ARD-Film über reiche Bistümer Die Kohle der Kirche

Jeder Konzern muss seine Bilanzen offenlegen. Nur die Kirche verbirgt ihren Besitz hinter Weihrauch, Purpur und Briefkastenfirmen. Die ARD-Doku "Vergelt's Gott" forscht nach - und legt Obszönes offen.

SWR

Aus der Distanz betrachtet, ist die katholische Kirche eines der ältesten Unternehmen der Welt. Kernprodukt ist heute wie vor bald 2000 Jahren die frohe Botschaft, also der schwunghafte Handel mit metaphysischen Lebens- und Sinnversicherungen.

Zwar wird das "fliegende Personal" nur sehr selten gesichtet, etwa von den Autoren esoterischer Ratgeber oder von portugiesischen Hirtenmädchen. Dafür steht das "Bodenpersonal" in umso höherem Ansehen, wenn es um die salbungsvolle Beantwortung letzter Fragen geht - nur auf die profane Frage, wie die Bilanz dieses Unternehmens eigentlich aussieht, verweigert es die Antwort. SWR-Journalist Stefan Tiyavorabun versucht dennoch, genau das herauszufinden: "Es geht um das bestgehütete Geheimnis der katholischen Kirche: ihr Geld."

Spärlich und immer spärlicher klimpert es im Klingelbeutel. Und was in der Domschatzkammer zu Köln so schön glänzt, ist bei näherer Betrachtung nur vergoldetes Holz. Schnell dämmert: Zum reichen Mysterienschatz dieser Kirche gehört auch ihr mysteriöser Reichtum. Ein Reichtum, dem mit Ziffern nicht beizukommen ist. Reinhard Marx beispielsweise ist als Erzbischof von Freising und München sozusagen Filialleiter des Unternehmens, überdies Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und neuerdings Koordinator des Päpstlichen Wirtschaftsrates. Direkt gefragt, reagiert er ausweichend bis verstimmt: "Ich überschaue das Vermögen des Erzbistums Freising nicht. Das kann ich nicht."

"Was soll ich da sagen?"

Wenn es nicht einmal ein Kirchenmann weiß, der gerne die "Überwindung des Kapitalismus" predigt, wer weiß es dann? Vielleicht Stefan Heße, als Prälat eine Art CEO des Erzbistums Köln? Nein, der schwimmt und schwankt und knetet seine Hände, wenn er nach dem Vermögen seines Bistums befragt wird. "Wenigstens eine Hausnummer" würde Tiyavorabun gerne hören, aber Heße barmt: "Was soll ich da sagen?"

Freudige Auskunft gibt Hans-Peter Schwintowski, unter anderem Professor für Handelsrecht in Berlin. Er greift zum Stift, um flugs hochzurechnen, was dem Kölner Erzbistum allein an Ländereien und Betrieben so alles gehört. Am Ende steht eine Milliarde als realistischer Wert und die Einschätzung des Experten: "Ein außerordentlich gut finanziertes Unternehmen ist diese Kirche."

Dass ein Teil davon, eine kostbare Immobilie direkt am Dom, von einer Briefkastenfirma verwaltet wird, die praktischerweise in einem niederländischen Schlupfloch eine Zuflucht vor der fiskalen Christenverfolgung gefunden hat, ficht den Kölner Kirchenmann Heße nicht an. Das sei alles rechtens, meint der Prälat, und außerdem habe schon Jesus geraten, man solle "sparsam" mit Geld umgehen. So sparsam wie im Limburg des notorischen Tebartz-van Elst? Dort wurden im Nachgang der Skandale um den Neubau des Bischofssitzes immerhin runde 900 Millionen Euro offengelegt. Geld, von dem vorher kaum jemand wusste. Und gegen das nichts einzuwenden wäre, ginge es an die Bedürftigen.

Nicht das Geld ist obszön, sondern die Heimlichtuerei

In Freising etwa halten die Verantwortlichen das Diözesanmuseum für so bedürftig, dass sein Erhalt mit 30 Millionen Euro gesichert ist - während für das katholische Obdachlosenheim der Stadt laut ARD-Recherchen schlappe 64.000 Euro fehlen. Das Heim wird geschlossen.

Im deutschen Handelsregister gibt allein der Suchbegriff "katholisch" 3032 Treffer. Dazu gehören Banken, Immobilienfirmen, Verlagskonzerne, Filmfirmen, Getränkefabriken, Weingüter und Wälder - vor allem Wälder! Die sind zwar ordentlich im Grundbuch eingetragen, können aber nicht einmal von den Ämtern den verwirrend vielen kirchlichen Trägern zugeordnet werden. Schwintowski schätzt alleine in Deutschland den Grundbesitz auf 200 Milliarden Euro. Jährlich fließen fünf Milliarden an Steuergeldern, von denen ein Teil für den Betrieb von Krankenhäusern, Kindergärten, Schulen oder Hochschulen verwendet wird. Hinzu kommen rund 500 Millionen Euro staatlicher Zuwendungen, mit denen unter anderem Reinhard Marx' Gehalt bezahlt wird.

Diese halbe Milliarde geht auf den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 zurück, in dem Entschädigungen für enteignete Abteien vereinbart wurden. In Anwendung der Formel "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" war es den weltlichen Autoritäten damals ganz recht, die frommen Männer zu bezahlen. Aber heute? Heute wohl auch noch. Obszön ist weniger der Reichtum der Kirche. Obszön ist, dass dieser Reichtum im Verborgenen existieren und Blüten treiben kann.

Tiyavorabun macht sich in seinem Film an eine exemplarische Entflechtung des Dickichts. Und scheitert erwartungsgemäß. Sehenswert ist seine Reportage dennoch, weil sie noch im Scheitern die Undurchdringlichkeit dieses Dickicht als skandalöse Tatsache kenntlich macht. Wir sollten es ihm vergelten - und einschalten.


"Die Story im Ersten: Vergelt's Gott", Montag, 8. September 2014, 22.45 Uhr, ARD

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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marcw 08.09.2014
1. Verhaften
Den ganzen Verein. Wegen Betrugs und Steuerhinterziehung in unzähligen Fällen über Jahrtausende hinweg.
blasphemiker 08.09.2014
2. wer
von der organisierte Religösität Moral und Anstand erwartet, der glaubt wahrscheinlich auch noch an den Osterhasen. Bezeichnent ist, dass sich die Kirche seit 200 Jahren Dotationen für ihren verlorengegangen, vorher ergaunerten Besitz, auszahlen läßt, aber Entschädigung der Opfer des Mißbrauchs durch Geistlicher, mit Verweis auf Verjährung, verweigert. Ein ganz erbärmlicher Haufen ist das.
Hochbeet 08.09.2014
3. Bekannt. Der Skandal ist ein anderer
Dass die Kirche an Besitztümern immens reich ist, ist ein alter Hut. Nur: Wer sollte ihr den Plunder abkaufen? Okay, sie hat auch viel Bares auf der Kante. Der eigentliche Skandal aber ist der damit einhergehende Einfluss auf Politik und Staat - gilt Deutschland doch als aufgeklärt und säkularisiert. Warum muss dann mein Kind am Reli-Unterricht mangels Alternative teilnehmen? Deutschland ist voll Mittelalter trotz der liberalen Medien. Punkt. Zeigt aber mit dem Finger auf andere.
kategorien 08.09.2014
4. Kirche als Konzern
Ich heiße solche Kritiken natürlich gut, ohne Frage. Der Artikel legt nahe, dass wir die Kirche als Unternehmen betrachten sollen ("Konzern"), wofür ich bin, wozu eben die Offenlegung der Finanzen gehört, sollte es sich um eine öffentliche Gesellschaft handeln. Ich weiß jedoch nicht, ob der SPIEGEL der richtige Ort für so einen kapitistischen Wunsch ist, wonach alles, das Kapital generiert als Unternehmen betrachtet werden soll, denn gerade der SPIEGEL kündigt zwei Mal die Woche das Ende des Kapitalismus an. Aber es freut die Leser. In meinen Augen ist die Kirche ein lebendiges Beispiel dafür, was passiert, wenn Kapital angehäuft wird, es aber keinerlei Form der kapitalistischen Transparenz gibt. Daher ist die Kirche seit je her ein abschreckendes Beispiel für alle nicht-kapitalistischen Wirtschaften, für die nicht wenige Leser des SPIEGELS mehr oder weniger sympathisieren.
fraumarek 08.09.2014
5. Transparenz...
...wird gefürchtet, wie der Teufel das Weihwasser. Alles anonym, verborgen, verheimlicht, Briefkastenfirmen noch und nöcher...Das ist Wasser predigen ("Kapitalismus überwinden") und Wein saufen (Tebbartz van Elst und viele andere). Meine hart erarbeiteten Euros kriegt dieser Verein nicht mehr.
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