Kommunismusdebatte bei Illner: Schnappatmung als Kalkül
Eine Runde, fast so formelhaft wie ein SED-Parteitag: Gleich drei Kontrahenten von Gesine Lötzsch versuchten sich bei Maybrit Illners ZDF-Talk in der Kunst der Aufregung, die angegriffene Linken-Chefin bewies Steherqualitäten. Lebendig wurde die Debatte, als Theatermacher Claus Peymann eingriff.
Mal aus Talkshow-Konsumenten-Perspektive gesprochen: Der Kommunismus hatte auch seine Vorteile. Als es ihn noch gab - so richtig als realen Sozialismus, mit DDR, Ostblock, Warschauer Pakt und allem drumherum - als wir also systemmäßig noch nicht am Ende der Geschichte angekommen waren, da lud man in westdeutschen Talkshows noch viel häufiger echte Querulanten ein. Den linksradikalen Urgrünen Thomas Ebermann und die Ökosozialistin Jutta Ditfurth zum Beispiel. Ebermann ist ganz von der Mattscheibe verschwunden, und Ditfurth darf sich heute höchstens noch bei "Hart aber fair" von ihrem Adelstitel distanzieren ("Kommt der Adel wieder?") oder sich bei Maischberger von Nina Hagen als "dicke Frau" beschimpfen lassen.
Huch, war das jetzt schon ein Lob des Kommunismus? Das Gezeter wäre jedenfalls groß gewesen, wären ähnliche Worte am Donnerstagabend bei Maybrit Illner gefallen. Unisono hätten Werner Schulz (Ex-DDR-Bürgerrechtler, heute Grüner) und Alexander Dobrindt (Ex-Schützenkönig, heute CSU-Generalsekretär) die ganz, ganz tiefe Verwurzelung verharmlosender Tendenzen gegeißelt, die angesichts der Millionen Opfer des Stalinismus ein unerträglicher Zynismus sei.
Sechzig Minuten lang ging das so. Thema? "Die Linke und der Kommunismus". Anlass? Gesine Lötzsch, Co-Chefin der Linkspartei, hatte am 3. Januar in einem Aufsatz in der "Jungen Welt" formuliert: "Die Wege zum Kommunismus können wir nur finden, wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren, ob in der Opposition oder in der Regierung." Warme Worte, die um Sympathie bei der Leserschaft des ostdeutsch-linksparteilichen Hausblatts buhlten, deren betagterer Teil mit dem K-Wort durchaus heimatliche Gefühle verbindet. Die Empörung, die sich zum Jahresanfang an Lötzschs Kommunismus-Aufsatz festkrallte, kann man getrost als gekünstelt abtun: Eine willkommene Gelegenheit für Schwarz, Grün, Gelb und Sozialdemokratie, der lästigen fünften Partei eins auszuwischen.
"Gehen Sie in Pension!"
Hat ja leidlich geklappt. Und jetzt noch mal darüber reden? Eben nicht. Der ZDF-Talk war bloß ein Aufguss der in der Vorwoche geschürten Aufregungskunstfertigkeit: Da mühte sich der CSU-Generalsekretär, die Dringlichkeit einer bundesweiten Beobachtung der Linken durch den Verfassungsschutz zu ventilieren. Da beschwor der grüne Ex-DDR-Bürgerrechtler eindringlich den Zusammenhang zwischen dem "Traum von einer besseren Welt" und stalinistischem Terror. Und der 82-jährige Dohnanyi wusste in gewohnt makelloser Manier, die Runde über die eherne Wahrheit zu unterrichten, dass eine vollkommene Welt eine gefährliche Illusion sei. Das Publikum applaudierte grimmig. Gegenüber Lötzsch ließ Dohnanyi altväterliche Milde walten: "Sie machen auf mich nicht den Eindruck, als wollten Sie ein Terrorregime errichten."
Ach ja, die Gesine Lötzsch. Gewisse Steherqualitäten kann man ihr nach dieser Sendung nicht absprechen. Wenn Maybrit Illner sie fragt, warum sie in ihrem Text nicht von den Opfern des Stalinismus schreibt, sagt sie Sätze wie: "In diesem Artikel geht es ja um die Fragen der Zukunft" oder "Wir haben bereits 1989 unmissverständlich mit dem Stalinismus gebrochen."
Wenn sie Auskunft geben soll, wie es denn um die kommunistischen Tendenzen in ihrer Partei bestellt ist, erklärt sie: "Alle in der Partei haben sich auf das Programm eines demokratischen Sozialismus verpflichtet." Als säße in ihrem Inneren eine kleine Pressesprecherin, die nach Abstimmung mit der Parteiführung flugs eine Sprachregelung ersinnt, die dann aus dem Munde der Vorsitzenden dringt. Damit das ganze nicht so spröde rüberkommt, pflegt die kleine Pressesprecherin in Frau Lötzsch Merkformeln wie "Ohne soziale Rechte keine Freiheit" mit Geschichten von armen Müttern zu garnieren, die ihre Kinder nicht mit zum Ausflug schicken können, weil sie die Gebühr nicht zahlen können.
Die drei Lötzsch-Kontrahenten wollen entlarven, anprangern, demaskieren, die Inkriminierte pocht auf ihr Recht, angesichts der Ungerechtigkeiten des Kapitalismus "auch mal über Alternativen zu sprechen" - wie sollte da eine Debatte aufkommen? Da war man ganz froh, dass Maybrit Illner noch diesen Derwisch in die Runde gesetzt hatte: Claus Peymann, Jahrgang 1937, Intendant des Berliner Ensembles, hielt es kaum auf seinem Platz. Er warf das Brecht-Zitat "Kommunismus ist das Einfache, was schwer zu machen ist" in die Runde, forderte Schulz auf: "Gehen Sie in Pension!" Schimpfte die DDR einen "Spießbürger-Sozialismus" und die Linke einen "Kasperleverein", lobte den französischen Wutbürger-Bestseller "Indignez-vous!" als "Manifest für den Aufruhr" und brach immer wieder in irre Empörungskaskaden aus: "Die Politiker müssten überwacht werden!", "Niemand spricht doch von den KZs der Inquisition - aber alle sprechen von christlicher Nächstenliebe!"
Da war die Schnappatmung mal nicht parteipolitisches Kalkül. Da war jemand ehrlich aufgebracht: Keine Utopien weit und breit angesichts von Bankenkrise und Dioxinskandal? Für Peymann der Gipfel der Realitätsverkennung. "Wir leben in einem Dioxin-Schrecken!" rief der alte Theatermacher. "Es brodelt! Es wird zurückkommen!" Ach ja, als es den Ost-West-Gegensatz noch gab, gehörten Vögel wie Peymann zum unverzichtbaren Talkshow-Inventar des westdeutschen Fernsehen. Wie gesagt, die Ära des Kommunismus hatte auch ihre Vorzüge.
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