"Türkisch für Anfänger"-Star Preuß: "Ich will nicht mehr der deflorierte Teenager sein"

Auf ewig kess? Das dann doch nicht: "Türkisch für Anfänger"-Star Josefine Preuß will nicht als Ulknudel in die TV-Geschichte eingehen. Im Interview erzählt sie, weshalb sie ernsthaftere Rollen spielen will und warum sie Familienministerin Schröder furchtbar findet.

Josefine Preuß: Jung, rothaarig, große Klappe Fotos
dapd

SPIEGEL ONLINE: Frau Preuß, nach Lena in "Türkisch für Anfänger" spielen Sie nun im ZDF wieder Lotta, diesmal in "Lotta & die großen Erwartungen". Selbe Frisur, große Klappe, Chaos im Leben - keine Angst, sich auf diese Rollen festzulegen?

Preuß: Ich fühl mich ganz wohl in meiner Schublade: rothaariges, kesses Biest. Lieber stecke ich da drin und spiele Rollen, in denen man mich kennt und mag, als keine Arbeit zu haben. Als "Türkisch für Anfänger" ins Kino kam, habe ich gesagt: Ich will nicht mehr der deflorierte Teenager sein. Aber ganz ehrlich, junge und erwachsene Frauenrollen gibt es in Deutschland nicht so viele. Hier greift man lieber auf eine Teenieklamotte zurück oder erzählt die Geschichte der Frau Mitte 30. Lotta ist meine absolute Lieblingsrolle bisher, weil sie genau dazwischen ist.

SPIEGEL ONLINE: Nach ihrem Praktikum im Altersheim im ersten Teil der Reihe kehrt Lotta nun als Pflegerin zurück. Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Preuß: Ich war eine Woche in einem Pflegeheim und hab' da gewaschen, gewindelt, gefüttert. Die Realität ist weitaus trauriger, als wir sie im Film darstellen können. Man ist dort, um zu sterben, dessen sind sich alle bewusst. Überall fehlt Personal, die Menschen werden von ihren Angehörigen da abgestellt und vielleicht einmal im Jahr am Geburtstag eine halbe Stunde besucht. Meinen Eltern und mir soll es definitiv nicht so ergehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das verhindern?

Preuß: Ich bin jetzt schon mit meinen Freunden im Gespräch, dass wir uns mal eine riesige Altbauwohnung als Alten-WG nehmen. Ich weiß, das will man mit Mitte 20 nicht hören, aber ich kann da nur einen Aufruf starten: Denkt an später, sorgt vor! Denn das wird noch richtig übel in Deutschland. Das Gesundheitssystem funktioniert so nicht. Aber ich bin generell kein Fan von unserer Politik.

SPIEGEL ONLINE: Lotta im Film wohl auch nicht: Als sie erfährt, dass sie schwanger ist, sieht sie sich schon alleinerziehend und arbeitslos, weil Job und Kind in Deutschland eh nicht funktionieren.

Preuß: Es wird einem hier ja auch verdammt noch mal sehr schwer gemacht, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen. Das Lächerlichste, was ich in den letzten Monaten gehört habe, ist die Herdprämie. Ich finde unsere Familienministerin furchtbar, weil sie einfach nicht nah dran ist. Wenn die in eine Sitzung reingeht und dafür ein paar hundert Euro Diäten und Spesen bekommt, ist es klar, dass sie sich etliche Nannys leisten und alles super vereinbaren kann. Wenn ich ihr Einkommen im Monat hätte, wäre es auch kein Thema.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie ändern?

Preuß: Ich bin noch in der DDR geboren. Dort hatte jeder größere Betrieb einen eigenen Kindergarten. Die Mütter konnten arbeiten gehen und wussten, dass ihre Kinder gut versorgt sind. Jetzt haben wir schon zwei Ossis an der Spitze, warum nehmen wir nicht eine Familienministerin aus dem Osten, die sagt: Ich kann mich erinnern, das war gut damals.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur als Serie, auch als Kinofilm ist "Türkisch für Anfänger" ein Riesenerfolg. Wie gehen Sie damit um?

Preuß: Ich lasse es nicht so ran an mich. Ich kriege Blumengestecke von der Produktionsfirma Constantin und jeden Montag die Besucherzahlen - und ich sitze davor und denke: Ja, ist doch schön. Dafür mache ich den Job. Aber da passiert innerlich nichts. Ich klopfe mir nicht auf die Schulter, ich finde das eher erschreckend. Weil jetzt bei Folgeproduktionen mehr drauf geguckt wird. Ich will weg von der Comedy, lieber emotional richtig in einer Rolle sein, mich entblößen. "Türkisch für Anfänger" ist Klamauk, bei "Lotta" gibt es mehr traurige Untertöne. Und Lotta ist viel cooler als Lena.

SPIEGEL ONLINE: Aber beide Rollen taugen ganz gut als Identifikationsfiguren für junge Frauen. Wie fühlt man sich so als Vorbild?

Preuß: Um Gottes willen, ich will und kann kein Vorbild sein. Ich rauche, ich trinke, ich feiere, hab meine Leichen im Keller. Ich lasse mich nicht mit Alkohol oder einer Kippe fotografieren auf Veranstaltungen. Aber das mache ich eher wegen meiner Mama. Die ist Lehrerin und sieht das nicht gern. Sie ist auch immer wieder am Verzweifeln, wenn jemand schreibt, dass ich die Schule abgebrochen habe. Ich bin nach der Zehnten abgegangen. Und Lotta würde ich jetzt auch nicht unbedingt als Vorbild sehen - und wenn, dann bitte immer mit Kondom.

SPIEGEL ONLINE: Werden wir Lotta 2013 wiedersehen, gibt es einen dritten Teil?

Preuß: Das Drehbuch ist gerade in Arbeit und ich hoffe sehr, dass das klappt. Beim Drehen haben wir immer rumgefeixt, Lotta war erst Praktikantin, nun Pflegerin, da wäre es doch lustig, wenn sie dann auch Bewohnerin im Altersheim werden würde. Also so in 60 Jahren. 60 Jahre, 60 Teile: Das wäre in Deutschland dann die längste Reihe.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es mit dem lebenslangen Engagement nicht klappt, welche Rollen würden Sie reizen?

Preuß: Ich sage immer noch: Wenn ich groß bin, werde ich Gerichtsmedizinerin. Vielleicht in einer Rolle. Und "Tatort"-Kommissarin wäre toll. Mein Vater ist Polizeidirektor und war früher beim SEK. Wenn er sich Krimis ansieht, regt er sich immer total auf: Wie halten die denn die Knarre, wie stürmen die da rein? Es ist herrlich. Den könnte ich dann als polizeilichen Berater haben und mit ihm auf dem Schießplatz üben. Ich würde als Bullin das mal alles richtig machen, näher dran an der Realität. So was mag ich. Und wenn Axel Prahl St.-Pauli-Fan sein darf, dann wäre ich Union-Fan. Ich bin nämlich ein Fußballkind.

Das Interview führte Daniela Zinser


"Lotta & die großen Erwartungen", Donnerstag,10. Mai, 20.15 Uhr, ZDF

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Liebe Josefine...
TomFord8 09.05.2012
... ich find dich toll!
2. Na toll, besonders die karriere
Erich91 09.05.2012
Zitat von sysopdapdAuf ewig kess? Das dann doch nicht: "Türkisch für Anfänger"-Star Josefine Preuß will nicht als Ulknudel in die TV-Geschichte eingehen. Im Interview erzählt sie, weshalb sie ernsthaftere Rollen spielen will und warum sie Familienministerin Schröder furchtbar findet. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,830662,00.html
und wie immer in D, ein leuchtendes Beispiel für die Jugend, nix gelernt,Ausbildung abgebrochen, aber große Klappe, so funktioniert das am besten.
3.
janus 09.05.2012
Zitat von Erich91und wie immer in D, ein leuchtendes Beispiel für die Jugend, nix gelernt,Ausbildung abgebrochen, aber große Klappe, so funktioniert das am besten.
Und wie immer in D, wenn jemand Erfolg hat und vermutlich deutlich mehr verdient als man selbst, ist der Neid die erste Reaktion.
4.
Hagbard 09.05.2012
Zitat von Erich91und wie immer in D, ein leuchtendes Beispiel für die Jugend, nix gelernt,Ausbildung abgebrochen, aber große Klappe, so funktioniert das am besten.
Die Preuß ist sicher ein besseres "Beispiel für die Jugend", als Leute, die Erreichtes madig machen. Wie soll die Jugend lernen, dass es sich lohnt, sich anzustrengen, wenn das Ergebnis der Anstrengungen herabgewürdigt wird?
5. optional
TheCabal 09.05.2012
Und wie immer in D, äussert man Kritik an sowelchen Beispielen, unterstellt man sofort Neid als erste Reaktion.
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Zur Person
  • Josefine Preuß, geboren 1986, hat als Schülerin in Potsdam am Theater mit der Schauspielerei angefangen. Richtig los ging es mit einer Rolle in der Kika-Serie "Schloss Einstein". Bekannt wurde sie als Lena Schneider in "Türkisch für Anfänger", einer Serie, die von 2005 bis 2008 in drei Staffeln im Ersten und in diesem Frühjahr als Film im Kino lief. Davor gab es ProSieben-Filme wie "Schüleraustausch - die Französinnen kommen" und Nebenrollen in Serien, vom "Tatort" bis zu "Danni Lowinski". Mit 17 bekam Josefine Preuß den Deutschen Filmpreis für ihren Auftritt in "Abschnitt 40", später noch ein Mal für "Türkisch für Anfänger". 2011 spielte sie in "Beate Uhse - Das Recht auf Liebe" und im ARD-Film "Im besten Alter". Den ersten Film "Lotta und die alten Eisen" sahen vor zwei Jahren mehr als fünf Millionen Zuschauer. Die Fortsetzung "Lotta und die großen Erwartungen" läuft am 4. Mai auf ZDFneo und am 10. Mai im ZDF, jeweils um 20.15 Uhr.