"Jung, weiblich, Boss!" bei RTL II Jette Joops Frauenverhöhnungssendung

Busen, Bowls, Begrabbelei: So stellt sich RTL II in "Jung, weiblich, Boss" die Business-Cases vor, wenn Frauen - "unterstützt" von Jette Joop - ein Unternehmen gründen.

RTL II/ Bernd Jaworek

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Kein Mensch hat so viele Anführungszeichen, wo soll man da anfangen? Jette Joop "will Unternehmerinnen beim Durchbruch helfen", heißt es in der RTL-II-Selbstbeschreibung über das neue, vermeintliche Gründerinnen-Format "Jung, weiblich, Boss", und tatsächlich müsste man jeden einzelnen hingehusteten Brocken dieser kühnen Behauptung in einzelne Ist-natürlich-nicht-ernst-gemeint-Tüddelchen setzen.

Denn Jette Joop, Designerin und Tochter von "Germany's Next Topmodel"-Obskuritätspräsident Wolfgang Joop, soll zwar angeblich Mentorin für acht gründungswillige Beobachtungsobjekte sein. Tatsächlich plappert sie schon bei ihrem ersten Aufsageauftrittchen so verheerenden Unsinn, dass man kaum glauben kann, dass sie selbst zum eigenständigen Selbsterhalt in der Lage ist.

Ein eigenes Unternehmen zu führen hat ihrer Ansicht nach zwei entscheidende Vorteile: "Man kann bestimmen, wann man aufsteht und wann nicht" und, auch ganz schön: "mit wem man ins Bett geht und mit wem nicht". Klar, als arme Angestellte kann man sich das nicht aussuchen, da muss man sämtliche Machtmänner beigehen lassen, die eben gerade Interesse haben, um nicht verhungern zu müssen.

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"Jung, weiblich, Boss": Killekille Gänsehaut

"Will" Joop mit solcherart Unsinn tatsächlich jungen Frauen helfen? Lustlos hört sie sich die einzelnen Ideen an, rät hier zu einem Plus-Size-Onlineshop mit "neuen Textilien, vielleicht aus Stretch oder so", und spielt schlecht Begeisterung, als ihr eine Kandidatin eine aus Frottee gefertigte Clutch unter die Nase hält, auf der "Klatsch Nass" eingestickt ist. Joops enthusiastischste Äußerung zu ihren Gründerinnen: "Wird schon cool werden."

Die Ideen der Kandidatinnen: Kosmetik, Foodtruck, Kraulsalon

Dann: die "Unternehmerinnen". Alles krachnaive Frauen, die sich vom selbstständigen Wirtschaftsleben vor allem wünschen, Businessclass fliegen und auf "die Malediven" reisen zu können. Ihre Geschäftsideen sind durchgängig mit einem rosa Genderfilter unterlegt: ein Kosmetikinstitut eröffnen, mit einem Foodtruck neu starten, eine eigene Superfoodsmoothiebowl auf den Markt bringen. Das klingt alles wie aus dem Erweiterungsset für die dauerlächelnde Ich-werde-Gründerin-Barbiepuppe. "Mama, ich freu mich richtig doll, die neuen Teppiche sind angekommen", kräht die Lifestyle-Klimbim-Onlineshopbesitzerin, kurz reist man simpelhaft nach China, um die Produktionsbedingungen der Produkte zu überprüfen und schließt die Kontrolle nach kurzer Augenscheinnahme zufrieden ab: "Keine Kinder!"

Gleich drei Kinder hat indes Christina, die einen "Kraulsalon" eröffnen will. Was bitte? Meint sie damit eine elitäre Schwimmhalle oder, vielleicht doch ein Verhörer, einen Kraut-Imbiss? Nee, Christina will professionelles Streicheln für Jung und Alt anbieten, und zwar unter dem Namen "Killekille Gänsehaut". "Die Idee ist super, da ist vielleicht was zu holen, ja", bemüht sich Jette Joop an diesem Punkt gar nicht mal mehr.

"Angelarmy - We come not in peace"

Myra, die nächste Kandidatin, will eine strippende Girlgroup gründen. "Topless, erschreckt euch nicht, die Brustwarzen werden natürlich abgeklebt", also ungefähr so wie bei den Chippendales, nur eben umgekehrt, nicht für gaffwillige Frauen, sondern eben für Männer, denn für die gebe es so was ja noch nicht. Äh, denkt da jeder Mensch, der jemals knickerspesenhalber mal in einem beliebigen deutschen Bahnhofsviertelhotel übernachten musste, äh, äääääh, na ja, das eine oder andere Etablissement, in dem sich Frauen für überwiegend Männer ausziehen, glaubt man da ja schon mal von Weitem gesehen zu haben. Aber Myra, nach einem gescheiterten Cupcake-Unternehmen hoch verschuldet, hat zwar keine Marktanalyse und keinen Blankzieh-Businessplan, aber schon ein Logo, zusammengeschustert von einem befreundeten Grafiker: "Angelarmy - We come not in peace", steht da. Auch die englische Grammatik hat sich schon mal knochennackig gemacht.

Spätestens, als Myra ein Casting für ihre Nackttanzgruppe abhält, ist klar: Eigentlich ist "Jung, weiblich, Boss" nur "Goodbye Deutschland" im pink eingefärbten Schafsdummpelz. Ihre Show wolle sie natürlich von Anfang an in Las Vegas aufziehen, sagt Myra, und "niveauvoll" solle das alles sein. Dazu sieht man eine Tanzbewerberin, die eine Art Moonwalk aufführt, allerdings im Liegen und mit extrem unruhigem Becken. Später in der Sendung wird Myra dann tatsächlich nach Las Vegas fliegen und stammelnd bei den großen Casinos vorsprechen, "how much cost ist?". Es fehlt eigentlich nur noch der Mallorca-Jenser als Scheiter-Coach. Und wo steckt eigentlich Jette? Wollte sie nicht "beim Durchbruch helfen"?

Nur 15 Prozent aller Start-ups werden in Deutschland gegründet, hatte sich der Off-Sprecher gleich zu Beginn noch scheinheilig gewundert - um dann zwei Stunden lang mehr oder minder subtil eine Perlenkette weiblichen Scheiterns aufzufädeln, bei dem jede stumpfe Plastikperle erklärt, warum der bei den Frauen unternehmerisch eben nicht so flutscht, naturgemäß, möchte man fast sagen: Für Cita und Lea ist der Aufbau des eigenen Onlineshops zu anstrengend, weil sie ihn, so wird suggeriert, eher halbherzig zwischen ihren Brotjobs betreiben und lieber erst mal Geburtstag auf Mallorca feiern, statt männermäßig alles für ihren Traum zu wagen.

Christina, die Kraulheldin, wird möglicherweise doch eher früher oder später an der Doppelbelastung durch die Kinder scheitern, wird von ihrem ersten Auftreten an recht direkt angedeutet. Und Myra hatte ihre Geschäftsidee ja eigentlich eh nur, weil sie nach dem Besuch einer Männer-Stripshow mit einem der australischen Auszieher dann auch eine kleine Affäre hatte, "der hat mir ein Gefühl von einem ganz anderen Begehren gegeben".

Mit "Jung, weiblich, Boss" hat das Genre der Unternehmershow eine bizarre, hoffentlich finale Schwundstufe erreicht. Schon Carsten Maschmeyers Gründerdebakel "Start up!" ließ die Sendung "Die Höhle der Löwen" wie das smarteste Start-up-Format aller Zeiten erscheinen. Schaut man nun aber "Jung, weiblich, Boss", leistet man dem herzlich verlachten Armwackelfleisch-Stützstrumpf aus Maschmeyers "Start up!" still Abbitte, weil das im Vergleich nun wirklich gar keine so schlechte Idee war. Das Format, das aber die Joop'sche Frauenverhöhnungssendung im Vergleich doch noch sehenswert erscheinen lassen könnte, werden wir hoffentlich niemals anschauen müssen.

Video: Das Jette-Imperium

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dendro 07.08.2018
1. Klasse!
Ich hoffe es gibt noch mehr solche Shows (mit Sicherheit wird es die geben), damit man mehr solche lustigen Beiträge lesen kann. Habe mich köstlich amüsiert.
driver8 07.08.2018
2. Super Artikel
selten so gelacht. Bei so einer Sendung müssten Frauen eigentlich den Sender stürmen. Unglaublich was für ein Schrott den Leuten vorgesetzt wird.
Mastermason 07.08.2018
3.
Man fragt sich, was mehr irritiert: Das offenbar demonstrativ vorgetragene Desinteresse der Moderatorin, die kuhdumme Naivität der Start-up-Aspirantinnen oder die Skrupellosigkeit des Senders, diese Geisteshaltung für den Voyeurismus des Fernseh-Mobs auszunutzen. Aber immerhin, eine Erkenntnis ergibt sich aus dem Format: wenn der vorgeführte Schrott aka „Geschäftsideen“ prototypisch für weibliche Gründerinnen ist, muss sich keine wundern, wenn sich Kreditinstitute zieren, solche Existenzgründungsversuche zu finanzieren.
ptb29 07.08.2018
4. Ich schaue diese Sendungen nicht,
aber die Beiträge von Anja Rützel lese ich immer. Da will man die Nationalhymne gendermäßig bearbeiten, aber diesen frauenverachtenden Schrott lässt man den Privatsendern durchgehen.
dasfred 07.08.2018
5. Kreativität ohne Ende
Wie schön, dass Fräulein Jette die Schirmherrschaft führt. Dann ist diesmal wenigstens kein Mann Schuld, wenn Frauen öffentlich bloßgestellt werden. Kaum kündigt DaWanda sein Ende an, da ergießt sich die überbordende Erfindungsgabe ins Abendprogramm. Was mir Frau Rützel hier vorstellte, lässt mich leicht erschauern. Allerdings könnte man Frau Rützel auch noch ungekitzelte Gänsehaut verursachen, wenn die Jungjoopsche plötzlich den Synergie Effekt entdeckt. Stripperinnen, die kunstvoll aus im Internet erworbener Frottee Wäsche schälen, sich in Extase streicheln und das alles in einer überdimensionalen Superfoodsmoothiebowl, während das Publikum sie mit Törtchen, frisch vom Foodtruck einreibt. Ich weiß gerade nicht, ob meine Fantasie durchgeht, oder ob die Idee aus einem eher unbekannten Fellini Film adaptiert wurde. Dann könnte es doch noch Kunst werden und Jette wechselt von RTL II zu Arte.
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