Gabriel vs. Slomka Mehr von diesem Quatsch!

Unverschämter Obersozi - oder unverschämte Fernsehfrau? Der Wortwechsel zwischen Marietta Slomka und Sigmar Gabriel im ZDF-"heute journal" war kein Eklat. Er war für alle Beteiligten ein Gewinn - allerdings mit kleinen Abstrichen.

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Sigmar Gabriel im Gespräch mit Marietta Slomka: "Lassen Sie uns diesen Quatsch beenden"
ZDF

Sigmar Gabriel im Gespräch mit Marietta Slomka: "Lassen Sie uns diesen Quatsch beenden"


Er konnte nicht anders. Da stand der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel im hessischen Hofheim, hinter ihm eine lange Sitzung mit SPD-Mitgliedern, denen er den frisch ausgehandelten Koalitionsvertrag schmackhaft machen musste, vor ihm eine ZDF-Kamera und neben ihm kritisch dreinblickende SPD-Genossen mit grauem Haar und rotem Rolli. Was sollte er denn tun? Unmöglich, in so einer Situation einer forschen Journalistin Zugeständnisse zu machen - und danach den kleinen Parteifreunden in die Augen zu blicken. Gabriel, um es in seinen Worten zu sagen, musste liefern.

Sie konnte aber auch nicht anders. Marietta Slomka hat als Moderatorin des "heute journals", der politischen Hauptnachrichtensendung des ZDF, schlechthin als Journalistin, die ihren Beruf ernst nimmt, die Aufgabe, einen Parteichef egal welcher Couleur möglichst kritisch zu befragen. Sie musste versuchen, ihn zu provozieren - sonst könnte sie auch gleich ganz auf ein Interview verzichten.

Höfliche Fragen, gestanzte Antworten

Dem deutschen Publikum ist der harte Schlagabtausch zwischen Politikern und Journalisten eher wenig vertraut. Hierzulande fragt man höflich, bekommt eine gestanzte Antwort, fragt vielleicht noch mal nach, bekommt ein weiteres Pudding-Statement - und auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal. Nur so ist es zu erklären, dass das recht konfrontativ verlaufene Interview Slomkas mit Gabriel so viel Aufsehen erregt. Im britischen Fernsehen wäre es nur eines von vielen (wofür dieses legendäre BBC-Interview nur ein Beispiel ist). Nur so ist es zu erklären, dass auch ein - wohl ziemlich kalkuliert, aber anscheinend überraschend - Klartext redender Horst Seehofer im vergangenen Mai Furore machen konnte.

Der Wortwechsel zwischen Slomka und Gabriel war kein Eklat. Er war für alle Beteiligten ein Gewinn: Der SPD-Chef konnte sich vor den Seinen und den Zuschauern als kämpferischer Genosse zeigen, konnte darlegen, wie viel demokratischer seine Partei agiert als die Konkurrenz von der Union - wo die einfachen Mitglieder kein Wörtchen mehr mitzureden haben in Fragen der kommenden Großen Koalition.

Die Zuschauer konnten eine lebhafte Debatte verfolgen und sich hinterher über einen unverschämten Obersozi aufregen - oder, je nach Gesinnung, über eine unverschämte, blöd fragende Fernsehfrau.

Und Marietta Slomka kann sich zugutehalten, den gewöhnlich selbstgewiss-süffisanten SPD-Chef so weit aus der Reserve gelockt zu haben, dass dieser ihr "Quatsch" und sogar strukturelle Parteilichkeit gegen Sozialdemokraten unterstellte - dabei sah er für einen kurzen Moment gar nicht gut aus.

Dass Slomka hartnäckig bei ihrer Frage blieb, ist ihr also hoch anzurechnen. Dass sie sich dafür aber ausgerechnet auf die einigermaßen zweifelhafte These versteifte, die SPD-Mitgliederbefragung sei verfassungsrechtlich bedenklich, war keine glückliche Wahl. Wenn Slomka das nächste Mal also nicht nur hartnäckig, sondern hartnäckig mit guten Argumenten fragen würde: Das wäre mal richtig guter TV-Journalismus.

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