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26. September 2011, 06:46 Uhr

Kanzlerin bei Jauch

Solo für den Euro

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Für die Kanzlerin war es wie eine Regierungserklärung vor Millionenpublikum: Mit einem Einzelauftritt bei Günther Jauch hat Angela Merkel die Euro-Schicksalswoche eingeläutet, in der über den vergrößerten Rettungsschirm abgestimmt wird. Ihre Botschaft: Die Lage ist ernst, aber unter Kontrolle.

Eigentlich wollte Günther Jauch über den Papst plaudern. Mit Thomas Gottschalk zum Beispiel. Dann aber rief Angela Merkel an: Sie hätte auch Zeit am Sonntag. Also sitzt jetzt die Bundeskanzlerin da, als einziger Gast im senffarbenen Sessel neben Jauch. Gottschalk kann man ja immer noch zu einem anderen Thema einladen. Und der Papst ist sowieso längst weg, als Jauch am Sonntagabend im Berliner Studio auf Sendung geht. Wollte er nicht die Themen für die nächste Woche setzen?

Mit Merkel liegt Jauch da jedenfalls nicht falsch. Es ist eine Schicksalswoche für die Kanzlerin: Am Donnerstag stimmt der Bundestag über den erweiterten Euro-Rettungsschirm EFSF ab, eine Machtprobe für die Kanzlerin, die schwarz-gelbe Mehrheit wackelt. Viel wird derzeit diskutiert über eine Koalition am Abgrund, über mögliche Neuwahlen. Da freuen sich nicht nur Jauch und die ARD über einen Exklusiv-Auftritt der Regierungschefin. Auch Merkel passt das einstündige Solo nach dem "Tatort" bestens ins Programm.

Normalerweise geht sie nicht gern in Talkshows. Die letzten Besuche liegen mehr als zwei Jahre zurück, da war sie nacheinander bei Will, Maischberger und Illner. Damals war Wahlkampf, und schon das zeigt, wie ernst die Lage sein muss, wenn Merkel jetzt die TV-Öffentlichkeit sucht. 60 Minuten Regierungserklärung vor Millionenpublikum, fürs Volk und für die eigenen Leute, ohne lästige Zwischenrufe und Talkshow-Gegner, dafür mit dem wohl beliebtesten TV-Moderator des Landes. Hier kann sie noch mal erklären, wie das alles laufen soll mit dem Euro und mit der Koalition: Willkommen in der Sendung mit der Merkel.

Die Kanzlerin sieht erstaunlich gut aus, fast schon zu gut, wie frisch aus dem Urlaub. So was kann ja schnell falsch verstanden werden in Krisenzeiten. Aber wahrscheinlich wollte die Maske nur, dass Merkels Gesichtsfarbe zur ebenfalls etwas dick aufgetragenen Patina-Atmosphäre des Studios passt. Der Gast jedenfalls versucht dem Eindruck von Erholung entgegenzuwirken. "Ich bin gut beschäftigt", sagt sie und gibt sich betont ernst. Obwohl: Unglücklich sei sie auch nicht. Das ist die Botschaft: Es gibt viel zu tun, aber es ist bei mir in guten Händen. Sorget Euch nicht! Im blauen Blazer ist Merkel gekommen. Farbpsychologen assoziieren blau mit Vertrauen und Verlässlichkeit.

Bekenntnis zur FDP

Und Vertrauen und Verlässlichkeit sind gefragt. "Die Situation ist ernst", sagt Merkel über den Euro. Aber die gemeinsame Währung lohne jede Anstrengung. Auch für die Koalition diagnostiziert sie eine "sehr schwierige, komplizierte" Lage. Der Umgangston gefalle ihr nicht immer. Aber eine Große Koalition? "Da haben wir uns auch fürchterlich gefetzt", warnt sie vor nachträglicher Verklärung. Und die Gemeinsamkeiten mit der FDP seien größer als mit den Sozialdemokraten. Bei der Abstimmung über den Euro-Rettungsschirm werde Schwarz-Gelb eine eigene Mehrheit bekommen, da ist sich Merkel sicher. Die Kanzlermehrheit aber hält sie für verzichtbar, die Vertrauensfrage zu stellen für nicht angezeigt.

Jauch gibt sich Mühe, er lässt ein paar Kritiker in Einspielfilmen sprechen, spielt selbst den Euro-Skeptiker oder zitiert aus einem 13 Jahre alten Euro-Ratgeber der Bundesregierung, in dem steht, dass Deutschland nie für Schuldensünden eines EU-Partners haften müsse. In die Enge treibt er seinen Gast damit nicht. Merkel pariert gelassen. Mal hat die Europäische Union früher bei der Konstruktion der Währungsunion Fehler gemacht, die man nun eben beheben müsse. Mal verstehen der Moderator und auch manche Experten die Komplexität des Problems nicht so ganz. Leicht daherreden geht immer, findet Merkel. Sie aber müsse "Schritt für Schritt" handeln, rechtfertigt sie ihren Kurs, und jeder Schritt müsse kontrollierbar sein.

Diese Schritte dekliniert die Kanzlerin geduldig durch: Griechenland muss seine Reformen durchziehen, sonst gibt es keine weiteren Hilfen. Hellas aus dem Euro auszuschließen, ist keine Option. Die Reform des EFSF ist alternativlos, genauso der dauerhafte Rettungsschirm ESM, der diesen 2013 ablösen soll und auch Staatsinsolvenzen möglich machen soll. Künftig muss es bessere Sanktionsmechanismen gegen Stabilitätssünder geben, dafür sollen auch die EU-Verträge geändert werden. Und für die europäische Finanz- und Wirtschaftspolitik gilt: bessere Koordination ja, eine gemeinsame Finanzregierung nein.

Wirklich Neues ist so von der Kanzlerin an diesem Abend nicht zu erfahren, auch nicht abseits vom Euro. Selbst die kleine Anekdote aus ihrem früheren Berufsleben hat man irgendwo schon mal gelesen: Als sich Merkel einst im Alter von 35 Jahren beim Bundespresseamt um eine Stelle bewarb, wurde sie abgelehnt - wegen zu hohen Blutdrucks. Immerhin können die Zuschauer beruhigt sein. Nicht einmal das wird in diesen aufregenden Zeiten zum Problem für die Regierungschefin. "Seitdem bin ich in guter, ordentlicher ärztlicher Behandlung", sagt Merkel. Das Studiopublikum klatscht dankbar und erleichtert.

So plätschert das Ganze dahin, unaufgeregt, ohne Schärfe und Klamauk, ganz in Merkels Sinn. Am Fernsehgerät dürfte sich mancher wieder ganz geborgen gefühlt haben bei dieser Frau und ihrer zur Schau gestellten Gelassenheit. "Mutti", so wird die Kanzlerin ja gern genannt, bis in die Reihen der CDU. Und Jauch, der gilt als der perfekte Schwiegersohn. Mutti und der Schwiegersohn - das ist Krisen-TV zum Wohlfühlen. Alles im Griff, alles wird gut. Ob bei dieser Inszenierung aber auch die eigenen Leute mitspielen, muss sich in dieser Woche erst noch zeigen.

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