Letzte "Daily Show" mit Jon Stewart Retter der Unterforderten

Wer diese Zeiten kapieren will, muss sich intellektuell anstrengen: Jon Stewart hat mit seiner "Daily Show" für die Art von politischer Aufklärung gesorgt, die traditionelle Medienkonzerne für überholt hielten. Ein Rückblick auf seine Sternstunden.

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AP

Ganze Dissertationen werden einmal der Frage nachgehen, wie seit dem Ende der Neunzigerjahre eine etwas obskure Comedy-Show auf einem marginalen Sender ohne nennenswertes Management, moderiert von einem kaum bekannten Comedian, zu einem der wichtigsten kulturellen Phänomene der Vereinigten Staaten aufsteigen konnte.

Jetzt, kurz bevor Jon Stewart die Moderation der "Daily Show" abgibt, fehlt in keinem amerikanischem Qualitätsmedium der Versuch einer Würdigung dieser herausragenden journalistischen und kreativen Leistung. Präsident Obama kam ein letztes Mal in die Sendung, um seinen Respekt zu bezeugen. Stewart wird mit Ehrfurcht verabschiedet, ein Held der populären Kultur, wie es früher die großen Sportler waren, oder die Raumfahrer - und ohne jede Häme. Ihm gelingt damit ein Abgang, wie ihn kaum eine Figur des öffentlichen Lebens, selten ein Politiker und keine unserer Fernsehgrößen hinbekommt.

Das Lob ist nicht übertrieben. Stewart moderierte in einer Epoche, deren wichtigstes Merkmal die fortschreitende Entfremdung und Verbitterung zwischen den politischen Lagern und die Zerklüftung des Meinungsmarkts ist. Die Vereinigten Staaten sind ein tief gespaltenes Land. Das Publikum hatte sich abgewöhnt, den herkömmlichen Nachrichtensendungen zu vertrauen, suchte eher den Grusel bei Fox News oder das Geplauder bei CNBC.

Tränen nach dem 11. September

Die "Daily Show" mit Jon Stewart hingegen schauten alle, selbst die, die anderer Meinung waren. Ihm und seinem Team ist es gelungen, den Stoff für die morgendlichen Gespräche in der Bahn oder im Büro zu liefern, zuverlässig und über all die Jahre. Stewarts Erfolg beruht auf altmodischen Prinzipien: Als ihm zu Beginn seiner Arbeit in der "Daily Show" die Autoren amüsante, aber letztlich unentschiedene Wortspiele über Clinton und Lewinsky vorschlugen, gab er eine andere Linie vor: "Es muss hier darum gehen, wie wir die Dinge wirklich finden." In der Show sollte das Urteil nicht an Experten delegiert werden, sondern das Team sollte sich allen Fragen selbst stellen. Und das Publikum durfte das Ergebnis eines zähen Ringens erwarten.

Berühmt wurde Stewart genau damit, mit seinem Monolog in der Folge der Attentate auf New York und Washington vom 11. September 2001. Es war kein Verzicht auf Komödie und auch kein abgeschmacktes the show must go on, sondern eine wirkliche, oft von Tränen unterbrochene Selbsterforschung. Die "Daily Show" war seitdem endgültig eine Comedy-Sendung, der es selbst um die großen Themen der Zeit ging.

Sehen Sie hier Stewarts Auftritt nach dem 11. September

Dass es einer intellektuellen Anstrengung bedarf, um diese Zeiten zu kapieren, dass man dazu bei Büchern und Filmen auf dem Laufenden bleiben sollte und die Skepsis trainieren muss wie einen Muskel, diese Wahrheiten über das Erwachsensein wollte Stewart seinem Publikum nicht ersparen. Und es traf sich, dass sein Publikum der Unterforderung müde war. Nicht nur in den USA, sondern weltweit.

Auch Werbekunden wurden verarscht

Und es musste lustig sein. Im Zweifelsfall gab bei Stewart immer das Komödiantische den Ausschlag, wenn nicht laut genug gelacht wurde, stieg seine Unruhe und Unzufriedenheit. Nur durch den Humor konnte er das Publikum auch für die politischen Themen interessieren, dazu versammelte er die besten Autoren und Talente um sich, von denen einige, wie Stephen Colbert, ihrerseits zu Stars wurden.

Diese Mischung aus Fleiß, intellektueller Anstrengung und Leichtsinn beeindruckte auch jene, die politisch ganz anders dachten. Auch die Helden des konservativen Lagers wie Bill O'Reilly gingen gern zu Jon Stewart, die Mitarbeiter von Fox News warteten mit Vorfreude darauf, wie genau ihr Sender in der "Daily Show" wieder zum Besten gehalten würde. Es traf auch Werbekunden. Die Senderverantwortlichen entwickelten ein eigenes Procedere, mit dem man gute Kunden darauf vorbereitete, dass sie in der Sendung nach Strich und Faden verarscht würden.

In einer der letzten Sendungen stattete das Team der "Daily Show" alten Bekannten einen Besuch ab. Es waren solche Zeitgenossen, die den Reportern der "Daily Show" im Gedächtnis geblieben waren, weil sie selbst für amerikanische Verhältnisse extreme Positionen vertreten hatten. Nun wollte man nachsehen, was aus ihnen geworden war und wie sie zu der Sendung standen.

Ringen um die kulturelle Mitte

Da war etwa Reverend Manning, der in der Sendung erklärt hatte, Obama werde der neue Hitler. Nun, Jahre später, bereute er weder die Aussage noch die Erfahrung, von der "Daily Show" vorgeführt worden zu sein. Es habe ihn bekannt gemacht, und die Leute würden ja sehen, dass er recht gehabt habe. Allerdings hält er unterdessen Obama nicht mehr für die Wiedergeburt des Führers, sondern für den Sohn Satans.

Und ein extremer Waffennarr war über das Segment der Sendung, in dem er denunziert wurde, so erfreut, dass er es auf seiner Homepage verlinkt hat. Jon Stewart betrieb Aufklärung, ohne Feindschaft zu stiften, ohne die eigene Position zu überhöhen, aber auch mit dem Mut, es den Leuten nicht recht zu machen. Er beschrieb seine Arbeit als ein Ringen um die kulturelle Mitte, in dem es ihm darum ging, deutlich zu machen, dass es zwischen der entscheidenden Elite und der abgehängten, uninteressierten Unterschicht noch eine große Gruppe gibt, die einfach wissen möchte, was läuft und die ganz altmodisch auf dem Unterschied zwischen wahr und falsch besteht.

Eine Sternstunde der Ära Stewart war die Konfrontation des Börsenexperten Jim Cramer mit seinen eigenen, absurden und auf durchsichtige Weise opportunistischen Anlagetipps. Hier wurde Stewarts Methode noch mal deutlich: Die Suche nach der Wahrheit durch Lektüre und im Diskurs mit Andersdenkenden. Und hier traten seine Überzeugungen zutage: der Nutzen der Ehrlichkeit und die versöhnende Wirkung des Humors. Jon Stewart belebte mit seinem außerordentlichen Talent klassische Rezepte der bürgerlichen Öffentlichkeit, die die etablierten Medienkonzerne aus falschen Gründen für überholt hielten.

Sehen Sie hier das Interview mit dem Börsenexperten Cramer

Es entspricht dem Geist der Sendung, in ernstem Bemühen auch den Abgang von Jon Stewart selbst zu thematisieren. Der Moderator konterkarierte allerdings die weihevolle Stimmung, indem er zum Ende einer der letzten Sendungen das Buch seiner Ehefrau empfahl, das zwar noch gar nicht zu haben ist, aber wenn es dann erscheint, so Stewart, "habe ich keine Show mehr, um es zu bewerben". Das Werk, in dem es um Tiere geht, sei außerdem sehr gut.

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insgesamt 18 Beiträge
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Farguard 06.08.2015
1.
Daneben wirken Welkte und seine Dödelshow wie ein schlechter Witz.
freekmason 06.08.2015
2.
John Oliver ist mehr als nur ein würdiger nachfolger/ersatz. die über 15-minütigen rants über wichtige, aktuelle themen, wie death penalty, wealth gap, income gap, drones, sugar sind sehr unterhaltsam, empörend, lustig, extrem auf den punkt - epic. https://www.youtube.com/watch?v=i8xwLWb0lLY&list=PLmKbqjSZR8TbfAMV9bLy4beDh4vrze5kc
ssissirou 06.08.2015
3.
Ich werde ihn vermissen und mich mit John Oliver trösten müssen.
stasilaus 06.08.2015
4. Richtig
"Wer diese Zeiten kapieren will, muss sich intellektuell anstrengen." Er muss alle sog. Informationen der Medien mehrfach nachprüfen. Das kann nur ein intelligenter Mensch mit viel Zeit. Aufgabe von Medien ist -wie in "1984" und bei Goebbels- die Manipulation der Menschen im Sinne der Machthaber. Nicht deren Information.
philosophex 06.08.2015
5. Hut ab
Ich bin grad in den USA und höre 'Jon Voyage', die Abschiedsshow auf Comedy Central Radio im Auto. Werde ihn vermissen. Seine Beiträge zu Waffenbesitz, Obama care, der Tea party, etc werden uns fehlen.
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