ZDF-Gerichtsdrama "Das Ende einer Nacht": Im Zweifel für den Macho?

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Er soll seine Frau vergewaltigt haben. Oder lügt sie? In dem ZDF-Justizdrama "Das Ende einer Nacht" wird ein machtgeiler Geschäftsmann angeklagt. Zwischen Richterin und Anwältin entspinnt sich ein aufreibendes Duell, das den üblichen TV-Rahmen sprengt - und auf zwei reale Fälle anspielt.

ZDF-Gerichtsdrama: Ein Schlachtfeld namens Recht Fotos
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Der Böse in diesem Film ist schnell ausgemacht: Werner Lamberg verdient mit Computer-Software 180.000 Euro im Monat und bevorzugt beim Sex Unterwerfungsspiele. Wenn eine Frau nicht mitmachen will, nennt er sie "vertrocknete Fotze".

Verkörpert wird dieser Lamberg von dem großartigen Jörg Hartmann, der sich bei seinen Auftritten nie sonderlich darum bemüht, sympathisch gefunden zu werden. Wahrscheinlich wird er der erste "Tatort"-Kommissar sein, der sich nicht ständig ans Publikum rankumpelt. Gerade dreht er in Dortmund die erste Folge der Krimi-Reihe als Ermittler.

In dem Justizdrama "Das Ende der Nacht" gibt Hartmann den Software-Millionär und SM-Praktiker mit subtiler Doppelbödigkeit. Als Zuschauer wünscht man diesem Mann erst mal alles Schlechte auf der Welt. Und doch schafft es Hartmann, seinem cholerisch wütenden Machtmonster eine Facette der Verletzlichkeit abzuringen. Wenn er verzagt schweigt, wenn er wie ein in die Enge getriebenes Tier hilflos um sich schaut, dann könnte man tatsächlich glauben: Ja, dieser Mann ist Opfer einer Intrige geworden.

Lamberg steht vor Gericht, weil seine Frau (Katharina Lorenz) behauptet, er habe sie vergewaltigt. Am Anfang des Films haben wir gesehen, wie die Polizei nach einem Notruf in die Wohnung des Paares eingedrungen ist. Er steht mit aggressiv aufgerissenen Augen und blutigem Bademantel an der Haustür, sie kauert mit Beulen im Gesicht auf dem Boden des Schlafzimmers. Die Lage scheint eindeutig. Aber die Zeugen, die den Abend mit dem Ehepaar Lamberg verbracht haben, berichten Widersprüchliches. Je länger der Prozess dauert, desto stärker wackelt die Anklage.

Anatomie einer Vergewaltigung

Der ZDF-Film "Das Ende einer Nacht" ist der Film zu den Prozessen gegen Dominique Strauss-Kahn und Jörg Kachelmann. Nicht etwa, weil Regisseur Matti Geschonneck ("Boxhagener Platz") dezidiert auf die Fälle verweist, sondern weil er die Szenarien um die beiden Männer, die der Vergewaltigung bezichtigt wurden, als Resonanzraum für eine schmerzlich genaue Reflektion über Recht und Gerechtigkeit nutzt.

Entwickelt haben Geschonneck und sein Autor Magnus Vattrodt die Geschichte schon lange vor den Vorwürfen gegen Kachelmann. Der Fall und die Debatte über ihn und später Strauss-Kahn haben sich aber zwangsläufig in den Film eingeschrieben. Auch hier geht es um einen Mann, der - trotz aller Unterschiede, was die realen Fälle und den fiktiven TV-Fall angeht - augenscheinlich ein problematisches Verhältnis zu Frauen pflegt, der jedoch keine Schuld hat.

Oder etwa doch? Bis zum Ende des Films, den Geschonneck als formvollendete Modernisierung von Otto Premingers Courtroom-Klassiker "Anatomie eines Mordes" angelegt hat, wird der tatsächliche Hergang des Abends offen gehalten. Eine Zumutung für den Fernsehzuschauer, der es zwar gewohnt ist, dass man ihn emotional durchschüttelt, der aber wenigstens mit wiederhergestellten Gewissheiten in den Schlaf geschickt werden will.

Das Finale von "Das Ende einer Nacht" markiert hingegen den Verlust aller Gewissheiten - und das, obwohl der Fall aus Sicht zweier Frauen aufgerollt wird, deren professionelle Souveränität nicht größer, deren weltanschauliche Ansichten nicht gefestigter sein könnten: Zum einen ist da die Strafverteidigerin Eva Hartmann (Ina Weisse), die auf die Unschuld ihres Mandanten pocht, einfach weil sie das als ihre anwaltliche Pflicht sieht. Mit kühler Präzision nimmt sie die Beweiskette der Anklage auseinander. Zum anderen ist da Richterin Katharina Weiss (Barbara Auer), die dafür bekannt ist, dass sie Männer besonders hart bestraft. Und solche mit Geld und Macht am allerhärtesten. Man kann sie ja sogar verstehen: Das geliebte Recht, die Juristin sieht es von jenen bedroht, die glauben, es einfach mittels teurer Anwälte kaufen zu können.

Klugerweise erlauben sich Geschonneck und sein Autor Vattrodt bei diesen beiden Frauen jene tiefere Psychologisierung, die sie sich bei den Beteiligten des mutmaßlichen Verbrechens versagen: Ob Strafverteidigerin Hartmann oder Richterin Weiss - beide sind bei aller beruflichen Erfüllung auch Opfer ihres Strebens nach Recht. So hat die Anwältin einst einen Vergewaltiger rausgeboxt, der in Wirklichkeit schuldig war und auf freiem Fuß eine weitere Tat beging, während die Richterin einen Unschuldigen in den Knast brachte, der dort fünf Jahre schmoren musste, bevor das Fehlurteil revidiert wurde.

Traum und Traumata des Rechtsstaats: die beiden Juristinnen tragen beides in sich - und versuchen beides gegeneinander auszuspielen. So wird dieser Fall um maskulinen Machtmissbrauch als Duell starker Frauen in Szene gesetzt, in dem Männer nichts zu melden haben. Immerhin das riecht in diesem zermürbenden Justizdrama ein wenig nach Gerechtigkeit.


"Das Ende einer Nacht", Montag 20.15 Uhr, ZDF

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insgesamt 25 Beiträge
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1. öfter mal was zumuten
muhammaned 26.03.2012
'Eine Zumutung für den Fernsehzuschauer, der es zwar gewohnt ist, dass man ihn emotional durchschüttelt, der aber wenigstens mit wiederhergestellten Gewissheiten in den Schlaf geschickt werden will.' das, was der Zuschauer aus Film und TV gewohnt ist, findet er in der wirklichen Welt leider nicht vor - trotzdem möchte er sich aber lieber vorgetäuschte Gewissheiten anschauen, als ohne HappyEnd unruhig ins Bett zu müssen ....
2. Seltsame Kritik
EspritCritiqueM 26.03.2012
1. Bei keinem derartigen Film sollte die Pointe - egal ob schuldig, nicht schuldig oder offen - vorab ausgeplaudert werden. Dazu dient die Vorabüberlassung des Filmes sicher nicht - derartiges Geschwafel raubt die Spannung. 2. Was ist daran gerecht, wenn "starke Frauen" entscheiden und Männer keine Rolle spielen?
3. seltsam
fallobst24 26.03.2012
Zitat von sysopEr soll seine Frau vergewaltigt haben. Oder lügt sie? In dem ZDF-Justizdrama "Das Ende einer Nacht" wird ein machtgeiler Geschäftsmann angeklagt. Zwischen Richterin und Anwältin entspinnt sich ein aufreibendes Duell, das den üblichen TV-Rahmen sprengt - und auf zwei reale Fälle anspielt. ZDF-Gerichtsdrama "Das Ende einer Nacht": Im Zweifel für den Macho? - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,822616,00.html)
"- und versuchen beides gegeneinander auszuspielen" Wäre ja auch zu langweilig, wenn es nicht gleichzeitig ein dumme emotionale Vergangenheitsbewältigung, welche die Beteiligten bis jetzt verfolgt, komplett beeinflusst und wahrscheinlich am Filmende letztlich verarbeitet wird, oder? Allein das klingt schon so klischeehaft, dass es einen bis dahin zumindest ansatzweise interessant klingenden Film einen faden Beigeschmack gibt, sofern meine Lesart stimmt. Aber wie beschränkt ist denn die Sichtweise der Leute (dem Autor allein will ich daran gar keine Schuld geben) im Allgemeinen, dass harter Sex mit ggf. Rollenspielen bzw. devot-dominant-Szenario per se als negativ, schlecht und böse dargestellt wird? Klar, wenn es nicht beide wollen und trotzdem der eine Partner den anderen dazu nötigt, ist das verachtenswert. Aber dass der alleinige Wunsch danach schon ein Indiz für einen schlechten Menschen sei, ist doch - höflich formuliert - ein krankes Hirngespinst. Als ob es keine sexuelle Selbstbestimmung für Erwachsene gäbe... Sind wir etwa neuerdings in den südlichen Gefilden der USA, oder was? Mag ja sein, dass dies nicht so vom Autor beabsichtigt war oder ich hier etwas zu weit interpretiere, aber mir erscheint es sehr seltsam.
4. @muhammaned
EspritCritiqueM 26.03.2012
Und, ist das schlimm? Die Menschen wollen die Unsicherheit ihres Lebens nicht auch noch in der Unterhaltung und Entspannung wahrnehmen. Das Medium Fernsehen ist kein solches zur Erziehung zur Lebenstüchtigkeit, auch wenn gewisse Leute das gern hätten.
5.
Olaf 26.03.2012
Zitat von sysopEr soll seine Frau vergewaltigt haben. Oder lügt sie? In dem ZDF-Justizdrama "Das Ende einer Nacht" wird ein machtgeiler Geschäftsmann angeklagt. Zwischen Richterin und Anwältin entspinnt sich ein aufreibendes Duell, das den üblichen TV-Rahmen sprengt - und auf zwei reale Fälle anspielt. ZDF-Gerichtsdrama "Das Ende einer Nacht": Im Zweifel für den Macho? - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,822616,00.html)
Sieht so aus, als wäre die Richterin die größere Gefahr für das Recht. Sie meint es gehört ihr. Aber hey... sie ist eine Frau. Also ist alles was sie tut entweder richtig oder menschlich, niemals aber Falsch oder Böse.
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