Ehepaar Kachelmann bei Jauch: Nachgeplapperte Lügen

Von Stefan Niggemeier

Er wurde vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen, trotzdem musste sich Jörg Kachelmann im Sonntagabend-Talk der ARD beschimpfen lassen. Ex-"Bild"-Mann Tiedje durfte ungebremst über den Wettermann herziehen, Gastgeber Jauch zeigte sich unsicher - und ahnungslos.

Jauch-Talk: Kachelmanns Richter Fotos
DPA

Am Samstag twitterte Jörg Kachelmann mit typisch schwarzem Humor: "Hurra, Opfer von Falschbeschuldigungen bekommen nur ein Berufsverbot von 8 Jahren! Ich werde 2019 zurueck an Deck sein!" Er bezog sich auf die gerade angekündigte Rückkehr von Andreas Türck auf den Bildschirm, acht Jahre nachdem der Moderator angeklagt worden war, eine Frau vergewaltigt zu haben.

Es gibt mindestens einen gravierenden Unterschied zwischen den beiden Fällen: Anders als Kachelmann hat Türck nach seinem Freispruch nicht wütend öffentlich zurückgeschlagen. Vielleicht wird er deshalb heute selbst von seinen größten damaligen medialen Gegnern mit offenen Armen wieder in der Öffentlichkeit empfangen. Anders als bei Kachelmann deuten sie sogar den Ausgang des Prozesses nachträglich um.

Was ist ein Freispruch wert? Im Zweifel nichts

Hans-Hermann Tiedje, der frühere Chefredakteur von "Bild", sprach es bei Günther Jauch gestern aus und sagte Kachelmann ins Gesicht: Andreas Türck habe im Gegensatz zu ihm einen "Freispruch erster Klasse" bekommen, wegen erwiesener Unschuld. Moderator Jauch widersprach nicht, und Online-Medien plapperten die praktische Lüge vom richtig freigesprochenen Türck und dem nur halb freigesprochenen Kachelmann sofort weiter. Dabei galt auch bei Türck "in dubio pro reo". Die Vorsitzende Richterin sagte in ihrer Urteilsverkündung, eine Vergewaltigung konnte "nicht mit der zu einer Verurteilung erforderlichen Sicherheit" bewiesen werden.

Insofern gab Tiedje indirekt die Antwort auf die Frage, die Jauchs Talkshow gestern zu stellen vorgab: "Was ist ein Freispruch wert?" - im Zweifel nichts. Kachelmann saß wieder als eine Art Angeklagter in der Sendung und musste sich von Tiedje beschimpfen lassen. Dass jemand bis zum Beweis des Gegenteils als unschuldig zu gelten hat und dass der Beweis der Schuld im Fall Kachelmann in keiner Weise erbracht wurde, das erschien in der Sendung wie eine weltfremde Absonderlichkeit von Juristen, ohne lebenspraktische Relevanz.

Tiedje bestand darauf, Kachelmann als möglichen Vergewaltiger zu behandeln und wurde dabei von einem Teil des Studiopublikums unterstützt, das demonstrativ applaudierte, wenn er Kachelmann als bloßen "Wetterfuzzi" bezeichnete, ihm einen "miesen Charakter" attestierte und über das von Kachelmann und seiner Frau geschriebene Buch feststellte: "Es sind schon bessere Bücher geschrieben worden" - als ob es darum ginge.

Moderator Jauch ahnungslos und unsicher

Aus Tiedjes Worten und der Stimmung, die nicht nur in der Sendung vorherrschte, spricht eine Haltung, die Alice Schwarzers "Emma" am brutalsten formulierte. Auf der Internetseite des Frauenmagazins schrieb Schwarzer vergangene Woche: "Man sollte eigentlich meinen, dass jemand, der einer Vergewaltigung mit vorgehaltenem Messer angeklagt ist und nach acht quälenden Monaten zwar freigesprochen wird - aber nicht etwa wegen 'erwiesener Unschuld', sondern wegen des Grundsatzes: 'Im Zweifel für den Angeklagten' -, dass so einer Grund hat zum Schweigen." Sie fordert von Kachelmann Demut und Dankbarkeit, als sei er in irgendeinem Sinne schuldig. Was ist ein Freispruch wert? Im Zweifel nichts.

Es war eine schrecklich frustrierende Sendung, wie offenbar auch Jauch bewusst war, der sich am Ende mit den Worten verabschiedete, dass alle "relativ unbefriedigt" aus dem Gespräch gegangen seien. Die Show zeigte eindrucksvoll, wie wenig sie in der Lage ist, der Wahrheitsfindung zu dienen, insbesondere wenn ihr Moderator so ahnungslos und unsicher ist wie Jauch. Zu keinem Moment schaffte er es, im allgemeinen Rumgemeine und Empörungsgeschrei Inseln des Verständnisses und der Tatsachen zu schaffen.

Man kann ja über die These der Kachelmanns streiten, dass viele echte Vergewaltigungen nicht angezeigt werden, aber viele der angezeigten Vergewaltigungen vorgetäuscht sind. Man könnte sogar nach Indizien und Belegen dafür oder dagegen suchen. Aber dazu müsste man diese These überhaupt erst einmal verstanden haben. Jauch trug nichts dazu bei.

Dass Jörg Kachelmann als jemand erschien, der aus Wut über eigenes, bloß subjektiv empfundenes Unrecht nun wild um sich schlägt und unzulässig verallgemeinert, lag nicht nur am Ungeschick des früheren Moderators und der Unmöglichkeit seiner Doppelrolle als Rächer in eigener Sache und Kämpfer gegen echte oder vermeintliche Missstände. Es lag vor allem auch an der Unfähigkeit der Sendung, sich für Tatsachen zu interessieren.

Die vermeintliche Stimme des Volkes

Jauch hatte sich von Anfang an in seiner Rolle als vermeintliche Stimme des Volkes verheddert. Er wiederholte die verquere Logik des Gerichtes und vieler Medien, dass jemand, der Frauen betrügt, auch Frauen vergewaltigt, und stellte Miriam Kachelmann die absurde Frage, ob sie sich nicht gedacht hätte: "Wenn der mich schon so belogen hat, dann wird er möglicherweise auch eine Vergewaltigung leugnen." Und am Ende wollte er von Kachelmann wissen, ob er dem Satz zustimmt, dass dieser Prozess "ausschließlich Verlierer produziert" hat - was irgendwie zu suggerieren schien, dass Kachelmann diesen Prozess gesucht hätte.

Der frühere Innenminister Gerhart Baum und der ehemalige Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichtes Winfried Hassemer konnten zum konkreten Fall auch nicht viel beitragen. Sie erklärten aber immerhin, dass Kachelmann Unrecht geschehen sei, nicht zuletzt dadurch, dass die Staatsanwaltschaft offenbar ausgerechnet in der Phase, in der sich Kachelmann am wenigsten wehren konnte, Akten an die Presse reichte. "Dass Medien und eine schwache Staatsanwaltschaft auf diese Weise auf Kosten des Betroffenen kooperieren, kann nicht sein", sagte Hassemer. Gegen ein solches "Durchstechen" müsse entschiedener vorgegangen werden, forderten Baum und Hassemer.

Was ist ein Freispruch wert? Andreas Türck könnte dazu Auskunft geben, aber er hält sich zurück. Gegenüber SPIEGEL ONLINE sagte er am Wochenende über die vergangenen Jahre nur: "Unter Menschen habe ich mich immer getraut. Ich habe mich eigentlich immer wohl gefühlt, sobald ich jemandem persönlich gegenüberstand und persönlich mit ihm reden konnte. Ganz anders aber war es, wenn die persönliche Ebene wegfiel." Die Erfahrungen, die er während des Prozesses gemacht habe, hätten für ihn "bis heute etwas Unfassbares"; "die Wunden, die dadurch entstanden sind, heilen schwer".

Über Parallelen zum Fall Kachelmann mag er nicht reden, und er will auch nicht sagen, ob acht Jahre vergehen mussten, bis er wieder vor der Kamera stehen konnte, oder ob das auch schon früher gegangen wäre.

Aber nach Kachelmanns Auftritt bei Jauch und der Art, wie sein Fall dort behandelt wurde, spricht ohnehin nichts dafür, dass der Wettermann sich darauf einstellen kann, 2019 rehabilitiert zu sein.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 402 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Danke...
Applefan75 15.10.2012
...endlich mal ein differenzierter Beitrag zu dieser äußerst schwachen Sendung. Das war noch schlimmer als RTL-Niveau. Danke auch für die Erwähnung des Applauses durch die Zuschauer bei den geistigen Ergüssen des Herrn von der Boulevardpresse. Sollte der Applaus nicht durch entsprechende Aufforderungsschilder produziert worden sein, ließe alleine das leider tief blicken...
2. Nicht alle sind Verlierer
al.dente 15.10.2012
BILD und Bunte sind auf jeden Fall Gewinner. Sie haben eine trübe Suppe gekocht und dadurch ihre Auflagen gesteigert. Und dass ausgerechnet ein ehemaliger Bild- und Bunte-Chefredakteur Herrn Kachelmann moralische Vorhaltungen macht, ist ein schlechter Witz.
3. .
willi_der_letzte 15.10.2012
Die "Fackel und Heugabel" Fraktion unter Führung von "Bild" hat mal wieder ihr Verständnis der Welt gezeigt.
4.
Olaf 15.10.2012
Zitat von sysopDPAEr wurde vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen, trotzdem musste sich Jörg Kachelmann im Sonntagabend-Talk der ARD beschimpfen lassen. Ex-"Bild"-Mann Tiedje durfte ungebremst über den Wettermann herziehen, Gastgeber Jauch zeigte sich unsicher - und ahnungslos. Jörg und Miriam Kachelmann bei Günther Jauch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/joerg-und-miriam-kachelmann-bei-guenther-jauch-a-861271.html)
Der Auftritt von Herrn Tiedje hat mir am wenigsten gefallen. Sind das solche Leute die für ihren angeblichen Qualitätsjournalismus ein Leistungsschutzgesetz fordern? Jauch war erkennbar bemüht bei einem sensiblen Thema möglichst objektiv zu bleiben. Bis auf die Äußerungen von Herrn Tiedje aber eine interessante und sehenswerte Diskussion.
5. ja ja
nickellodeon 15.10.2012
der gute Herr Baum. Wer das vergnügen hatte, ein so schwach informierten und stark argumentierenden Richter/in vor sich zu haben, weiß, das Kachelmann recht hat und das wir Männer Justizia als Frau begreifen müssen und diese auf dem einen Auge auch noch blind ist. Die Mär, das nur Frauen vergewaltigt werden, soll Dr mal in Klosterschülerinternaten anbringen. Bei Tiedjen darf man nicht vergessen, auf die Uhr zu schauen, wenn er guten Abend sagt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Televisionen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 402 Kommentare