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Klima-Doku: Pilawa rettet die Welt

Von Henryk M. Broder

Beim Klimagipfel wird hitzig über einen Kompromiss gestritten - dabei ist die Rettung der Welt so einfach. Jörg Pilawa ist von Hamburg über die Ostsee nach Afrika gereist und hat für eine ARD-Doku eine verblüffend naive Patentlösung mitgebracht: Gemeinsam können wir den Wandel stoppen.

Jörg Pilawa in Burkina Faso: Milchmädchenrechnungen, von denen die Klimaforschung lebt Zur Großansicht
NDR

Jörg Pilawa in Burkina Faso: Milchmädchenrechnungen, von denen die Klimaforschung lebt

Katastrophenfilmemacher Roland Emmerich ( "2012") gibt der Erde noch drei Jahre, "seriöse" Klimaforscher sind nicht ganz so pessimistisch. Sie gehen davon aus, dass der Anstieg der Erderwärmung auf zwei Grad reduziert werden muss, um die Menschheit vor einem Super-GAU zu bewahren. Dazu müsste vor allem der Ausstoß von Treibhaugasen radikal zurückgefahren werden und zwar in hoch entwickelten Industrienationen wie Deutschland, den USA oder Japan. Das gilt aber auch für Gesellschaften, die erst am Anfang oder mitten in der Industrialisierung stehen - wie China, Indien und Vietnam, wo umweltschädliche Motorräder im Begriffe sind, die umweltfreundlichen Fahrräder zu ersetzen.

Grundlage aller Szenarien zur Rettung der Welt sind zwei Annahmen. Erstens: Dass sich nicht nur vorübergehend das Wetter, sondern langfristig das Klima ändert; dass in Folge der Erderwärmung die Polkappen abschmelzen, was zu Überschwemmungen hier, Versteppungen dort und Hungerkatastrophen überall führen wird. Zweitens: Dass der Klimawandel, so er denn stattfindet, diesmal kein natürlicher Prozess ist, wie es ihn in der Geschichte der Erde schon öfter gegeben hat, sondern von Menschen verursacht wird, die ohne Rücksicht auf die Natur produzieren, konsumieren und nicht daran denken, "dass die Erde unseren Kindern gehört, von der wir sie nur geliehen haben", wie das Mantra der Umweltschützer von Greenpeace bis Robin Wood lautet.

Vermutlich deswegen fing Jörg Pilawas ARD-Dokumentation über die "Welt von morgen" am Montagabend mit der Frage an "Was kommt auf unsere Kinder zu?", die sofort von einigen altklugen Kindern ganz im Sinne des Fragestellers beantwortet wurde. Das Ozonloch werde immer größer, es werde Überschwemmungen geben und: "Die Eisbären sterben aus."

Es wäre sinnlos, an dieser Stelle entgegenzuhalten, dass die Population der Eisbären in den vergangenen Jahren nicht ab-, sondern erheblich zugenommen hat. Der Eisbär ist, ebenso wie der Wal, inzwischen eine Art Haustier, der Knut oder Keiko heißt und in vielen Haushalten den Hamster ersetzt hat, virtuell natürlich. Sich um ihn zu sorgen, gehört heute zur emotionalen Software der Kinderkanal-Zielgruppe, deren Eltern noch um das Leben von Max und Moritz bangten, die von einem Bauern in einen Sack gesteckt, in kleine Stücke zermahlen und den Enten zum Fraß vorgeworfen wurden.

Eine solche Geschichte wäre heute nicht nur politisch inkorrekt, sondern vor allem ökologisch inakzeptabel, weil Entenfutter, das anorganische Anteile enthält, nicht mehr verwendet werden darf.

Lieber frei als klimafreundlich

Zurück zu Jörg Pilawa und seiner Mission. Er besucht ein Klimazentrum in Hamburg, das "Superhirn der Klimaforschung", wo Zukunftsszenarien simuliert werden: Das Kolosseum in Rom versinkt im Sand, während an der Ostsee Palmen aus dem Boden sprießen. Das ist hübsch anzusehen, aber als wissenschaftliche Prognose so verlässlich wie die Windvorhersage für das Matterhorn an Heiligabend. Überhaupt muss man sich fragen, wie es denn kommt, dass Wissenschaftler, die nicht einmal in der Lage sind, das Wetter für die kommende Woche vorherzusagen, offenbar sehr wohl imstande sind, das Klima in 30, 50 und 100 Jahren zu bestimmen. Was vermutlich damit zu tun hat, dass sich in 30, 50 und 100 Jahren niemand an die Voraussagen von heute erinnern wird - vor allem, wenn die Datensätze rechtzeitig vernichtet werden, wie neulich an einem renommierten Forschungsinstitut geschehen.

Von solchen Überlegungen völlig unbelastet, stellt Pilawa ein Haus mit einer Wärmepumpe vor und erklärt, wenn "alle Altbauten renoviert" würden, käme das einer "20-prozentigen Ersparnis" gleich. Korrekterweise müsste in eine solche Überlegung auch der Energieaufwand einbezogen werden, der bei der Renovierung entsteht, aber dafür hat Pilawa keine Zeit. Denn er muss nach China, um vorzuführen, wie im Reich der Mitte die "klimafreundliche Sanierung von Altbauten" funktioniert, nämlich vorbildlich, wenn auch mit ziemlich viel Druck seitens der Regierung. "Ich möchte die Freiheit nicht gegen das chinesische System tauschen", sagt Pilawa und lässt sich nach Dardesheim in Sachsen-Anhalt beamen, ein 900-Seelen-Dorf, das seinen Strom komplett aus erneuerbaren Energiequellen bezieht.

Weiter geht's zu einem Offshore-Windpark in der Ostsee, von dort nach Nordafrika, wo "für viele hundert Millionen Euro" eine gigantische Solaranlage für ganz Europa gebaut werden soll. Bald darauf inspiziert er den brasilianischen Urwald. Man mag gar nicht daran denken, wie viel Geld und Energie Pilawa mit seinem Team verbraucht hat, um Bilder einzufangen, die man schon x-mal gesehen hat, nur um die Botschaft rüberzubringen: Wenn alle an einem Strang ziehen, kann der Temperaturanstieg gesenkt werden.

Das sind genau die Milchmädchenrechnungen, von denen die Klimaforschung lebt. Wenn man den Wasserverbrauch der Haushalte um ein Viertel reduzierte, könnte man mit dem gesparten Wasser halb Afrika bewässern. Oder: Wenn die Hamburger in Hamburg und die Münchener in München blieben, gäbe es auf der A7 keine Staus und viel weniger CO2-Ausstoß. Und wenn man die Kühe dazu bringen könnte, weniger zu pupsen, käme weniger Methangas in die Atmosphäre, das "23 mal schlimmer als CO2" ist.

Pilawa gegen den klugen Bauern

"Wenn alle Menschen mitmachen, dann kann es uns gelingen, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen", erklärt Pilawa und bietet noch ein Schreckensszenario auf: 200 Millionen Klima-Flüchtlinge, die aus Afrika nach Europa wollen. Dazu führt er ein Interview mit dem Umweltminister von Burkina Faso, der Geld aus Europa haben möchte, um die Folgen des Klimawandels in seinem Land abzufedern. Es wäre schön gewesen, wenn Pilawa an dieser Stelle nachgefragt hätte, wie viele Millionen Euro Burkina Faso bereits aus Europa bekommen hat und was aus diesem Geld geworden ist.

Nach 75 elendig langen Minuten war das klimatische Jammertal durchschritten. "Ich gucke positiv nach Kopenhagen. Deshalb muss die Vernunft siegen. Für eine bessere Zukunft unserer Kinder", resümiert Pilawa.

Das war Agitprop fürs Klima. Oder für Pilawa. Oder für die ARD, wo man sich nicht geniert, die schlimmsten Plattitüden als philosophische Einsichten zu verkünden. "Wenn wir alle an einem Strang..., wenn alle mitmachen...., wenn alle wollen ..." So hat das "Neue Deutschland" früher für die Fünfjahrespläne geworben. Es hat die DDR nicht vor dem Untergang gerettet. Und auch das Klima wird solche Appelle gelassen überhören.

Viel besser brachte es zeitgleich ein Bauer auf RTL auf den Punkt, der vom Klimawandel keine Ahnung hat und vermutlich nicht einmal weiß, wo Burkina Faso liegt: "Wenn das Laub fällt von den Bäumen/und geheizt wird in den Räumen/erst dann komm ich dahinter/Leute, es wird Winter!"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
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1. weltreisen........merkt das denn keiner..........
webman 08.12.2009
die fernsehfuzzies reisen doch nur umdie welt auf senderkosten.... das ist bezahlter urlaub für die leute... mit dem traumschiff fing das an - unterhaltungssendungen werden nach mallorca verlegt, dieter nuhr spasst weltweit, mario barth in den usa - in vielen beiträgen findet man einfach einige schipsel aus der ferne.... und das alles fürs finanzamt - bei eigenproduktion lässt sichs von der steuer absetzen - wenns der sender zahlt noch besser... die halten uns doch alle für bescheuert..
2. Geschlossener Auftritt
JayKoBe 08.12.2009
Schon lustig, dass unter einem SPON-Artikel der sich mit "Klimapropaganda" auseinandersetzt und falsche Angaben über das Eisbärensterben kritisiert eine Werbung für "Dein Spiegel" geschaltet ist, auf der ein Eisbär in Rettungsweste zu sehen ist...wie siehts aus bei euch mit interner Kommunikation?
3. Naja
sponor 08.12.2009
---Zitat--- "... Wissenschaftler, die nicht einmal in der Lage sind, das Wetter für die kommende Woche vorherzusagen, offenbar sehr wohl imstande sind, das Klima in 30, 50 und 100 Jahren zu bestimmen." ---Zitatende--- Muss man jetzt wirklich darauf hinweisen, dass es einen Unterschied zwischen Wetter(prognosen) und Klima(prognosen) gibt? Wie läuft das eigentlich in so einer Redaktion? Reden da die Leutchen auch einmal miteinander -- sagen wir die aus dem Feuilleton mit denen von der Wissenschaftsredaktion? Dem Anschein nach wohl nur sehr selten...
4. Multi-Moderatoren
theresia 08.12.2009
Zitat von sysopBeim Klimagipfel wird hitzig über einen Kompromiss gestritten - dabei ist die Rettung der Welt so einfach. Jörg Pilawa ist von Hamburg über die Ostsee nach Afrika gereist und hat für eine ARD-Doku eine verblüffend naive Patentlösung mitgebracht: Gemeinsam können wir den Wandel stoppen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,665786,00.html
Mag ja von der ARD gut gemeint sein,aber für dieses sensible Thema einen Multi-Moderator einzusetzen war wohl auf Quote gedacht.Hoffentlich kommt man nicht noch auf die Frage " Warum erwachen Salinenkrebse nach Millionen Jahren wieder zum Leben ""??
5. Die Chemie von Gasen
denkmal! 08.12.2009
Ja, der Broder... Man braucht ihn eigentlich gar nicht mehr zu lesen, da eh klar ist, was er zu sagen hat! Ein Unbequemer, der Unbequemen das Leben unbequem macht. Ein Entwarner in sich zuspitzenden Zeiten, der mit Fakts über die Chemie von Gasen seine Mühe zu haben scheint - was echt verwundert!
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Pilawas Weltreise mit mäßigen Quoten

Das war kein guter Abend für die ARD: Zunächst musste sich die Serie "Geld.Macht.Liebe" nach Senderangaben um 20.15 Uhr mit 2,80 Millionen Zuschauern (Marktanteil: 8,6 Prozent) begnügen. Im Anschluss interessierte die Reportage "Pilawas Welt von morgen - Wie wir das Klima retten können" von Quizmoderator Jörg Pilawa um 21 Uhr trotz zahlreicher Interviews des Moderators vorab lediglich 1,55 Millionen Zuschauer (4,9 Prozent).

Der Sieger des Montagabends hieß wieder einmal RTL: Günther Jauchs Quiz "Wer wird Millionär?" sahen um 20.15 Uhr 7,62 Millionen Zuschauer (23,4 Prozent). Die Dokusoap "Bauer sucht Frau" erreichte sogar 7,84 Millionen Menschen (25,1 Prozent).



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