Umwälzung ging auch mit viel Leid einher.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
abwinken 23.12.2017
1. Aha
Andere Seiten des Internets sind nicht so toll, aber diese hier könnte passen. Tolle Erkenntnis, danke Jodie.
el-loco 23.12.2017
2. Respekt
Die Frau hat echt Eier! (Darf man das überhaupt noch so sagen ohne verklagt zu werden?) Als Hollywood- Schwergewicht wäre es ihr sicher ein Leichtes, irgendein belangloses Anekdötchen hervorzukramen, aufzuhübschen (nennt man heute ja gern auch interpretieren oder empfinden) und auf den Opferzug aufzuspringen um ein Stückchen der Skandaltorte abzufassen. Tut sie aber nicht. Man kann sie als Schauspielerin mögen oder hassen, allein diese Geradlinigkeit, Unbeugsamkeit und Offenheit zu diesem Thema und in der heutigen Zeit verdient meinen allerhöchsten Respekt!
vulcan 24.12.2017
3.
Zitat von el-locoDie Frau hat echt Eier! (Darf man das überhaupt noch so sagen ohne verklagt zu werden?) Als Hollywood- Schwergewicht wäre es ihr sicher ein Leichtes, irgendein belangloses Anekdötchen hervorzukramen, aufzuhübschen (nennt man heute ja gern auch interpretieren oder empfinden) und auf den Opferzug aufzuspringen um ein Stückchen der Skandaltorte abzufassen. Tut sie aber nicht. Man kann sie als Schauspielerin mögen oder hassen, allein diese Geradlinigkeit, Unbeugsamkeit und Offenheit zu diesem Thema und in der heutigen Zeit verdient meinen allerhöchsten Respekt!
Klar darf man das sagen - wenn man denn meint, solcherlei Ausdrucksweise überhaupt benutzen zu müssen... Und wieso ist es eine besondere Leistung von Foster, sich hier zurückzuhalten? Es ist ja nicht ausgeschlossen, dass sie tatsächlich keinerlei solche Erfahrungen hat, nicht? Außerdem implizieren Sie unterschwellig, dass viele, die jetzt mit 'Anekdötchen' oder Ernsterem an die Öffentlichkeit kommen, sich nur wichtig machen wollen. Mögen wohl auch welche dabei sein... Aber Foster hat es nun wirklich nicht nötig, sich auf irgendeine Weise zu verbiegen oder auf irgendwelche Züge aufzuspringen - wie Sie schon sagen: Hollywood-Schwergewicht. Das braucht nicht groß bewundert zu werden; ist vielmehr eine Selbstverständlichkeit, oder?
thomas.mank 24.12.2017
4. Ein richtig gutes Interview
Mit einer wirklich klugen Person.
hexenbesen.65 24.12.2017
5.
Jodie Foster ist eine super-intelligente Frau (IQ jenseits der 132 ) und eine super Schauspielerin. Sie hat es nicht nötig, mit erfundenen (Schmier-) Geschichten um Aufmerksamkeit zu buhlen. Die meisten der "Stars" kennt man ja nicht mal, die angeblich von Weinstein missbraucht worden wären...(was allerdings nicht heist, dass er unschuldig wäre....bei SO VIELEN Anschuldigungen ) Aber da werden sehr viele Trittbrettfahrer dabei sein, um wenigstens für drei Sekunden in die Öffentlichkeit zu kommen..
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