Jon Stewarts letzte "Daily Show" "Die beste Verteidigung gegen Bullshit ist Wachsamkeit"

16 Jahre lang war Jon Stewart das linke Gewissen Amerikas. Am Donnerstag verabschiedete sich der Satiriker und Moderator nun von der "Daily Show" - nicht ohne Tränen, aber auch mit einer scharfen Warnung.

Getty Images

Von , New York


Den Witz der Woche verpasste er. Als die erste TV-Debatte der Republikaner begann, war Jon Stewarts Abschied längst im Kasten. Spätnachmittags in New York City aufgezeichnet, aber erst nach der Republikaner-Runde ausgestrahlt.

Trotz der ungünstigen Taktung blieb der Auftakt des US-Vorwahlkampfs, der dieses Mal zu einer obskuren Donald-Trump-Ego-Show wurde, natürlich nicht unkommentiert. Als "unglaublich", beschrieb Stewart mit vorausschauender Hellsicht den Auftritt der Republikaner. "So wortgewandt!" Drei Stunden später würde Trump gegen politische Korrektheit wettern und sagen, dass er das "Konzept Abtreibung" hasse.

Der durchsichtige, aber gelungene Gag fürs Live-Publikum im Studio auf der West Side Manhattans und für die zeitversetzte Fangemeinde am Bildschirm bildete den Auftakt eines letzten Auftritts, der Nostalgie und Witz ebenso erlaubte wie ein letztes flammendes Plädoyer an Haltung und Integrität in Zeiten, in denen Rassismus in den USA so offen zutage tritt, wie schon lange nicht mehr.

Humor als Trost in trostlosen Zeiten

Dutzende Kollegen aus 16 Jahren Show-Geschichte waren gekommen, um Stewart zu danken - allen voran Steve Carell, John Oliver und Stephen Colbert, deren Comedy-Karrieren ohne Stewarts Förderung wohl kaum so steil verlaufen wären. "Wir stehen in deiner Schuld", sagte Colbert, der im September David Lettermans "Late Show" übernimmt, die Krone der US-Late-Night. "Wir sind bessere Menschen, weil wir dich kannten." Stewart kamen die Tränen. Schnell weiter zur Werbung!

Dass andere Danksagungen ausblieben, ließ sich dann im Grunde als Kompliment an die Integrität des spitzzüngigen Stewart deuten: Von den Politikern, die von Stewart regelmäßig auseinandergenommen wurden, schickten nur wenige Videogrüße in den seit Februar angekündigten Ruhestand hinterher - darunter Hillary Clinton, Chris Christie und John McCain. Den Republikaner hatte Stewart in seiner Sendung mit einer Muppet-Handpuppe veralbert. Jetzt revanchierte sich der Politiker mit einer Stewart-Puppe.

Stewart war ohnehin stets das Gewissen der Linken, Barack Obama der erste US-Präsident, der in der "Daily Show" zu Gast war, und das schließlich sieben Mal. Immer, wenn es ernst wurde, lief Stewart zu Hochform auf: Humor als Trost in humorlosen Zeiten. Über seine messerscharfen Pointen zu lachen, das war wie im dunklen Keller zu pfeifen: Die Lage war bitter, ein Ausweg nicht abzusehen, also amüsierte man sich wenigstens über die groteske Hilflosigkeit. ( Sehen Sie hier Stewarts beste TV-Momente).

"Die beste Verteidigung gegen Bullshit ist Wachsamkeit"

Das war nicht immer so: Die "Daily Show" begann als Kalauer, als Stewart sie am 11. Januar 1999 vom unpolitischen Craig Kilborn übernahm. Erst das Drama um fehlerhafte Stimmenauszählungen bei der Präsidentschaftswahl 2000 weckte Stewarts Sinn fürs Absurde. Trotzdem: Es waren noch unschuldige Jahre im Vergleich zu heute. Dann kamen George W. Bush, der 11. September 2001, der ewige Kriegszustand, Sarah Palin als eine der dunkelsten Kapriolen, die der US-Konservatismus in den vergangenen Jahren zu Tage förderte - und jetzt die neu eiternde Wunde des Rassismus. Einen seiner letzten denkwürdigen Auftritte legte Stewart nach dem Attentat in Charleston hin, als er statt des gewohnt witzigen Eröffnungsmonologs eine bewegende Rede über Rassismus in den USA hielt.

"Bullshit ist überall!", lautete so auch in der Abschiedssendung seine letzte Warnung, bevor er das Publikum, unterlegt von der Musik von Bruce Springsteen und der E-Street-Band, sich selbst überließ. "Die beste Verteidigung gegen Bullshit ist Wachsamkeit."

Das Studio-Set kommt jetzt ins Museum - und zwar ins Newseum, das Journalismus-Museum in Washington. Womit der Streit, ob Stewart ein Comedian war oder ein besserer Journalist, offiziell entschieden wäre. Ob die Zeit der unbequemen, aber nie haltungslosen TV-Doppelbödigkeiten damit auch vorbei ist?

Neuer Wächter der Politik ist der südafrikanische Standup-Star Trevor Noah, der Ende September mit seiner Version der "Daily Show" antritt. In den USA ist der 31-jährige noch ein unbeschriebenes Blatt. Aber das war Stewart an jenem 11. Januar 1999 auch.

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Grammatikfreund 07.08.2015
1. Nachdem die Tränen getrocknet sind...
... fällt mir ein, was John Stewart anmerkte, als vor ein paar Jahren alle ein großes Gewese um das Ende der Oprah-Show machten. Niemand im Fernsehen sei unersetzlich, meinte er damals. Die Leute, die behaupteten, sie würden sich nie von dem Verlust Oprahs erholen, würden spätestens nach zwei Tagen sagen: Hm, diese Ellen [de Generes] ist auch nicht schlecht. Von daher: 1. Wir haben John Oliver und demnächst Steven Colbert als Letterman Nachfolger. 2. Streng dich gefälligst an, Trevor!
babbelnet 07.08.2015
2. kennt den hier irgend jemand?
Wer schaut denn in Deutschland seine Sendung?
staplerfahrer_klaus 07.08.2015
3. Satire
Sendungen wie die "Daily Show" oder bei uns "Neues aus der Anstalt" machen an vielen Stellen schlicht und ergreifend guten Jornalismus und übernehmen die Aufgabe der regulären Medien. Wir lachen dann darüber aber eigentlich ist das traurig.
ancoats 07.08.2015
4.
Zitat von babbelnetWer schaut denn in Deutschland seine Sendung?
Moi. Und auch sonst alle meiner Freunde, Bekannten und Verwandten, die a) gut englisch verstehen, sowie b) ein Faible für Ironie und Satire haben. Nichts gegen Oliver Welke, aber Jo Stewart ist da schon noch ein ganz anderes Kaliber. Das sieht man spätestens an seinen sehr guten, z.T. brillianten Gesprächen mit politischen Gästen in seiner Show.
räbbi 07.08.2015
5.
Zitat von babbelnetWer schaut denn in Deutschland seine Sendung?
...wohl ein guter Teil der "Irgendwas mit Medien" Abteilung. Einerseits schonmal für den Fall, dass man was klauen kann. Andererseits, weil sie häufig das verachten, was sie Ihnen täglich vorsetzen. ;)
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