"Mensch Jürgen! Von der Lippe wird 70" Sonderbar oralfixierte Spielchen

Jürgen von der Lippe wurde 70. Und die ARD feiert den Geburtstag mit einer leider sinnlos verplapperten Show - und sparsamen Nostalgieszenen aus dem Erinnerungsschredder.

WDR/ Ben Knabe

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Natürlich denkt man zuerst an die Sesamstraße - noch vor der LSD-Trip-haft vor den Augen zuckenden Hawaihemdenparade, noch vor den aufgeblasenen Backen des Vollstreckers.

Eine Show anlässlich eines höheren, runden Geburtstags einer TV-Persönlichkeit, das erinnert eben immer als Erstes an die "Das ist Ihr Leben"-Puppenspiele aus der lebensweisen Kindersendung, bei der ein Hübschling-Moderator namens Robert zum Beispiel einen ausgelatschten Turnschuh mit einem Blitzauftrieb aller Personen überrascht, die irgendwie an seiner Entstehung beteiligt waren.

In seinen faderen, leicht bis mittelschwer unangenehm anzuschauenden Szenen erinnerte leider auch "Mensch Jürgen! Von der Lippe wird 70" an eine Personenpolonäse, in der verlabert wurde, was man doch einfach hätte zeigen können.

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"Mensch Jürgen! Von der Lippe wird 70": Personenpolonäse statt Nahaufnahme

50.000 Sendeminuten habe der Jubilar produziert, frohlockte Moderator Jörg Pilawa zur Begrüßung - es mag nach einer völlig verrückten Idee klingen, aber vielleicht hätte man auch tatsächlich wenigstens ein paar davon am Stück zeigen können, statt sie von teilweise höchst willkürlich gewählten Gästen wie Jürgen Vogel, Annette Frier, Carolin Kebekus und Michael Schanze begackern zu lassen.

Stattdessen hat man leider den Schnipselhäcksler angeworfen: Von "So isses" bleibt nur ein Häkelhöschen, in dem von der Lippe anlässlich eines Häkelwettbewerbs mal semi-blank zog, die "besten Szenen" aus "Geld oder Liebe" werden in zweieinhalb Minuten weggeraspelt. Fünf Sekunden lang sieht man Dirk Bach in einem Tauchbecken, darüber ärgert man sich dann mehr, als man sich freut. Auch die junge Hella von Sinnen, die ein zittriges frühes Interview führt, hätte man gerne länger gesehen statt nur einen Augenblick.

Korkenspiele und Männerbetastung

Die Lippe-Jubiläumsbeschau hätte neben der persönlichen Würdigung auch eine behagliche Nostalgiekramerei in versunkener Fernsehgeschichte werden können - statt dessen wurde über Pilawas Bioresonanztherapie (zur Bekämpfung seiner Pollenallergie) geplappert, Chris Tall erzählt unlustig, wie von der Lippe nach einem gemeinsamen Auftritt mal ganz schön viel getrunken hat. Und das Livepublikum muss vergangene Klamaukspielchen rekapitulieren, indem sich alle einen Tischtennisball in den Mund stecken und Begriffe wie "Sahneschnitte" aufsagen müssen.

"Schau mal, da ist einem sein Ball aus dem Maul gefallen", gröbert kurz mal Karl Dall dazwischen. Jürgen von der Lippe verkostet den ausgeschenkten Bühnenwein mit dem Prädikat "wie Damensattel nach scharfem Ritt". Doch der erhoffte Anarchiewirbel säuselt als fades Lüftchen wieder davon, als Carolin Kebekus eine Art Schlafliedversion von "Guten Morgen, liebe Sorgen" singt.

Anschließend steckt sich die ganze Showsofa-Belegschaft einen Weinkorken hochkant ins Gebiss und spricht quälend langwierig lustige Wörterketten nach, sonderbar oralfixiert sind diese komischen Spielchen, bis dann irgendwann Mareike Amado auftritt und bei einer Blindbetastung nackter Männerwaden die Haxen des Jubilars erkennen muss.

Das erinnert frappant an Hochzeitsspielchen aus dem evangelischen Gemeindesaal in Klein-Klobersdorf und ist außerdem höchst erratisch: Warum stehen auch Kunstturner Marcel Nguyen und der alpin gemeinte Knödler Andreas Gabalier in der Wadenpräsentationsformation?

Als Kind der Neunziger habe er auch so ein paar Lippe-Shows mitbekommen, erklärt Gabalier seine Anwesenheit: "Wir hatten auch Kabelfernsehen!", und dann singt er seine neue Single vor, und man kann sich ganz schwer vorstellen, dass das die Musik ist, die sich von der Lippe dringend für seine Geburtstagsgala gewünscht hätte. Ina Müller kommt und küsst - hmmü, hmmü! - alle, dann singt sie zusammen mit von der Lippe ein Elvis-BeeGees-Medley, bevor bei der finalen Hühnerei ein paar Gäste ein klassisches Quatschspiel aus der "Geld oder Liebe"-Ära nachturnen müssen. Die Originalszenen hätten skurrile Ausstellungsstücke abgegeben, der alberne Neuaufguss war schlicht überflüssig.

Mehr Von-der-Lippe-Humor!

Wirklich, es wäre so einfach gewesen: weniger Füllpromis, dafür mehr knappe Einspieler und Grußworte echter Freunde und Weggefährten - Harald Schmidt schenkte dem passionierten Co-Hypochonder von der Lippe ein hübsches Bilderrätsel, dessen Auflösung "Cholesterinstoffwechselstörung" war; Otto Waalkes porträtierte ihn als Ottifant im Hawaihemd.

Von diesen kurzen Hereinwinkern hätte man sich auch gerne mehr angeschaut: mehr unkupierte Ausschnitte aus den ikonischen Sendungen, mehr Raum für typische Von-der-Lippe-Anekdoten wie die Geschichte, als er als nacktes Baby auf dem Wickeltisch der über ihn gebeugten und ihn allzu sperrschnäuzig bewundernden Tante mal direkt in den Mund pieselte. Mehr Nahaufnahme also statt überflüssig multipersonalem Panorama-Gruppenbild.

Dann hätte es vielleicht auch nicht die ganz große Pathoskeule gebraucht, um dem Jubilaren am Ende doch noch ein paar Rührungstränchen abzuwringen: Johannes Oerding singt mit großem Orchester "Nichts von alledem", von der Lippes Lieblingslied von Wolfgang Petry - und die Augen werden nach drei Stunden dann doch noch nass.



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