"Tatort" aus Kiel: Ein Mann geht in Flammen auf

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Kieler "Tatort": Neckisch geht's auch Fotos
ARD

Das Morden im Norden lernen: Der Kieler "Tatort" schaut sich gerne was bei den skandinavischen Nachbarn ab, die in ihren Spitzenkrimis eiskalte Gewalt und sinnliche Gefühle verbinden. Um einen Flammentod aufzuklären, muss Klemmi-Kommissar Borowski mit einer sehr offenherzigen Dänin klarkommen.

Der "Tatort" mit den grausamsten Bildern kommt eindeutig aus Kiel. Man orientiert sich an den Krimis der skandinavischen Nachbarn, und wie dort scheut man sich auch im nördlichsten deutschen TV-Revier nicht, das Pathologische der Verbrechen plakativ darzustellen. Und die aktuelle Episode, bei der Kommissar Borowski (Axel Milberg) direkten Kontakt mit der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein aufnimmt, brennt diesmal besonders scheußliche Bilder in die Netzhaut des Primetime-Publikums.

Gleich zu Anfang wird der Direktor einer dänischen Schule nahe Schleswig in Flammen gesetzt, dann taumelt er die Treppen vor dem Eingang herunter, um dort elendig zu verenden. Am nächsten Tag wird in einem Gartenhäuschen die verkohlte Leiche einer weiteren Person gefunden. Man vernimmt Schreie des Schreckens, ansonsten herrscht in diesem grau-schwarzen Winter-"Tatort" Stille. Es geht um grausame Erinnerungen, die lichterloh aufflackern, und um Schweigen, das seelische Schäden anrichtet. Aber wie herausfinden, was hinter den Brandanschlägen steckt, wenn keiner redet?

Der Einzige, der etwas erzählen könnte, wäre Kriminalrat Schladitz (Thomas Kügel). Unerwartet trifft ihn Kommissar Borowski in der Menge vor der Schule, wo der Brandanschlag stattgefunden hat. Schladitz war mit dem ermordeten Schulleiter seit Kindertagen befreundet. Doch ausgerechnet er, der in den letzten Kieler "Tatort"-Folgen in Borowskis Küche sein verkorkstes Eheleben ausbreitete, schweigt grimmig.

Ein Licht im Winter

Doch bald tut sich der Hintergrund der Anschlagsserie auf: Anfang der sechziger Jahre haben fünf Kinder ein Haus angezündet, ein Ehepaar starb. Eines der zündelnden Kinder war Schladitz; auch er steht offensichtlich auf der Todesliste des unbekannten Rächers, der Genugtuung will für die Tat vor einem halben Jahrhundert.

Ein "Tatort" über Schuld und Scham ist "Borowski und der brennende Mann" geworden; was nie ausgesprochen wurde, bricht irgendwann umso brutaler heraus. Regisseur Lars Kraume (zeichnete für die letzten Frankfurt-"Tatorte" verantwortlich) und Drehbuchautor Daniel Nocke ("Verratene Freunde") verlieren sich aber nicht in heftigen Bildern, sondern leiten den Zuschauer in ein wenig ausgeleuchtetes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte.

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wurden Flüchtlinge aus Pommern und Ostpreußen über die Ostsee in die Gegend zwischen Flensburg und Schleswig gespült; dorthin, wo auch eine starke dänische Minderheit lebt. Die alteingesessenen deutschen Bewohner der Region reagierten feindselig, man hoffte sogar eine Zeitlang, Dänemark zugeschlagen zu werden, um sich nicht um die Flüchtlinge kümmern zu müssen. Der Brandanschlag der Kinder auf das Ehepaar aus dem Flüchtlingsmilieu war im gewissen Sinne die logische Konsequenz aus der Ausschlusspolitik der Erwachsenen.

Eine starke Story also darüber, wie Geschichte ins Hier und Jetzt wirkt. Da sieht man über einige arg konstruierte Plot-Wendungen und von Milberg und seiner Filmpartnerin Sibel Kekilli recht lieblos runtergespielte Passagen hinweg. Haben die beiden überhaupt noch Lust, miteinander zu spielen, oder erfolgt bald eine Trennung wie jüngst im HR-"Tatort" mit Joachim Król und Nina Kunzendorf?

Schleswig-Holstein liegt in "Borowski und der brennende Mann" jedenfalls kalt da, und auch das Verhältnis zwischen Milberg und Kekilli wirkt wie eingefroren. Bewegung kommt nur ins Spiel, wenn die dänische Ermittlerin vor Ort (gespielt von der drolligen Schwedin Lisa Werlinder aus "Freilaufende Männer") auf der Bildfläche erscheint. Ein Licht im Winter. Mit entwaffnender skandinavischer Offenheit treibt sie den alten Klemmi Borowski vor sich her.

Auch hiermit schlägt der Kieler "Tatort" Kapital aus seiner Orientierung an skandinavischen Krimis. Trübsinn und Sinnlichkeit, das ist im Norden kein Widerspruch.


"Tatort: Borowski und der brennende Mann", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Trennung
silberstern 10.05.2013
Es wäre zu wünschen, wenn Frau Kekilli sich wieder nach Westeros begibt um dort zu bleiben. Das passt sie besser hin. Borowski war früher der Tatort mit dem höchsten Spannungs- und Unterhaltungswert einer der wenigen Tatorte mit hochklassigen Plots. Seit die überbewertete Schaustellerin ihre Figur mit den seltsamen körperlichen und seelischen Problemen in den Mittelpunkt des Kieler Tatorts geschoben, hat dieser stark gelitten. Wie Herr Buß feststellt, merkt man das auch deutlich bei den Protagonisten.
2. Der Heimlichtuer
zaam 10.05.2013
Borowski schleicht sich von hinten an und übernimmt doch das Kommando. Ich finde ja, dass der ganze Hype um Hamburg und Münster verdient ist. Dass Borowski da aber mühelos mithalten kann, können wir hoffentlich am Sonntag oder danach in der Mediathek, auf fernsehstrom.de oder sonstwo im Internet mitverfolgen. Ich wünsche mir das Beste.
3. Vergeßt
Hippolit 10.05.2013
mir Thomas Kügel nicht. Ein interessanter Schauspieler, der den merkwürdigen Glanz des zivilisierten Wahnsinns verbreitet....
4.
clemensbarono 10.05.2013
Axel Milberg in der Rolle als Kom. Borowski find ich gut. Seine ehemalige Kollegin Dipl. Psychologin vermisse ich sehr. Auf diesen "Pornostar" Sibel Kekilli sollte verzichtet werden...
5.
_muskote 10.05.2013
„Frauenpower“ -- hey! Die Achtziger haben angerufen, sie wollen ihre Sprache zurück. :) Im Ernst: furchtbarer Begriff. Können wir den nun mal langsam -- Achtung -- einmotten?
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Zum Autor
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.