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Kölner "Tatort": Freddy, was ist ein Transsexueller?

Ob Geschlechter-Wirrwarr, Gentechnik oder Gentrifizierung: Zum 50. Jubiläum müssen die Kölner Krimi-Kumpel Ballauf und Schenk mal wieder die Welt erklären. Das ist nett, aber vorhersehbar, findet Christian Buß. Kein Wunder, dass der WDR gerade an einem neuen TV-Revier bastelt.

Kölner "Tatort": Welterklärer beim Kölsch Fotos
WDR

Können wir uns diese Knitterlederjacke beim Bundeskriminalamt vorstellen? Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) erhält jedenfalls ein Angebot für den gehobenen Polizeidienst und einen Tipp: Mit Anfang 50, so gibt der Kollege vom BKA zu bedenken, sei das ziemlich sicher die letzte große Karriereoption.

Aber wozu sollte einer wie Ballauf Karriere machen wollen? Er ist Single, lebt in einer Wohnung mit Tapeten aus dem letzten Jahrhundert, und weil ihn Kollege Freddy Schenk (Dietmar Bär) immer im Auto mitnimmt, braucht er nicht mal ein eigenes. Mit den Frauen ist auch Essig. Steht er mal frisch verliebt mit Dackelblick und Blumenstrauß vor einer fremden Tür, macht da bestimmt ganz unerwartet ein Ehemann auf. Wozu also Geld und Führungsposition?

Vielleicht aus Selbstzweck. Eben weil alles andere keinen Sinn macht. Nicht die x-te Liebelei, die Max begonnen hat, ohne zu wissen, auf was er sich eingelassen hat. Nicht diese ewige Currywurst, die er sich zum Abschluss eines jeden Falles in der Zugluft des Rheinufers hineinpfeift. Und schon gar nicht der dicke verheiratete Sidekick Freddy, der immer ein bisschen altklug daherredet, wie einsam sich der andere so ganz ohne Frau und Kinder im Alter fühlen werde.

Das Viertel stirbt, die Freundschaft lebt

Tatsächlich sieht es in der 50. Episode des Kölner "Tatort"-Teams streckenweise so aus, als ob Ballauf alles hinschmeißen wird. Nicht, dass auch nur ein einziger Fan des WDR-Fernsehreviers annehmen würde, diese Möglichkeit könnte eintreten. Das Erfolgsrezept der Kölner Kommissare ist ja gerade, dass die Freundschaft von Ballauf und Schenk immer fester wird, je mehr die Welt auseinander fällt.

Und das kann man in der Jubiläumsfolge "Altes Eisen" (Regie: Mark Schlichter, Buch: Mario Giordano) an diesem Sonntag besonders gut sehen: Ein Viertel geht vor die Hunde, eine Freundschaft wird neu gekittet. Es geht es um die Aufwertung eines Kölner Arbeiterviertels, die allerlei finanzielle und verbrecherische Aktionen nach sich zieht. Die Besitzerin eines alten Mietshauses wurde ermordet, der Verdacht fällt unter anderem auf die transsexuelle Trudi Hütten (Edgar Selge mit sichtlichem Genuss an Nylons und Stöckelschuhen). Die sollte wie die anderen Bewohner aus dem Haus geekelt werden, auf dass dort solvente Kreative einquartiert werden können. Die Proleten gehen, die Werber kommen. Freddy kümmert sich derweil rührend um Trudi und gibt dem etwas weniger aufgeschlossenen und rummeckernden Max Aufklärung in Transgender-Fragen.

Schon im nächsten Kölner "Tatort" mit dem Thema "Auskreuzung" sind die beiden Ermittler wieder ganz dicke. Diese 51. Episode des gediegenen rheinischen "Tatort" wurde gerade von den ARD-Planern auf den 25. September vorgezogen, weil die Episode des ganz und gar ungediegenen bayerischen "Polizeiruf" aus Jugendschutzgründen aus dem Primetime-Programm geschmissen werden musste.

Thesen für den nächsten Tresen

In "Auskreuzung" (Regie: Torsten C. Fischer, Buch: Karl-Heinz Käfer) untersuchen Ballauf und Schenk den Mord in einem Institut für Pflanzenforschung, das für horrende Forschungssummen Grünzeug kreuzt, um Wege aus dem Welthunger zu finden - was junge Globalisierungsgegner nicht daran hindert, die Felder der Forscher zu besetzen und zu zerstören. Wer sind hier die Guten, wer die Bösen?

Zusammengenommen liefern die beiden eigentlich ganz unterschiedlichen Episoden einen guten Eindruck, wie der rheinische "Tatort" funktioniert. Ob Transgender-Fragen oder Bio-Technologie, ob Gentrifizierung oder Gen-Manipulation - Köln ist hier eine Art Kumpelhausen, in dem auch die kompliziertesten gesellschaftspolitischen und globalen Themen von den kompakten Cops mit zum Feierabendbierchen in die nächste Kneipe geschleppt werden, um sie noch mal für die ganz Doofen zu erörtern und ihnen Debattenstoff an die Hand zu geben: Thesen für den Tresen.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten, wo der WDR mit seinen Kölner Krimis bei Themen wie Kinderhandel, Landminen und Blutdiamanten wuchtige Politpanoramen aufmachte und nachhaltig verstörte, wird inzwischen alles so handlich verschnürt, dass sich am Ende alle Sorgen mit einem Kölsch wegspülen lassen.

Der Ruhrpott zurück auf der Krimi-Landkarte

Das hat etwas Beruhigendes, zuweilen auch etwas Einschläferndes: Alles verändert sich, nur Max und Freddy nicht. Jedenfalls muss man sich keine Sorgen machen, dass der WDR irgendwas an seinem Kölner "Tatort" modifiziert. Zusammen mit dem ebenfalls vom WDR auf schnurrig produzierten Münsteraner "Tatort" fährt man nämlich stets Traumquoten ein.

Doch jetzt ist der mächtigen ARD-Anstalt offenbar aufgefallen, dass es auch ein paar neue Akzente zu setzen gilt. Mit einem dritten "Tatort"-Revier will man wieder den Ruhrpott unter die Lupe nehmen. Der ist in den vergangenen Jahren fernseherzählerisch arg verwaist. Der Essener ZDF-Cop "Lutter" konnte mit nostalgisch aufgetragenem Lokalkolorit nicht wirklich überzeugen, Darsteller Joachim Król ist inzwischen entnervt zum hochmodernen Frankfurter "Tatort" gegangen, und der von Götz George verkörperte proletarische Ermittler "Schimanski" geistert nur noch sporadisch als Untoter durchs unvorteilhaft aufgehübschte Duisburg.

Dabei bietet der wirtschaftliche und soziale Umbau im Ballungsraum zwischen Rhein und Ruhr doch besten "Tatort"-Stoff. Gerüchten zufolge plant der WDR sein neues Fernsehrevier in Dortmund, was aufgrund des dort forcierten Strukturwandels höchst interessant wäre. Weiteren Gerüchten zufolge soll Jörg Hartmann den Kommissar spielen, was ebenfalls interessant wäre, weil der "Weissensee"-Darsteller im Gegensatz zum Rest der WDR-Kriminalisten mal kein sympathischer Ranschmeißer wäre. Auf Anfrage weist der Sender allerdings darauf hin, dass noch keine Verträge fürs dritte Revier unterschrieben worden sind. In einigen Wochen werde man Genaueres über die Erweiterung der westdeutschen Krimi-Topographie bekanntgeben.

Doch so unsicher die Zukunft, so gewaltig die gesellschaftlichen Verwerfungen - auf die Knitterlederjacke Ballauf und den rheinischen Schlaufuchs Schenk wird wohl auch 50 weitere Folgen Verlass sein. Freddy, erklär' uns die Welt!

"Tatort: Altes Eisen", Sonntag, 4. September, 20.15 Uhr ARD
"Tatort: Auskreuzung", Sonntag, 25. September, 20.15 Uhr ARD

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Ich finde das ok!
heutedoch 02.09.2011
Was soll uns dieser Artikel sagen? Die inhaltliche Beschreibung hätte gelangt. Neue Tatorte gern, die "alten "ein wenig modifizieren-gern. Besonders schade: Kein Tatort mehr mit Mehmet Kurtulus! Die haben mir sehr gut gefallen, war anders, aber nicht so gewollt abstrakt wie letztens der Polizeiruf mit Matthias Brandt. Ich freue mich auf Freddy und Max.
2. als nicht Rhein-
goethestrasse 02.09.2011
länder kann ich dem Kölner-Duo nix abgewinnen. Langweilig, öde und selbstbefällig, insbesondere der Schenk.
3. Laberlaber
superfunk3000 02.09.2011
Christian Buß, erklär uns den Tatort!
4. Seit wann
Tanja Krienen 02.09.2011
Seit wann weiß man beim Totort, wie die Welt tickt? Wenn man meint ein Transsexueller (!) - dabei wird doch ein angeblicher Mann-zu-Frau-Mensch gespielt und also muss die Form weiblich sein - der muss natürlich in Nylon und Stöckelschuh daherkommen! Anders geht es in der ARD nicht! Könnt´ ja sein, man klärt mal wirklich auf, aber Vorurteile vertiefen geht ja leichter...
5. Buß findet den Tatort doof?
blauer_himmel 02.09.2011
Super! Also eine Empfehlung. Werde ihn mir ansehen. (Warum scheint Buß bloß um jeden Preis "neues" zu suchen. Krampfhaft die "Sehgewohnheiten" des Publikums brechen zu wollen - muss das sein? Was haben wir Herrn Buß angetan, dass er uns einen Matthias Brandt-Polizeiruf anpreisen muss, der doch eigentlich nur krampfhaft war und unglaublich schlecht zu verfolgen, nicht zuletzt weil die Nebengeräusche so hochgeregelt wurden, dass die Handlung nur unter Anstrengung zu verstehen war. Wenn ich das will, seh ich Arte.)
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.

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