Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kachelmann-Talk bei Maischberger: Freie Bahn für Schwarzer

Von

Mal im Ernst: Wer wollte nach Jörg Kachelmanns Freispruch noch mal die bekannten Ansichten Alice Schwarzers hören? Selbst Sandra Maischberger schien unglücklich über die Besetzung ihres Talks zu sein - doch sie hatte der thesenfreudigen Diskutantin wenig entgegenzusetzen.

Kachelmann-Talk: Und ewig tönt das Weib Fotos
WDR

Hätte Sandra Maischberger oder irgendwer aus ihrer Redaktion am Dienstag in der Schlange vor dem Landgericht Mannheim angestanden, um beim Urteil im Fall Kachelmann live dabei zu sein, sie hätten eiligst die Gästeliste für den Abend über den Haufen geschmissen. Denn spätestens um 5 Uhr in der Frühe war klar: Mit Alice Schwarzer ist kein Blumentopf zu gewinnen.

Das wartende Publikum (überwiegend Frauen) vertrieb sich die Zeit mit allerhand Klatsch und Tratsch - und machte keinen Hehl daraus, dass die Einschätzungen und Wertungen der "Emma"-Herausgeberin, Verzeihung, der "Bild"-Kolumnistin, "völlig daneben", "anstrengend" und "antiquiert" seien.

Aber wie das so ist mit Talk-Sendungen zu einem brandaktuellen Thema wie dem Kachelmann-Urteil: Die Schacherei um die besten Gesprächspartner beginnt weit im Vorfeld. Bereits seit Wochen soll Schwarzers Name auf der Gästeliste gestanden haben - extra für die Sendung "Das Kachelmann-Urteil: Hat die Wahrheit gesiegt?".

Die Schwarzer als Garant für Zündstoff - auch hinter den Kulissen. So soll sich Schwarzer im Vorfeld verbeten haben, dass auch Kachelmann-Verteidiger Johann Schwenn, einer seiner freigesprochenen Mandanten sowie die mit Schwenn eng vertraute "Zeit"-Gerichtsreporterin Sabine Rückert in der Runde Platz nehmen.

Es schien ihr "doch ein bisschen viel Schwenn-Fraktion", erklärte die Feministin "Meedia". Aber auch gegen den Kompromissvorschlag, statt Rückert den Schweizer Journalisten Thomas Knellwolf einzuladen, protestierte Schwarzer: "Weil ich nicht einsehe, dass ein Verteidiger nur in Begleitung eines Ex-Mandanten plus eines offensichtlich geneigten Journalisten in eine Talkshow kommt." Ende der Durchsage.

Der als Korrektiv angekündigte Klaus Schroth, einer der Kachelmann-Anwälte aus erster Stunde, erschien ebenfalls nicht. Kachelmann hatte ihn kurzfristig gebeten, seine Teilnahme abzusagen. Maischberger verkündete die Absage mit saurer Miene, wohl ahnend, was nun folgen würde.

Schwarzer konnte nun ungehindert und zum wiederholten Mal über die "öffentliche Hinrichtung" der ehemaligen Kachelmann-Geliebten schwadronieren, auf "renommierte Blätter" eindreschen und davor warnen, dass sich Opfer sexueller Gewalt nach diesem Freispruch wie Freiwild fühlen werden. Den Prozess im Fall Kachelmann bezeichnete sie als "eine dunkle Stunde des Rechtsstaates".

Unappetitlich, diese Medien

Ihre Ausführungen gipfelten in der Feststellung, dass sie es geschmacklos fände, dass der Moderator noch während des Prozesses geheiratet habe. Sei es auch nur, um sich den Anschein des biederen Ehegatten zu geben. Unappetitlich sei auch, dass sie sich mit diesem Fall seit Monaten beschäftigen müsse.

Die Frage, wer sie dazu oder zu ihrer Kolumne in der "Bild"-Zeitung gezwungen habe, wurde leider nicht gestellt. Sandra Maischberger fand ihr Ventil nur in dem winzigen Moment, als sie Schwarzer bei der Aussprache des Namens Dominique Strauss-Kahn belehrte. Schwarzer überging es geflissentlich.

Als Schwarzer Kachelmann-Verteidiger Johann Schwenn in Abwesenheit in die Mangel nahm, unterbrach Maischberger erneut und teilte dem Fernsehpublikum mit, man habe den Juristen auch gern im Studio gehabt. Doch der saß bei Markus Lanz im ZDF.

So blieb ihm wenigstens die tonlose Dauerschleife alter Kachelmann-Videos erspart, die bei Maischberger im Hintergrund lief und die bildliche Untermalung zu einem unausgegorenen Konzept bot.

Ingrid Steeger, die Statistin

Mit dabei in der eierschalenfarbenen Sitzgruppe vor den Monitoren: Ingrid Steeger. Dass sie nach eigener Aussage mindestens dreimal vergewaltigt wurde und mehrere sexuelle Übergriffe durchlitt, hätte dem Thema im Studio zuträglich sein können - war es aber nicht. Die Schauspielerin gerierte sich - nach dem ersten von der Moderatorin artig abgefragten Statement - die ersten 49 Minuten der Sendung als Komparsin ohne Text. Und doch konnte man sich als Zuschauer mit ihr am besten identifizieren: In dieser Runde gab der Schweigende noch mit die beste Performance ab.

Mit der Ausnahme von Heinrich Gehrke, Richter im Mordfall Melanie und Karola Weimar, der das Gericht im Fall Kachelmann rügte, weil es den Freispruch als Beinahe-Verurteilung verkauft habe. Die Wahrheitsfindung sei nun mal nicht die Aufgabe des Richters, vielmehr müsse geprüft werden, ob die Beweise stimmten.

Gehrke bewies: Wer sich in einer so drögen Talkrunde durchsetzen will, der muss sich nach vorne lehnen, die Ellenbogen auf die Knie, und nicht unterbrechen lassen. Er fand klare Worte für Maischbergers kläglichen Versuch, mit Reizworten wie Handschellen und Peitsche im Fall Kachelmann Schwung in die Diskussion zu bringen. "Das tut nichts zur Sache, wenn es einen konkreten Tatvorwurf gibt", erklärte er barsch.

Das Kachelmann-Verfahren bezeichnete er als Kollaps, dessen Ende nun "der größte anzunehmende Unfall" sei: Beide - Angeklagter wie mutmaßliches Opfer - seien in ihrer Reputation geschädigt worden.

Talk-Qualifikation schweizer Pass

Die viel zu groß geratene Runde beherbergte noch den ARD-Rechtsexperten Karl-Dieter Möller, der propagierte, den TV-Moderator hätte man auch nach fünf statt nach 43 Verhandlungstagen freisprechen können. Außerdem sei der Prozess mit Gutachtern überladen gewesen, so Möller. An Vergewaltigungsopfer appellierte er, sie sollten "immer ehrlich sein", es komme ohnehin alles raus.

Völlig aus dem nicht vorhandenen Konzept brachte den Zuschauer der frühere Sat.1-Geschäftsführer und heutige Medienunternehmer Roger Schawinski, dessen Bezug zu Kachelmann darin besteht, dass er ebenfalls Schweizer ist und Kachelmann vor 30 Jahren als Moderator entdeckte und einstellte.

Richter Michael Seidling hatte in der Begründung des Freispruchs am Dienstagmorgen vor dem Landgericht Mannheim noch einmal ausführlich erläutert, warum im Fall Kachelmann die Öffentlichkeit so oft ausgeschlossen worden war. Man hätte sich gewünscht, dass Seidling für den Abend ein letztes Machtwort gesprochen und die Öffentlichkeit auch von der Ausstrahlung der Maischberger-Talkrunde ausgeschlossen hätte.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 538 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Richtig
mcghee 01.06.2011
...Schwarzer konnte nun ungehindert und zum wiederholten Mal über die "öffentliche Hinrichtung" der ehemaligen Kachelmann-Geliebten schwadronieren... Damit hatte sie aber vollkommen recht. Nein, der Kachelmann, der liebe Wetterfrosch? Der tut so etwas nicht. Gut, dass sich wenigstens Eine für das Opfer einsetzt.
2. Maischberger, Schwarzer? Lanz war super
jetztwirdsgut 01.06.2011
Wie wäre es mit einem Bericht zu Herrn Lanz? Herr Schwenn hat dort sehr eindeutig belegt, warum Herr Kachelmann unschuldig ist. Warum bekommt diese unmögliche Frau überhaupt noch ein Forum?
3. (M)Alice
uwe17033 01.06.2011
Zitat von sysopMal im Ernst: Wer wollte nach Jörg Kachelmanns Freispruch noch mal die bekannten Ansichten Alice Schwarzers hören? Selbst Sandra Maischberger*schien unglücklich über die Besetzung ihres Talks zu sein - doch sie hatte der thesenfreudigen Diskutantin wenig entgegenzusetzen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,766054,00.html
Angeblich bekommt Quotenbringer Schwarzer bei der ARD eine eigene Sendung http://neu-news.de/content/Kachelmann-Prozess-Alice-Schwarzer-bekommt-Fernseh-Show . Dann kann sie sich noch jahrzehntelang am Kachelmann-Fall aufreiben und alle ihre beiden Fans werden zuschauen.
4. ...
metbaer 01.06.2011
Frau Schwarzer erinnert mich zunehmends an die abgehalfterten Schlager-Stars, die bei Möbelhauseröffnungen auftreten. Ähnlich wie ein Peter Scholl-Latour, wird die Qualität, die diese Journalisten mal auszeichnete, abgelöst von plumper Polemik - bei dem einen äußert sich dies durch permanente Warnungen vor den neuen Krisenherden der Welt, die zum nächsten großen Krieg führen würden, bei der anderen durch eine immer plumpere Vereinfachung der Mann-Frau-Verhältnisse in der BRD, in dem die Frau mehr und mehr das unterdrückte Opfer einer phallokratischen Gesellschaft sei. Ernstnehmen kann ich in jedem Fall beide nicht mehr. Durch die Art des Auftretens im Fall Kachelmann, hat Frau Schwarzer bei mir enorm an Ansehen eingebüßt. Zu keinem Zeitpunkt ging es Frau Schwarzer um das 'Opfer' Kachelmanns oder um Vergewaltigungsopfer an sich - Frau Schwarzer ging es primär um Frau Schwarzer, Selbstdarstellung um jeden Preis, auf Kosten Dritter (in diesem Fall eben Kachelmann und seine Ex-Freundin). So sehr man Frau Schwarzers Verdienste um die Frauenrechte in Deutschland anerkennen muss - in den letzten Jahren verkümmert sie zunehmends zu einer Polemikerin, die irgendwie versucht, im Gespräch zu bleiben. Selbst meine Mutter, Frauenrechtlerin der ersten Stunde, quasi eine 'Kampfgefährtin' von Frau Schwarzer ist der Meinung, dass sie kaum mehr ernstzunehmen ist und ihre Forderungen und Thesen doch oftmals an den Herausforderungen der Gleichberechtigung im 21. Jahrhunder vorbeigehen - Herausforderungen, die eben andere sind als noch vor 40 Jahren.
5. Arme Alice
LeisureSuitLenny 01.06.2011
Zitat von sysopMal im Ernst: Wer wollte nach Jörg Kachelmanns Freispruch noch mal die bekannten Ansichten Alice Schwarzers hören? Selbst Sandra Maischberger*schien unglücklich über die Besetzung ihres Talks zu sein - doch sie hatte der thesenfreudigen Diskutantin wenig entgegenzusetzen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,766054,00.html
Traurig anzusehen. Die Welt und die Feindbilder von Alice Schwarzer sind ungefähr zeitgleich mit der DDR verschwunden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Die wichtigsten Aspekte des Verfahrens


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: