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Kabarettist: Dieter Hildebrandt ist tot

Verstorbener Dieter Hildebrandt: Der wichtigste Kabarettist Deutschlands Fotos
imago

Er war der wichtigste Kabarettist Deutschlands, das Gesicht des "Scheibenwischer". Jetzt ist Dieter Hildebrandt im Alter von 86 Jahren an einem Krebsleiden gestorben.

Der Kabarettist Dieter Hildebrandt ist tot. Das teilte seine Frau Renate der Nachrichtenagentur dpa mit. Der "Scheibenwischer"-Macher starb in der Nacht zu Mittwoch in einem Münchner Krankenhaus im Alter von 86 Jahren. Erst am Dienstag war bekannt geworden, dass Hildebrandt schwer an Krebs erkrankt war. Er lag nach Angaben seines engen Freundes Dieter Hanitzsch auf der Palliativstation.

Die Diagnose Prostatakrebs hatte er nach Angaben der Münchner Zeitung "tz" im Sommer bekommen. Alle Auftritte hatte er abgesagt. Nachdem sich sein Zustand vor wenigen Wochen gebessert hatte, durfte er zunächst nach Hause. Dann habe es aber einen schweren Rückschlag gegeben, und er sei erneut in die Klinik eingewiesen worden.

Dieter Hildebrandt war Deutschlands prominentester Kabarettist. 1956 gründete er in München die "Lach- und Schießgesellschaft" mit, die bald bundesweit bekannt wurde. Durch das Fernsehen wurde er zum Inbegriff des Kabarettisten, zunächst durch seine Serie "Notizen aus der Provinz" im ZDF, dann ab 1980 durch das Live-Kabarett "Scheibenwischer" in der ARD.

Platzanweiser im Nachkriegskabarett

Dieter Hildebrandt wurde am 23. Mai 1927 in Bunzlau/Niederschlesien geboren, wo seine Familie einen großen Hof bewirtschaftete. Bis 1943 ging er zur Schule, dann war er Luftwaffenhelfer in Berlin. Nach vier Monaten Arbeitsdienst wurde Hildebrandt zur Wehrmacht einberufen. Dass er im April 1944, als 16-jähriger Flakhelfer, der NSDAP beigetreten sein soll, wie über 60 Jahre später publiziert wurde, konnte sich Hildebrandt nur über ein Sammelverfahren erklären; seine Unterschrift zu einem Parteibeitritt habe er nie gegeben. Dass er HJ-Mitglied gewesen und von der NS-Zeit geprägt worden war, hatte er nie verschwiegen.

1945 fand er nach einigen Monaten in alliierter Gefangenschaft seine Eltern in Windischeschenbach in der Oberpfalz wieder. 1947 holte er das Abitur in Weiden nach, arbeitete zwei Jahre im US-Garnisonslager Grafenwöhr und studierte von 1950 bis 1955 Literatur- und Theaterwissenschaften sowie Kunstgeschichte in München.

Ein Studentenjob brachte den ersten Kontakt zum Kabarett: Dieter Hildebrandt arbeitete als Platzanweiser im ersten, sehr erfolgreichen Münchner Nachkriegskabarett von Trude Kolman, der "Kleinen Freiheit". Hier lernte er sein erklärtes Vorbild Werner Finck kennen, auch Erich Kästner und andere Größen des politischen Kabaretts. Im Februar 1955 gründete er mit Studienkollegen das Studentenkabarett "Die Namenlosen" in Schwabing.

"Echte politische Giftmischerei"

Zusammen mit Sammy Drechsel gründete Hildebrandt 1956 die "Münchner Lach- und Schießgesellschaft", bei der er gut die Hälfte der Programmtexte schrieb und 17 Jahre lang auch regelmäßig auftrat. 1972 löste sich das alte Ensemble, dem unter anderem Ursula Herking, Klaus Havenstein, Ursula Noack, Jürgen Scheller, Achim Strietzel und Horst Jüssen angehörten, auf. Doch Hildebrandt blieb Gesellschafter der Schwabinger Kabarettbühne, schrieb bis 1990 weiter für die "Lach und Schieß". TV-Übertragungen von deren Programmen waren sehr beliebt, Ausstrahlungen an Silvester erreichten Einschaltquoten von über 50 Prozent.

Die Arbeit fürs Fernsehen bekam in der Folge immer größere Bedeutung für Hildebrandt. Von 1973 bis 1979 war er Moderator und Mitautor der ZDF-Sendereihe "Notizen aus der Provinz". Regelmäßig begleiteten Proteste aus den Unionsparteien die 66 Folgen der Reihe, bis eine erzwungene Sendepause im Wahljahr 1980 Hildebrandt zum Sender Freies Berlin (SFB) wechseln ließ.

Im ARD-Programm kommentierte er im "Scheibenwischer" von Juni 1980 an jahrzehntelang die deutsche Zeitgeschichte, wobei ihm "ein schier unerschütterlicher Optimismus" dabei half, "in allem Übel noch etwas anrührend Komisches zu finden", wie die "Süddeutsche Zeitung" beobachtete.

Franz Josef Strauß warf Hildebrandt allerdings "echte politische Giftmischerei" vor. Kein Wunder also, dass versuchte Einfluss- und Zensurmaßnahmen auch die "Scheibenwischer"-Programme begleiteten. So schaltete der Bayerische Rundfunk wegen "nicht gemeinschaftsverträglicher" Elemente vorübergehend die Ausstrahlung der ARD für seinen Sendebereich ab. Ursache war Hildebrandts bitterböse "Unbotmäßigkeit" nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

2003 gab der für sein Lebenswerk mit dem Bremer Till-Eulenspiegel-Satire-Preis und insgesamt vier Grimme-Preisen ausgezeichnete Hildebrandt nach 145 "Scheibenwischer"-Sendungen seine Abschiedsgala in Berlin, nahezu unisono umjubelt von der Fachkritik. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" würdigte Hildebrandts "Kunst des Haspelns, Stotterns und des Schlingerns".

Während der "Scheibenwischer" fortan nicht mehr an die Popularität, die er unter Hildebrandt hatte, herankam, blickte Hildebrandt in mehreren Buchveröffentlichungen auf sein Lebenswerk zurück, zu dem bis ins hohe Alter noch Bühnenauftritte zählten, unter anderem an der Seite von Werner Schneyder, mit dem Hildebrandt von 1974 bis 1982 das "Autorenkabarett" betrieben hatte. Auch in Filmsatiren war Hildebrandt häufig zu sehen. Legendär seine Rolle als Fotograf Herbie in Helmut Dietls Serie "Kir Royal", die er 2011 in dem Kinofilm "Zettl" noch einmal aufgriff.

Dieter Hildebrandt blieb weiterhin interessiert an neuen politischen und medialen Entwicklungen; so stellte er mit seinem Freund, dem Karikaturisten Dieter Hanitzsch, das Online-Kabarett-Projekt Störsender.tv auf die Beine. "Es ist ein großer Verlust", sagte Hanitzsch, "für uns alle". Am Mittwoch stand auf der Startseite des Projekts: "Danke, lieber Dieter, für alles."

tok/feb/dpa

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insgesamt 369 Beiträge
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    Seite 1    
1. .
mloehrer 20.11.2013
Ich ziehe den Hut.
2. R. I. P.
steve_burnside 20.11.2013
Ein Großer ist gegangen. Ruhe in Frieden.
3. Schade
Ponce 20.11.2013
Nach Matthias Beltz der letzte große Kabarettist, der von uns geht. Hoffentlich mach Urban Priol noch weiter und tritt das Erbe an! Hildebrandt wird mir fehlen!
4. Ich mochte ihn nicht immer ABER...
captain 20.11.2013
es ist unbestreitbar ein bedeutendes Stück deutscher Kabarett- und Nachkriegsgeschichte, dass da von uns ging. Ruhen Sie in Frieden, Herr Hildebrandt
5. Respekt vor diesem Leben
RogerT 20.11.2013
Zitat von sysopDer Kabarettist Dieter Hildebrandt ist tot. Das teilte der Karikaturist und enge Freund Dieter Hanitzsch der Nachrichtenagentur dpa mit. Hildebrandt starb in der Nacht zu Mittwoch in einem Münchner Krankenhaus im Alter von 86 Jahren. http://www.spiegel.de/kultur/tv/kabarettist-dieter-hildebrandt-ist-tot-a-934627.html
Respekt vor diesem Leben, er wird mir fehlen. RIP Dieter Hildebrandt
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