Kommunismusdebatte bei Illner: Schnappatmung als Kalkül

Von Christoph Twickel

Eine Runde, fast so formelhaft wie ein SED-Parteitag: Gleich drei Kontrahenten von Gesine Lötzsch versuchten sich bei Maybrit Illners ZDF-Talk in der Kunst der Aufregung, die angegriffene Linken-Chefin bewies Steherqualitäten. Lebendig wurde die Debatte, als Theatermacher Claus Peymann eingriff.

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Diskutanten Peymann, Dohnanyi: "Es brodelt! Es wird zurückkommen!"

Mal aus Talkshow-Konsumenten-Perspektive gesprochen: Der Kommunismus hatte auch seine Vorteile. Als es ihn noch gab - so richtig als realen Sozialismus, mit DDR, Ostblock, Warschauer Pakt und allem drumherum - als wir also systemmäßig noch nicht am Ende der Geschichte angekommen waren, da lud man in westdeutschen Talkshows noch viel häufiger echte Querulanten ein. Den linksradikalen Urgrünen Thomas Ebermann und die Ökosozialistin Jutta Ditfurth zum Beispiel. Ebermann ist ganz von der Mattscheibe verschwunden, und Ditfurth darf sich heute höchstens noch bei "Hart aber fair" von ihrem Adelstitel distanzieren ("Kommt der Adel wieder?") oder sich bei Maischberger von Nina Hagen als "dicke Frau" beschimpfen lassen.

Huch, war das jetzt schon ein Lob des Kommunismus? Das Gezeter wäre jedenfalls groß gewesen, wären ähnliche Worte am Donnerstagabend bei Maybrit Illner gefallen. Unisono hätten Werner Schulz (Ex-DDR-Bürgerrechtler, heute Grüner) und Alexander Dobrindt (Ex-Schützenkönig, heute CSU-Generalsekretär) die ganz, ganz tiefe Verwurzelung verharmlosender Tendenzen gegeißelt, die angesichts der Millionen Opfer des Stalinismus ein unerträglicher Zynismus sei.

Sechzig Minuten lang ging das so. Thema? "Die Linke und der Kommunismus". Anlass? Gesine Lötzsch, Co-Chefin der Linkspartei, hatte am 3. Januar in einem Aufsatz in der "Jungen Welt" formuliert: "Die Wege zum Kommunismus können wir nur finden, wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren, ob in der Opposition oder in der Regierung." Warme Worte, die um Sympathie bei der Leserschaft des ostdeutsch-linksparteilichen Hausblatts buhlten, deren betagterer Teil mit dem K-Wort durchaus heimatliche Gefühle verbindet. Die Empörung, die sich zum Jahresanfang an Lötzschs Kommunismus-Aufsatz festkrallte, kann man getrost als gekünstelt abtun: Eine willkommene Gelegenheit für Schwarz, Grün, Gelb und Sozialdemokratie, der lästigen fünften Partei eins auszuwischen.

"Gehen Sie in Pension!"

Hat ja leidlich geklappt. Und jetzt noch mal darüber reden? Eben nicht. Der ZDF-Talk war bloß ein Aufguss der in der Vorwoche geschürten Aufregungskunstfertigkeit: Da mühte sich der CSU-Generalsekretär, die Dringlichkeit einer bundesweiten Beobachtung der Linken durch den Verfassungsschutz zu ventilieren. Da beschwor der grüne Ex-DDR-Bürgerrechtler eindringlich den Zusammenhang zwischen dem "Traum von einer besseren Welt" und stalinistischem Terror. Und der 82-jährige Dohnanyi wusste in gewohnt makelloser Manier, die Runde über die eherne Wahrheit zu unterrichten, dass eine vollkommene Welt eine gefährliche Illusion sei. Das Publikum applaudierte grimmig. Gegenüber Lötzsch ließ Dohnanyi altväterliche Milde walten: "Sie machen auf mich nicht den Eindruck, als wollten Sie ein Terrorregime errichten."

Ach ja, die Gesine Lötzsch. Gewisse Steherqualitäten kann man ihr nach dieser Sendung nicht absprechen. Wenn Maybrit Illner sie fragt, warum sie in ihrem Text nicht von den Opfern des Stalinismus schreibt, sagt sie Sätze wie: "In diesem Artikel geht es ja um die Fragen der Zukunft" oder "Wir haben bereits 1989 unmissverständlich mit dem Stalinismus gebrochen."

Wenn sie Auskunft geben soll, wie es denn um die kommunistischen Tendenzen in ihrer Partei bestellt ist, erklärt sie: "Alle in der Partei haben sich auf das Programm eines demokratischen Sozialismus verpflichtet." Als säße in ihrem Inneren eine kleine Pressesprecherin, die nach Abstimmung mit der Parteiführung flugs eine Sprachregelung ersinnt, die dann aus dem Munde der Vorsitzenden dringt. Damit das ganze nicht so spröde rüberkommt, pflegt die kleine Pressesprecherin in Frau Lötzsch Merkformeln wie "Ohne soziale Rechte keine Freiheit" mit Geschichten von armen Müttern zu garnieren, die ihre Kinder nicht mit zum Ausflug schicken können, weil sie die Gebühr nicht zahlen können.

Die drei Lötzsch-Kontrahenten wollen entlarven, anprangern, demaskieren, die Inkriminierte pocht auf ihr Recht, angesichts der Ungerechtigkeiten des Kapitalismus "auch mal über Alternativen zu sprechen" - wie sollte da eine Debatte aufkommen? Da war man ganz froh, dass Maybrit Illner noch diesen Derwisch in die Runde gesetzt hatte: Claus Peymann, Jahrgang 1937, Intendant des Berliner Ensembles, hielt es kaum auf seinem Platz. Er warf das Brecht-Zitat "Kommunismus ist das Einfache, was schwer zu machen ist" in die Runde, forderte Schulz auf: "Gehen Sie in Pension!" Schimpfte die DDR einen "Spießbürger-Sozialismus" und die Linke einen "Kasperleverein", lobte den französischen Wutbürger-Bestseller "Indignez-vous!" als "Manifest für den Aufruhr" und brach immer wieder in irre Empörungskaskaden aus: "Die Politiker müssten überwacht werden!", "Niemand spricht doch von den KZs der Inquisition - aber alle sprechen von christlicher Nächstenliebe!"

Da war die Schnappatmung mal nicht parteipolitisches Kalkül. Da war jemand ehrlich aufgebracht: Keine Utopien weit und breit angesichts von Bankenkrise und Dioxinskandal? Für Peymann der Gipfel der Realitätsverkennung. "Wir leben in einem Dioxin-Schrecken!" rief der alte Theatermacher. "Es brodelt! Es wird zurückkommen!" Ach ja, als es den Ost-West-Gegensatz noch gab, gehörten Vögel wie Peymann zum unverzichtbaren Talkshow-Inventar des westdeutschen Fernsehen. Wie gesagt, die Ära des Kommunismus hatte auch ihre Vorzüge.

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1. Textbaustein
Bre-Men 14.01.2011
Ich (im Gedenken an die Opfer des Stalinismus) sehe da nur eien Sturm im Wasserglas (im Gedenken an die Opfer des Stalinismus), der aber (im Gedenken an die Opfer des Stalinismus), amüsant anzuschauen ist (im Gedenken an die Opfer des Stalinismus).
2. Peymann for Bürgermeister
cooner 14.01.2011
Schade, dass Peymann nicht für den Berliner Bürgermeisterposten kandidiert. Dann hätten die Berliner ein wochenlanges fast kostenloses Wahlkampf-Kabaret. Man stelle sich nur vor, er würde bei diesen Auftritten bei Zwischenrufen so schnappatmig antworten, wie gestern bei Illner (:-) By the way: weshalb führt Spon regelmäßig das Alter von Diskutanten an? Ich kann nicht erinnern, das bei Namensartikel des seligen Rudolf Augstein jeweils sein Alter dazu gesetzt wurde.
3. Eine Partei soll systematisch vernichtet werden!
Gockeline 14.01.2011
Ich war schon froh,dass hier versucht wird neutral zu bleiben. In einer Demokratie muß man alle Parteien aushalten können. Je länger die CDU an der Macht ist um so weniger verändert sich was. Wir brauchen die LINKEN ebenso wie die SPD oder die Grünen. Wer die LINKE mit dem Kommunismus in Verbindung bringen will,versteht nicht,dass wir inzwischen eine Deokratie haben. Deutschland hatte vorher noch niemals eine Demokratie. Eine Partei wie die LINKEN müßen sich auch in einer Demokratie bewähren. Das Volk wählt es ab ,wenn sie Mist bauen. Dem Land tut es gut,wenn andere Köpfe das Land regieren werden. Es müßen alte Zöpfe abgeschnitten werden, vor allem in der Wirtschaft mit ihren Vergünstigungen und Subvensionen. Zu dem ist die CDU niemals in der Lage.
4. Claus Peymann ist übrigens kein "Vogel", ...
Sapientia 14.01.2011
Zitat von sysopEine Runde, fast so formelhaft wie ein SED-Parteitag: Gleich drei Kontrahenten*von Gesine Lötzsch versuchten sich*bei Maybrit Illners ZDF-Talk*in der Kunst der Aufregung, die angegriffene Linken-Chefin bewies Steherqualitäten. Lebendig wurde die Debatte erst, als Theatermacher Claus Peymann eingriff. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,739452,00.html
Herr Autor, sondern eine ernstzunehmende Stimme jenseits der üblichen Gästesuppe, der aus seiner spezifischen Sicht als Theatermann die Dinge anders beim Namen nennt, als die Suppenmitglieder. Insgesamt jedoch hätte man sich diese Sendung mit den gedanklichen Einwürfen der Illner gut sparen können, es war auch wieder mal nicht mehr als typisch deutsches Diskussionsspießertum. Letztlich begeiferte man sich daran, ob das Wort: Kommunismus noch öffentlich in den Mund genommen werden darf - natürlich, heute erst recht, was passiert denn gerade ohne das böse K-Wort mit der Bevölkerung, seit die Politik den Taktstock an die Wirtschaft übergeben hat? Und was nützt diese Betrachtung auch? Es geht um die Freiheit der Menschen (Westerwelle als deutsche Freiheitsstatue), noch weitere Fragen. Um was es aber nicht ging, aber letztlich faktisch geht, ist ungeachtet des politischen Systems und ihres begrüßten oder verdammten Namens, dass jedes System schlecht ist und Unfreiheit produziert, welches zugleich Armut produziert. Und das ist in unserer den Kommunismus ach so verdammenden FREIHEITLICHEN demokratischen Grundordnung nach Übergabe des Taktstockes an den Kaufmann sehr der Fall. Also, ist die GEPLANTE Äußerung der Poltikern eigentlich mutwillig falsch verstanden worden, um die Linke zu dikreditieren, was man insbesondere gern dann macht, wenn man selbst nichts mehr auf der Pfanne hat und vermutlich auch nicht mehr haben wird, weil die beauftragten Leute einfach - durch die Bank weg - zu schlecht sind.
5. ohne Worte
fessi1 14.01.2011
Zitat von sysopVögel wie Peymann
Den Artikel so ausklingen zu lassen, ist unterste Schublade...
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