Katholiken-Talk bei Plasberg Vertuschtes verjährt nicht

"Priester und Sex" hieß das Thema - die Gäste: ein Bischof, der sich rausredet, ein übermotivierter Vatikanfan von "Bild", dazu der Ex-Jesuitenschüler Heiner Geißler. Leider war die Runde bei "Hart aber fair" so wenig erhellend wie eine Messe in der Provinz.

Plasberg-Gäste Englisch, Geißler, Mika: Schwadronieren statt analysieren
WDR

Plasberg-Gäste Englisch, Geißler, Mika: Schwadronieren statt analysieren

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Man redete schon fast eine Stunde, der Zuschauer hatte beinahe vergessen, dass Andreas Englisch überhaupt anwesend war, da platzte es aus ihm heraus: "Es ist gemein, auf die katholische Kirche zu schauen wie auf ein Biotop", krächzte der "Bild"-Korrespondent des Vatikan. Englisch polterte, sprang von seinem Hocker auf, mit zorngeschwollener Halsschlagader und wilder Gestik versuchte er gegen das Argument anzureden, das Sündenregister der Kirche umfasse womöglich mehr Seiten als die Bibel.

Der Papst-Verehrer schleuderte den anderen Gästen die Wörter nur so an den Kopf, den Zeigefinger erhoben wie einen Taktstock - gerade so als könne er Frank Plasbergs Bitte, sich zu beruhigen, in Grund und Boden gestikulieren.

"Priester und Sex - Wie viel Wahrheit wagt die Kirche" lautete das Thema bei "Hart aber Fair". Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Diskussion in etwa die Dramaturgie eines mäßig originellen Wortgottesdienstes am Sonntagvormittag: wenig mitreißend, wenig erhellend, wenig konkret.

Die Gäste schafften es nur selten, sich aus den Schubladen zu befreien, in die man sie bei der Sendeplanung offensichtlich gesteckt hatte. Die frühere "taz"-Chefredakteurin Bascha Mika betonte die Unterdrückung der Frau in der katholischen Kirche, Vatikan-Korrespondent Englisch lobte papstbegeistert und hyperenergisch die Verdienste der Kirche in der Dritten Welt, CDU-Politiker Heiner Geißler gab den wohl temperierten, gut abwägenden, schlau argumentierenden Jesuiten-Schüler - und an den äußeren Flanken übte sich der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke in weichgespülter Rhetorik, während Missbrauchsopfer Norbert Denef als lebender Beweis für die Heuchelei der Kirche fungierte.

Angriff mit der anti-katholischen Schnellfeuerwaffe

Man hatte sich viel vorgenommen - und am Ende übernommen. Allein der Titel der Sendung vereinte gleich mehrere Reizthemen. Jedes für sich genommen ausreichend, um die Sendezeit zu füllen. Es wurde vermischt, was nicht vermischt gehörte oder aneinandergereiht, was aufzudröseln gelohnt hätte.

Natürlich kann man im Rahmen der Missbrauchsfälle auch über den Zölibat sprechen, eine Aufklärungsfibel aus den sechziger Jahren als Beleg für die vermiefte und verbohrte Sexualmoral der damaligen Zeit ins Feld führen - das aber wäre zu einfach. Der Zölibat sei nicht der Grund für den sexuellen Missbrauch in der Kirche, warf Missbrauchsopfer Denef zu Recht ein. Er drohte, die Sendung zu verlassen, sofern man sich nicht wieder auf das eigentliche Thema besinne. Stattdessen wurde ein weiteres Fass aufgemacht: rechtliche Verjährungsfristen - Denefs Lebensthema. Und so blieb er.

Am Ende konnte der Zuschauer fast Mitleid für Bischof Jaschke empfinden, der alle Angriffe aus der anti-katholischen Schnellfeuerwaffe abzuwehren versuchte - im Verlauf der Sendung allerdings spürbar souveräner wurde. Er wuchs in die Rolle des Krisen-PR-Managers hinein. Vielleicht weil er wusste, dass auf die theologisch fundierten Argumente Geißlers wenig später leicht zu entkräftende Allgemeinplätze folgten - und es der Runde an Kontinuität und Ausdauer fehlte.

Zu Beginn gab sich Jaschke ganz der Rolle des Dampfplauderers hin. Er ließ aalglatte Kalenderweisheiten verlauten, die ihn wenig angreifbar machten - weil sie wenig aussagten. Es waren Sätze wie: "Es wird alles versucht, um die Wahrheit ans Licht zu bringen." Klingt gut, bedeutet wenig.

Der "Bild"-Mann muss Druck ablassen

Denn was nützen die Forderungen, so lange immer noch versucht wird, das Geschehene lieber zu vergessen als zu verarbeiten? Die Debatte hätte mehr Sein statt Schein gebraucht. Oder, wie Denef bissig bemerkte: "An den Taten wirst du sie erkennen, nicht an den leeren Worten."

Auf die Frage Plasbergs, ob die Kirche sich nicht vor allem für das Vertuschen der Missbrauchsfälle entschuldigen müsse, antwortete Bischof Jaschke nicht.

Norbert Denef, der in seiner Jugend von zwei Kirchenmännern missbraucht wurde, saß in der Runde als personifizierte Antithese dessen, was Jaschke sagte. Während der Bischof die eigene Offenheit predigte ("Wir haben gezeigt, dass wir auf der Seite der Opfer stehen und die Täter bestraft werden"), berichtete Denef, wie das Bistum Magdeburg ihn zwar nach jahrelangem Ringen entschädigte - in der Folge aber ein Schweigeversprechen verlangte, gegen das Denef zwei Jahre lang kämpfte.

Schließlich kündigte sogar Jaschke an, Denefs Kampagne zur Aufhebung der Verjährungsfristen unterstützen zu wollen.

Wenn es gelang, aus dem Nebeneinander an Beiträgen ein rhetorisches Miteinander entstehen zu lassen, ergaben sich durchaus interessante Argumentationsstränge. So, als Bascha Mika versuchte, Jaschkes Einwand zu widerlegen, man wisse erst seit wenigen Jahren von den Folgen und der Bedeutung der Pädophilie: "Sie können doch nicht so tun, als wussten sie bis 2002 nicht, was sexueller Missbrauch ist. Seit Ende der siebziger Jahre gibt es in Deutschland eine intensive Debatte."

Die frühere "taz"-Chefredakteurin versuchte beharrlich, Jaschke Antworten abzuringen - und sagte schließlich den Satz der Sätze: "Sie reden sich raus."

Und Andreas Englisch? Der Mann, der sich dem Vatikan so verbunden fühlt? Der schadete seiner Kirche durch seinen Auftritt vielleicht mehr, als er ihr nützte. Englisch fiel weniger durch interessante und anschlussfähige Beiträge auf, sondern präsentierte sich als übermotiviertes Energiebündel, das Runde im Teamwork vergeblich zu bremsen versuchte: "Frau Mika, können Sie es mal probieren", bat der Moderator.

Am Ende war der Korrespondent immerhin für einen Schmunzler gut: "Herr Englisch hat lange geschwiegen, dass er jetzt mal Druck ablassen muss, ist völlig klar", kalauerte Plasberg - unmittelbar zuvor war es um die verklemmte Sexualmoral der Kirche gegangen.



insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
Olias, 25.02.2010
1. Stimmt, gähn...
Ich schaltete auch ab, vor allem aber wegen der nach wie vor offenkundigen Uneinsichtigkeit der Vertreter der katholischen Kirche. Leider habe ich durch mein frühes Abschalten den Auftritt des "Bild"-Korrespondenten des Vatikan verpaßt. So ein Ärger. War bestimmt voll die Gaudi. Die katholische Kirche sollte als das eingestuft werden, das sie ist: eine Sekte, die Wasser predigt und Wein säuft.
maxll 25.02.2010
2. Skandal
Die Tatsache, dass sich die Kirche anmaßt, über das Vorliegen des Tatbestands eines sexuellen Mißbrauchs urteilen zu dürfen, ist ein Skandal. Diese Entscheidung hat die Staatsanwaltschaft und niemand anderes zu treffen. Und zwar in sämtlichen Fällen. Leider ist vor dem Gesetz jeder gleich, so dass den vordergründig moralischen, das gesellschaftliche Vertrauen in Sie ausnutzenden kriminellen Priestern keine besondere Strafe zu teil werden kann. Und noch etwas: auch für einige wenige Ausreißer hat die katholische Kirche als Ganzes volle Verantwortung zu übernehmen. Auch hier hat Gleichheit zwischen allen Institutionen des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebens zu herrschen.
FastFertig, 25.02.2010
3. Wenn
Wenn die Kirche könnte wie sie wollte, würde sie kein Schweigegeld anbieten, dann würde Herr Denef irgendwo totgeschlagen aufgefunden werden. Wie man das früher halt so gemacht hat, in der Kirche. Die Zeiten haben sich insofern schon gebessert, die Kirche kann heutzutage nicht mehr straffrei die halbe Welt mit Mord und Totschlag überziehen ohne sich rechtfertigen zu müssen. Und das Positive ist, es kann sogar noch besser werden!
herr michel 25.02.2010
4. Die Kirche als Herrin des Vorverfahrens?
Hier zu Lande entscheidet die Staatsanwaltschaft darüber, ob ein Anfangsverdacht besteht und ein Ermittlungsverfahren eröffnet wird. Auch entscheidet die Staatsanwaltschaft darüber, ob ein hinreichender Tatverdacht für eine Klageerhebung besteht. Leider fehlte in der Runde ein Teilnehmer, der diese Praxis hätte Bischof Jaschke erklären können. Er geht nun weiterhin davon aus, dass die Kirche in den eigenen Reihen über Verdachtsgrade entscheiden kann und somit über den Zeitpunkt einer Anzeige.
zephyros 25.02.2010
5. entlarvend bis peinlich....
...als Bischof Jaschke Basha Mika erklären sollte, wie er sein sexuelles Verlangan "wegsublimiert"..
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