"Kommissarin Lund" im ZDF: Die einsame Wölfin

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"Kommissarin Lund": Pfeif auf die Work-Life-Balance! Fotos
DPA/ ZDF

Manisch im Job, allein im Privaten: Im ZDF verabschiedet sich "Kommissarin Lund", die wohl beste TV-Ermittlerin, die das Fernsehen bisher erfunden hat. Die dänische Ausnahme-Serie endet - und lässt ihre Fans ratlos zurück. Aber auch glücklich.

Deutsche Titel für ausländische Serien können sehr blöd ("Trio mit vier Fäusten" für "Riptide") oder sehr irreführend ("Ihr Auftritt, Al Mundy" für "It Takes A Thief") sein. Bei "Kommissarin Lund" ist das Gegenteil der Fall - hier ist der deutsche Titel besser als der ursprüngliche. "Førbrydelsen", das Verbrechen, heißt die dänische Serie im Original. Und in der ersten Staffel steht tatsächlich ein Verbrechen im Mittelpunkt, der Mord an einer 18-jährigen Schülerin. Wenn dieser nach zwanzig Stunden Laufzeit und einer unglaublichen Reihe an Finten und Wendungen endlich aufgeklärt ist, ist aber längst etwas anderes in den Fokus gerückt: eben Kommissarin Lund, die vielleicht beste Ermittlerin, die das Fernsehen bisher geschaffen hat.

Einsilbig, verspannt, meistens das Abendessen direkt aus der Pfanne mampfend und immer im selben Strickpullover unterwegs - so hat man Sarah Lund (Sofie Gråbøl) über bislang zwei Staffeln erlebt. "Kennengelernt" wäre in diesem Zusammenhang das falsche Wort. Wie es im Inneren von Lund aussieht, weiß man nämlich auch nach 30 Folgen kaum. Verblüfft musste man ihr in der ersten Staffel dabei zusehen, wie sie erst den Freund, dann den Sohn aus ihrem Leben drängte. Immer kam ihr die Arbeit dazwischen, immer war diese wichtiger als Beziehung oder elterliche Fürsorge.

Auch ihren Kollegen hat Lund in bald 25 Dienstjahren arg zugesetzt, und das nicht nur durch ihre Angewohnheit, Telefonate meist wortlos zu beenden. In der ersten Staffel bedrohte sie einen anderen Polizisten mit der Pistole, als er ihrer Meinung nach einen Ermittlungsfehler beging. In der zweiten Staffel feuerte sie schließlich sogar ein ganzes Magazin in den Körper eines Kollegen.

Angst muss man deswegen vor Lund aber nicht haben. Vielmehr vermitteln ihre Erfolge - erst bei der Suche nach dem Mörder von Nanna Birk Larsen, dann bei der Jagd nach einem Serienmörder - die Sicherheit, dass sie eine hervorragende Polizistin ist, auf deren Instinkte und Beobachtungsgabe Verlass ist. Sie tickt eben nur aus, wenn man sie bei der Sache behindert, die sie am besten kann - nämlich ermitteln. Dann ist es auch egal, ob ihr der Polizeipräsident oder der eigene Sohn in die Quere kommt. Sie werden alle weggebissen.

Hilfe, Lund wird häuslich!

Umso schöner ist die Wendung, die die dritte - und definitiv letzte - Staffel parat hält. Rund zwei Jahre sind seit dem letzten großen Fall vergangen, und in dieser Zeit scheint sich Lund darauf besonnen zu haben, doch noch ein Leben außerhalb der Arbeit haben zu wollen. Die Landlust hat sie gepackt, sie fährt Kombi und hat den großzügigen Kofferraum komplett mit Gartenpflanzen gefüllt. Das nimmt sich schon komisch genug aus. Wenn sie dann auch noch auf eine Müllhalde gerufen wird, auf der eine zerfetzte Leiche gefunden wurde, und sie versucht, die Ermittlungen möglichst schnell und oberflächlich abzuschließen, dann möchte man als Zuschauer wirklich "Nein, nein, nein, alles falsch!" rufen. Doch dann wird die Tochter eines einflussreichen Managers entführt, es tut sich eine Verbindung mit der Leiche auf - und prompt ermittelt Lund wieder so manisch, wie man es sich von ihr wünscht.

Die Frau, die auf die Work-Life-Balance pfeift - mit dieser Rolle ist Hauptdarstellerin Sofie Gråbøl auch weit außerhalb Dänemarks berühmt geworden. Vor allem in Großbritannien entwickelte sich ihre Lund zum Straßenfeger, Strickanleitungen für ihre Wollpullover kursierten, und Einrichtungstipps für den skandinavischen Stil wurden zur Ausstrahlung der dritten Staffel gegeben. In den USA wurde gleich ein Remake in Auftrag gegeben, für das mittlerweile ebenfalls eine dritte Staffel in der Planung ist.

So klischeefrei, wie bei Lund das Verhältnis von Arbeit und Privatleben verhandelt wird, könnte es - zusammen mit den überaus spannenden Fällen - schon für eine sehr gute Serie reichen. Doch Schöpfer Søren Sveistrup gelingt es, auch noch eine zeitdiagnostische Ebene einzuziehen. In jeder Staffel flicht er eine hochpolitische Geschichte mit ein, die den Krimiplot an Spannung fast noch übertrifft. In der ersten Staffel ist es der Kampf ums Kopenhagener Bürgermeisteramt, der sich ganz unaufdringlich zum Lehrstück über das Verhältnis von Politik und Medien entwickelt. Die dänische Beteiligung am Afghanistan-Einsatz ist Thema der zweiten Staffel. Während ein Serienmörder Jagd auf dänische Auslandssoldaten macht, muss der frisch gekürte Justizminister zusehen, wie sich vor ihm ein Vertuschungskandal ausbreitet, der ihn jegliches Vertrauen in die Kollegen kostet.

In Staffel drei spielt nun die globale Finanzkrise in den Fall mit hinein. Zeeland, das wichtigste Unternehmen Dänemarks, droht damit, ins Ausland abzuwandern, wenn die Regierung ihm nicht Steuervorteile gewährt. Angesichts der weltwirtschaftlichen Lage setzt das Ministerpräsident Kristian Kramper (Olaf Heine Johannessen) stark unter Druck. Zum Glück steht Zeeland-Vorstandschef Robert Zeuthen (Anders W. Berthelsen) der Verlagerung sehr kritisch gegenüber, er wird von seinem gierigen Aufsichtsrat vor sich hergetrieben. Doch dann wird Zeuthens Tochter entführt, und der besonnene Manager rastet aus.

"Ich finde es erstaunlich, dass ich auch nach sieben Jahren nicht das Interesse verloren habe", hat Gråbøl in einem Interview zu ihrer Rolle als Sarah Lund gesagt. "Das kann man über die meisten Ehen nicht behaupten. Es gibt so vieles, das wir nicht über sie wissen. So gesehen ist sie auch nicht meine Figur - ich weiß nicht mehr über sie als die Zuschauer." Wenn die dritte Staffel nach fünf Doppelfolgen endet, wird also ein Verbrechen aufgeklärt, aber die Hauptfigur nicht auserzählt sein. Schöner kann man sich von einer so einmaligen Figur wie Sarah Lund nicht verabschieden. Sie wird das eigentliche Rätsel der Serie bleiben. Eine einsilbige Sphinx im Strickpullover, die einfach nur ihre Arbeit machen will.


"Kommissarin Lund: Das Verbrechen III", ab Sonntag, 22.00 Uhr, ZDF

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