"Tatort" über Optimierungswahn: Ich programmiere euch in Grund und Boden

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Kölner "Tatort": Familienplanung auf die tödliche Tour Fotos
WDR

Zwei Frauen, zwei Familien? Alles nur eine Frage des richtigen Zeitmanagements. Im Kölner "Tatort" geht es um das irre organisierte Leben eines IT-Fachmanns. Eine starke Story über Optimierungswahn - leider nicht optimal in Szene gesetzt.

Sie kommen mit Ihrem Zeitmanagement nicht mehr klar? Ihre Familie raubt Ihnen den letzten Nerv? Außerdem wollen Sie Ihr Liebesleben mit einem Seitensprung aufpeppen? Für alle diese Bereiche gibt es Agenturen, die Hilfe anbieten. In dem neuen Kölner "Tatort" findet sich sogar eine, die ein "Rundumsorglospaket" für die Optimierung sämtlicher Lebensbereiche im Programm hat.

Dieses Wunderpaket nimmt, wie sich im Laufe der Handlung herausstellt, Software-Berater Roman Sasse (Barnaby Metschurat) in Anspruch. Bei dem selbstständigen IT-Mann geht es nicht nur darum, die Termine mit seinen unterschiedlichen Auftraggebern zu koordinieren, es muss auch sein vertracktes Familienleben geregelt werden. Denn Sasse hat eine Ehefrau (Sandra Borgmann) in einem extrem geschmackvollen Eigenheim sitzen und eine Freundin (Alma Leiberg) in einer günstigen Mietwohnung, beide haben jeweils einen Sohn mit Sasse. Und wissen natürlich nichts voneinander.

Als eines der beiden Kinder entführt wird, droht das vertrackte Arbeits-Familien-Konstrukt auseinanderzufallen. Die Kidnapper verlangen 100.000 Euro, das scheint für den Software-Impresario machbar. Allerdings wurde bei der Entführung ein Mann überfahren, das ruft die Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) auf den Plan - und sorgt für eine Entfesselung von Sasses Zwei-Fronten-Familienkrieg.

Opfer des Optimierungswahns

Ein interessanter Fall aus einem Milieu, in dem die viel beschworene Work life balance nur eine Frage des perfekten Terminplans ist. Die Macher (Christoph Schnee, Buch: Frank Koopmann und Roland Heep) sind dabei schlau genug, den Selbstoptimierungswahn ihres Protagonisten nicht hämisch oder gar karikierend vorzuführen. Software-Berater Sasse ist eben jemand, der es gelernt hat, dass es kein Problem gibt, das sich nicht durch die richtigen Algorithmen beseitigen lässt.

So jemand kann aufrichtig zu zwei Frauen "Ich liebe dich" sagen, alles nur eine Frage der richtigen Programmierung. Blöde nur, wenn die anderen Menschen auf ein anderes Programm hören. So verkörpert Barnaby Metschurat ("KDD - Kriminaldauerdienst"), ein im deutschen Fernsehen unerfreulich unterbeschäftigter Schauspieler, den Software-Fachmann als eine Art aufrechten Lügner. Irgendwann rennt er zwar ziemlich atemlos zwischen seinen beiden trauten Heimen hin und her, scheint aber den Verrat an denen, die er liebt oder zu lieben vorgibt, noch immer nicht verstanden zu haben.

Für den Kölner "Tatort" ist das ein einigermaßen komplexes Charakterprofil. Schade, dass die Machart nicht mit diesem Anspruch mithalten kann. Für die Ermittlungen schaukeln sich Ballauf und Schenk mal wieder in rheinischer Beschaulichkeit im Wagen durch Köln oder durch die Gänge ihres Reviers, während sie das Beziehungsleben des Verdächtigen analysieren. Oben drauf gibt es ein paar extrem schale Gags über die "Rocky Horror Picture Show".

Irgendwie unpassend für dieses Porträt eines IT-Mannes im Optimierungswahn. Wir wollen ja nicht ungemütlich rüberkommen, aber machmal wünschen wir uns für den Kölner "Tatort" auch einen neuen, effizienteren Algorithmus.


"Tatort: Trautes Heim", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Extrem geschmackvoll?
rakasmies 19.04.2013
Ich freue mich schon auf die Ausstrahlung. Dann weiß ich wenigstens, was Spiegel-Redakteur Christian Buß unter einem "extrem geschmackvollen Eigenheim" versteht,
2. Der muss gut sein
SNA 19.04.2013
Denn eine SPON Verriss ist in der Regel ein sicheres Zeichen von Qualität. Zumal SPON regional doch dem norddeutschen nicht-Humor-Gebiet verhaftet ist und der Neid auf diese rheinische Ur-Begabung immer wieder durchschimmert.
3. Extrem spießig!
artusdanielhoerfeld 19.04.2013
Ein Mann hat also zwei Familien. Na und? Wenn er sich in beiden korrekt verhält, wo ist das Problem? Die Frauen regen sich bei aller vorgeschobenen Betroffenheit in Wahrheit doch nur darüber auf, das die "andere" ebenfalls von seinem Geld profitiert.
4. Wie schade
zaam 19.04.2013
waren doch die Kölner ein historisches Vorbild für die Münsteraner. Heute wirkt es tasächlich ein wenig eingeschlafen, erst recht wenn später am Abend Verbrechen und Homeland laufen. Vielleicht scheint ja die Sonne, der Grillabend dauert länger und per Mediathek oder fernsehstrom.de gucke ich mir dann ein paar Minuten am Anfang an.
5. Spannung
Talan068 19.04.2013
lese ich da nicht gerade raus. Da lief doch vor ca. 6 Monaten ein Film mit dem gleichen Thema, habe ich auch schon nicht geguckt, weil es mich nicht interessiert hat. Ballauf & Schenk sind eigenlich okay, vllt. manchmal etwas lahm, aber wenn sie jetzt auf einmal rumwusseln würden wie die Ameisen, fände ich das auch komisch.
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Zum Autor
Jeannette Corbeau
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.