Hip-Hop-Doku in der ARD Irrwega, Kollegah

Die TV-Doku "Die dunkle Seite des deutschen Rap" beleuchtet, wie tief der Antisemitismus bei Kollegah und Co. verankert ist. Hätten die Echo-Verantwortlichen doch diesen Film gesehen.

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Marina Buzunashvilli ist Hip-Hop-Promoterin. Und sie ist Jüdin. Sie kennt die verschwiemelte, brutale, perfide Verächtlichmachung ihrer Religion im deutschen Battle-Rap und sie kennt den dort zum Teil tief verwurzelten Antisemitismus. Beides gehört für sie zusammen - ist für sie aber nicht dasselbe.

Buzunashvilli hat unter anderem für Haftbefehl gearbeitet, den Gangster-Rapper aus Offenbach, der immer wieder antisemitische Stereotype aufgegriffen hat, 2014 etwa rappte er in Bezug auf seine zeitweilige Drogendealerkarriere im Frankfurter Bahnhofsviertel: "Ich ticke Kokain an die Juden von der Börse". Trotzdem plädiert Buzunashvilli in der Fernsehdokumentation "Die dunkle Seite des deutschen Rap" dafür, nicht einzelne Textzeilen auseinanderzunehmen. Vielmehr müsse man sich das "große Ganze" um einen Künstler herum anschauen.

Genau das ist vor der Verleihung des Echos an Kollegah und Farid Bang nicht passiert. Und danach eigentlich auch nicht. Das Problem bei der anschließenden Empörung über die Auszeichnung war, dass der Farid-Bang-Textbaustein "mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" als Stein des Anstoßes genommen wurde. Sicher, das ist eine stumpfe, geschmacklose, exploitative Anspielung auf den Holocaust - für sich allein genommen ist sie aber nicht antisemitisch.

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Hip-Hop-Doku: Kollegah und die Apokalypse

Die Doku "Die dunkle Seite des deutschen Rap" spürt den antijüdischen und antizionistischen Tendenzen im hiesigen Hip-Hop nach und arbeitet an der Figur Kollegahs heraus, wie in dem Genre jenseits von überhitzten Battle-Botschaften antisemitische Rollenmuster verankert werden.

Hätten die Echo-Verantwortlichen diesen Film vorher gesehen, wäre ihre Entscheidung wohl anders ausgefallen. Der Beitrag aus der Reihe "Die Story" lief Ende März beim WDR, steht weiterhin in der Mediathek des Senders und wird diesen Donnerstag noch einmal um 23.30 Uhr in der ARD ausgestrahlt.

Wo wird das Bashing zur infamen Kampagne?

Filmemacherin Viola Funk tastet sich in der 45-minütigen Produktion langsam an das Thema ran. Es geht bei vielen der Hip-Hop-Akteure im Film um Grauzonen, um Grenzüberschreitungen, um das Spiel mit sanktioniertem Vokabular. Wer sich als Gangster-Rapper inszenieren will, findet in Holocaust-Begrifflichkeiten die Möglichkeit, sich als Bad Boy zu präsentieren, der sich über gesellschaftliche Vereinbarungen hinwegsetzt. Billig, effizient.

Videoumfrage: "Was halten Sie von der Auschwitz-Songzeile?"

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Doch wo wird der spielerische Bruch mit der Konvention zum gezielten antisemitischen Statement? Wann wird das gehässige Bashing des Gegners, das zum ewigen Wettkampf des Battle-Rap gehört, zur infamen Kampagne?

Für die WDR-Doku geht der Politikwissenschaftler Jakob Baier in die Feinanalyse mit Kollegahs Musikvideo "Apokalypse", einem 13-minütigen Epos über den Widerstreit zwischen Gut und Böse, in dem sich der Musiker als Retter der Welt geriert. Die Entscheidungsschlacht in dem Video findet in Ostjerusalem auf dem Tempelberg statt. Es gebe, so Baier, etliche "antisemitische Deutungsangebote" - am deutlichsten tritt der Judenhass allerdings in Kollegahs Film-Gegenspieler hervor: ein Teufel mit Brüsten, Hörnern und einem Pentagramm auf der Stirn, das dem Davidstern sehr ähnelt.

Abbildung aus Kollegah-Video "Apokalypse"
Alpha Music Empire/ YouTube

Abbildung aus Kollegah-Video "Apokalypse"

Die mögliche Verwechslung dürfte wohl kalkuliert sein. Zumal im Video auch ein irdischer Stellvertreter des Teufels auftritt, der einen Siegelring mit Davidstern trägt. Klarer geht Judenhass (und Frauenhass gleich mit) kaum. Die Düsseldorfer Antilopen Gang nannte den Kollegen dafür gegenüber dem SPIEGEL einen "faschistischen Agitator".

Weitere Szene aus "Apokalypse"
WDR/ Alpha Music Empire

Weitere Szene aus "Apokalypse"

Dass Rapper wie Kollegah relativ ungestört demagogisch auftreten können, liegt auch daran, dass sie ihre Arbeitsweise längst abgekoppelt haben von herkömmlichen Bewertungs- und Auswertungszusammenhängen. Sie sind weder auf Musikkritiken noch auf Plattenfirmen angewiesen. Wie es der Hip-Hop-Journalist Marc Leopoldseder formuliert: "Es gibt kein mediales Korrektiv mehr. Die Leute sind ihre eigenen Plattformen und sagen: Ich habe Recht. Sieht man doch, wie viele Leute mir folgen."

Der Antisemitismus ist strukturell

So entsteht ein Umfeld, das dazu einlädt, Feindbilder zu rekultivieren, die auf breiter Ebene geächtet sind. Dabei geht es nicht darum, dass die Künstler politisch rechts stehen. Stattdessen hat sich ein struktureller Antisemitismus etabliert, in dem der Hip-Hop-Akteur sich selbst als Underdog inszeniert, der sich heroisch gegen das "Finanzjudentum" zur Wehr setzt; eine Weltsicht, die auch links gefärbt sein kann.

Kolja Podkowik von der Antilopen Gang sagt dazu in der Doku: "Der gewöhnliche Deutschrap-Hörer ist natürlich gegen Nazis. Das schließt nicht aus, dass er vielleicht ein Antisemit ist. Du wirst in der Deutschrap-Szene keinen klassischen Nazi-Antisemitismus finden."

Ganz bestimmt kein Nazi ist der iranischstämmige Rapper P.A. Sports, der sich letztes Jahr mit dem jungen deutschen Hip-Hop-Star Spongebozz eine verbale Schlacht geliefert hat. Spongebozz ist jüdischer Battle-Rapper und textet wie die Kollegen im schimpfwortgesättigten Hasssprech über "Homos" und "verliebte Fotzen". P.A. Sports widmete dem Konkurrenten seinen mit Kollegah eingespielten Track "HS.HC", was für "Hurensohn Holocaust" steht.

Was im Song noch als geschmacklose Harke an einen Gegner durchgeht, der selber keine perfide Herabsetzung seiner ausgewählten Feinde scheut, entpuppt sich im Gespräch vor der Kamera als alle Stereotype abrufender Antisemitismus. Da sagt P.A. Sports: "Dass Juden überall auf der Welt geschäftlich erfolgreich sind, ist etwas, was allgemein bekannt ist. Stell dir mal vor, das würde bei Muslimen passieren, dass wir so die ganze Weltwirtschaft übernehmen und überall die Reichsten sind bei allem (...). Wenn wir die Bosse in der Weltwirtschaft werden."

"Die dunkle Seite des deutschen Rap" ist ein Film, den alle sehen sollten, die an der gerade erst begonnenen Antisemitismusdebatte teilnehmen wollen: Es geht hier nicht um ein paar zweifelhafte Battle-Lines, es geht um einen Judenhass, der tief im Mythenrepertoire von Teilen des deutschen Hip-Hop verankert ist.


"Die dunkle Seite des deutschen Rap", Donnerstag, 23.30 Uhr, ARD

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, im Kollegah-Video "Apokalypse" trage der Teufel einen Davidstern. Es handelt sich dabei um ein Pentagramm, das dem Davidstern sehr ähnlich ist. Einen richtigen Davidstern trägt im Video ein Stellvertreter des Teufels am Ring.

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