ARD-Film über die Reformation Katharina Luther und ihr Mann

Mehr als die Frau, die ihrem Mann den Rücken freihält: In der ARD-Produktion "Katharina Luther" steht die Frau des Reformators im Mittelpunkt. Erfreulicherweise hält der Film diese Perspektive auch tatsächlich durch.

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Es dürfte nicht allzu oft vorkommen, dass sich der EKD-Ratsvorsitzende als Filmkritiker versucht. Wenn also Heinrich Bedford-Strohm sich dazu versteigt, "tief bewegt" zu sein und "die wunderbaren darstellerischen Leistungen" zu loben, muss er sich zu einem solchen Urteil wirklich berufen fühlen. Nach der Vorab-Premiere des Films am 8. Februar zog der oberste evangelische Bischof gegenüber dem evangelischen Pressedienst ein rührendes Resümee: "Er hatte eine tiefe Beziehung zu ihr. Es gab auch Liebe. Das kann man wohl sagen."

Er, das ist im Rahmen der Reformationsfestspiele natürlich Martin Luther. Bei ihr handelt es sich um Katharina von Bora, deren Leben und Wirken seit 500 Jahren mehr oder weniger im Schatten ihres Gatten standen. Mit "Katharina Luther" dreht Regisseurin Julia von Heinz sozusagen die Kamera um und rückt eine angeblich unterbelichtete Nebenrolle der Weltgeschichte in den Fokus: "Es gibt zu viele Frauen, die hinter ihren Männern unsichtbar sind", sagt die Filmemacherin.

Dabei fügte sich die Rolle der ehemaligen Nonne, die dem ehemaligen Mönch als "starke Frau" zur Seite steht, ihm geschäftlich den Rücken freihält und Mutter seiner Kinder wird, schon früh zur offiziellen Erzählung vom Reformator als großem Aufklärer, der im Privaten sogar die weibliche Emanzipation beförderte. Im Film schnurrt das auf nicht eben zeitgenössische Sätze wie "Ich würde mehr von einer Frau erwarten, als nur zu gehorchen" zusammen.

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ARD-Film "Katharina Luther": Ein ganzes Leben

In diesem Sinne ist von einem Film wie "Katharina Luther" zu erwarten, dass er seine Titelfigur auch wirklich in den Mittelpunkt stellt - und nicht als Mittel zum Zweck gebraucht, sich aus einem originellen Winkel doch wieder nur der vielbeleuchteten Lichtgestalt zu nähern. Schon 2003 stellte ihn schließlich Joseph Fiennes im Kino dar, nebenan beim ZDF steht schon Maximilian Brückner im Zweiteiler "Himmel und Hölle" als Luther in den Startlöchern.

Im ARD-Film ist Devid Striesow, eine allein schon physiognomische Idealbesetzung des Reformators, eine wichtige Stütze der Geschichte. Ihre tragende Säule aber ist Karoline Schuch, die der Heldin erst Gesicht und Gestalt gibt. Wir sehen die Welt des 16. Jahrhunderts mit ihren, den Augen einer Frau - und die ruhen bisweilen, aber eben nicht immer auf ihrem Mann. Sie steht tatsächlich im Mittelpunkt.

Keine ömmelige Rollenspielästhetik

Ein Wagnis ist diese Perspektive vor allem deshalb, weil der Film sich damit allzu leicht auf das Territorium verkitschter Ermächtigungfantasien hätte verirren können, wie wir sie aus dem Hause Iny Lorentz ("Die Wanderhure") kennen - zumal "die Lutherin" aus katholischer Sicht nichts anderes war als eben eine "Ketzerbraut" (ebenfalls Iny Lorentz, Sat.1).

In diese Falle tappt "Katharina Luther" nicht, und das ist seine eigentliche Leistung. Eine Geschichte aus dieser Epoche zu erzählen, ohne sich der ömmeligen Rollenspielästhetik von Mittelaltermärkten zu bedienen, das muss man erst einmal hinbekommen. Regisseurin von Heinz ("Ich bin dann mal weg") kann sich nicht nur auf das umsichtige Drehbuch von Christian Schnalke und seine schnörkellose Erzählweise verlassen. Auch Kamerafrau Daniela Knapp vermeidet romantisierende Totalen, bleibt ihren Protagonisten immer dicht auf den schmutzigen Fersen, stellt unscharf und verwackelt. Mit der begleitenden Kamera wird die Unsicherheit der Zeiten spürbar.

Zusätzlich geht der Blick ins sprechende Detail. Wenn der entflohenen Ordensschwester dämmert, dass die Gesellschaft der frühen Neuzeit ihr nur die Wahl zwischen Freudenhaus und Ehebett lässt, wird dieser Gedanke durch die abgetrennten Flügel eines Pfauenauges in einem Spinnennetz illustriert. Wenn sie beginnt, sein Gelehrtenleben zu organisieren, hat sie Eisenkraut, Liebstöckel und Schafgarbe aus dem verlassenen Klostergarten in Händen. Schlamm steht in Pfützen, Staub in der Luft.

Derlei macht den historischen Hintergrund erfahrbar, vor dem "Katharina Luther" seine Geschichte erzählt. Es ist die Frau, die sich dem irrlichternden Mann als nützliche Partnerin anbietet: "Als Mensch bin ich nichts", seufzt Luther: "Ich bin Gottes Werkzeug. Man kann mich auf der Straße totschlagen, ohne dafür bestraft zu werden!" Katharina beharrt: "Ich werde nichts tun, was euch belastet. Niemals. Ihr tut eure Arbeit, und ich werde meine tun. Und wenn's nicht geht, dann …dann schickt ihr mich einfach weg."

Beide wollen sie "das ganze Leben", also auch das weltliche mit allem Für und Wider. Die "Lutherin" stellt die idealistische Arbeit ihres Mannes auf ein solides finanzielles Fundament, erwirbt Grundbesitz und organisiert Lehraufträge. Bald geht es in der Residenz zu wie in einer theologischen Kommune mit angeschlossenem Medienhaus, illustre Randfiguren wie Philipp Melanchton und Lucas Cranach inklusive.

Die Ehe als Zweckbündnis

Die Ehe wird als das Zweckbündnis geschildert, das Ehen damals waren. Umso reizvoller ist die allmähliche Entwicklung zum - historisch verbürgten - Liebesverhältnis zwischen Katharina und Martin. Schuch kann allein mit ihrem Gesicht einen Bildschirm und den Abend füllen, ganze Beziehungsgeschichten erzählen sich über minimale Blickwechsel.

Luther selbst ist insofern aus dem Spiel, als er seine größten Schlachten bereits geschlagen hat. Seine Thesen hat er längst an die Kirchentür genagelt, längst in Worms seine Positionen vertreten - nun ist der Reformator mit dem politischen Nachgang seiner Veröffentlichungen beschäftigt. Beiläufig wird er die Bauern verraten, sich über Zwingli ärgern und immer grimmiger auf die Juden stürzen, die sich seiner Mission entziehen.

Das wirklich "dunkle Mittelalter" mit seinem Glauben an Dämonen bleibt dabei als Hypothek und Phantasmagorie spürbar. Sein Gewissen führt Luther gefolterte Bauern vor. Und als Katharina schwanger ist, träumt sie sehr realistisch davon, einen Dämon mit spitzen Zähnen zu gebären. Da kann es dann schon mal sehr protestantisch werden: "Angst, jahrhundertelang nichts als Angst", sagt Luther und schwört seiner Frau: "Unsere Kinder werden die Ersten sein, die ohne Angst vor Gott aufwachsen werden".

Ein Zeitsprung von 15 Jahren zeigt die achtköpfige Familie tatsächlich in beinahe idyllischen Verhältnissen - bis die älteste Tochter stirbt. Wieder ist es Katharina, die ihren hadernden Mann vor der Umnachtung bewahrt, seine Wut auf die "jüdischen Ärzte" zu dämpfen versucht. Sie haben es beide gehabt, ihr "ganzes Leben".

In den Wirren der Kriege, die es ohne Luther wohl nie gegeben hätte, wird Katharina bald nach dem Tod ihres Mannes alles verlieren und ein elendes Ende finden. Dieser Aspekt ihres "ganzen Lebens" bleibt ausgeklammert, der Film verlässt das Paar in einem Moment der endgültigen Einvernahme, als allzu erbauliches Exempel einer gelungenen Ehe - und damit, so die ideologische Botschaft, auch eines gelungenen Lebens.


"Katharina Luther". Mittwoch, 22. Februar 2017, 20.15 Uhr, ARD.



insgesamt 24 Beiträge
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rugall70 22.02.2017
1. Vorsicht vor Historien-Filmchen
Skepsis ist angebracht. Ein Science-Fiction-Film aus den 60er Jahren atmet mehr von der Atmosphäre der 60er, als dass er den Geist einer fernen Zukunft zeigt. Mit Historienfilmen ist es ähnlich. Nur umgekehrt. Sie sagen mehr über uns als über länst vergangene Zeiten. Goethe hat es einst schön auf den Punkt gebracht: Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln. Was ihr den Geist der Zeiten heißt, Das ist im Grund der Herren eigner Geist, In dem die Zeiten sich bespiegeln.
Newspeak 22.02.2017
2. ...
Ach Gottchen. Was wird jetzt alles in diese Frau hineinprojiziert. Feminismus im Mittelalter, ja logisch. Vielleicht gibt es ja auch mal den Fall, wo hinter starken Maennern keine starke Frau steht? Und was ist jetzt mit Luthers Hund, Katze, Maus? Deren Rolle im Leben des Reformators war bisher nur unzureichend filmisch abgehandelt. Man fuehlt sich direkt an die historischen Filmchen ueber andere beruehmte Deutsche erinnert.
shakidoo 22.02.2017
3. 2
Es werden in der Geschichte gerne die Frauen vergessen. Selbst wenn sie etwas geleistet haben gehen sie doch in der Masse der männlichen Helden unter. Welcher Mann hat denn eine Frau als Vorbild? Sehr selten. Umgekehrt haben viele Frauen Männer als Vorbilder. Das auch die Partner von berühmten Persönlichkeiten durchaus was auf den Kasten haben finde ich wichtig zu erwähnen. Denn man geht einfach immer noch davon aus, dass besonders die "brave Ehefrau" nur ihren Mann unterstützt hat und sonst nix weiter ... :/
elisenstein 22.02.2017
4. erst sehen und dann verurteilen...oder beurteilen?
an rugall70 u. newspeak: endlich mal ein guter Film und kein billig produzierter Krimi oder gefühlte 1000 Quizshows.
curiosus_ 22.02.2017
5. Oder oberflächlicher...
Zitat von elisensteinan rugall70 u. newspeak: endlich mal ein guter Film und kein billig produzierter Krimi oder gefühlte 1000 Quizshows.
...Historienkitsch wie die Wanderhure oder der Medicus der nur eine Karikatur des Mittelalters darbietet.
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