RTL-Show "Kopfgeld" Und jetzt alle: Leis-tungs-fä-hig-keit

"Ich werde euch an eure Grenzen bringen": Allzweckwaffe Jenke von Wilmsdorff moderiert in Transsilvanien eine Mischung aus "Dschungelcamp" und Pfadfinderlager. Gratulation ans rumänische Fremdenverkehrsamt!

MG RTL D / Sony Pictures

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Jeder Mensch hat seinen eigenen Wert. Wer Hilfe braucht, muss zahlen. Wer versagt, fliegt raus. Was wie eine bündige Beschreibung unserer Leistungsgesellschaft klingt, erklärt eigentlich schon umfänglich das Prinzip der RTL-Spielshow "Kopfgeld".

In Abwandlung des "Dschungelcamps", wo sich der Wert der Kandidaten an der jeweiligen Schwundstufe ihrer Prominenz bemisst, geht es bei "Kopfgeld" um körperliche und mentale Leistungsfähigkeit. Zusammen hat das Team aus fünf Leuten ein Guthaben von 100.001 Euro - zugleich das höchstmögliche Preisgeld.

Das fitteste Alphamännchen in der Runde ist einen Euro wert, das schwächste Glied der Kette 50.000. Wer vor einer der physisch fordernden Challenges die Waffen streckt, kann gewissermaßen Hilfe zubuchen. Eine Fahrt an der Zipline, nur an einem kurz Seil hängend, überfordert den Bizeps? Für 2000 Euro gibt es einen Griff, für 3000 Euro einen bequemen Sitz - wobei das Geld von den 101.000 Euro abgezogen wird. Scheitert der Schwächste und scheidet aus, vermindert er damit den Gewinn der Gruppe besonders dramatisch, nämlich um seinen Gesamtwert.

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"Kopfgeld" bei RTL: Schicksalsgenossen im Pfadfinderlager

Die "Normalos" mit höchst unterschiedlichem Mumm und Körperfettgehalt müssen nicht in Australien dösen und Tausendfüßler verspeisen, sondern sich den Fährnissen der Walachei stellen. Nicht der sprichwörtlichen, sondern der buchstäblichen Walachei in Rumänien. In einer Mischung aus Aktivurlaub und Sommermanöver der Gebirgsjäger müssen die Kandidaten klettern, hangeln, balancieren und immer schön den inneren Schweinhund überwinden.

"Ich möchte dich nicht stressen, aber..."

Hier kommt Jenke von Wilmsdorff ins Spiel. Die journalistische Allzweckwaffe ("Das Jenke-Experiment") moderiert das Spektakel mit einer gewissen Hardykrügerhaftigkeit und empfängt seine Schützlinge auf der Burg wo? Genau, in der Ruine der Burg des Grafen Vlad Draculea: "Ich werde euch in den nächsten Tagen an eure Grenzen bringen, und mit Grenzen kenne ich mich son bisschen aus."

Tatsächlich steht der Mann meistens nur markig in der Landschaft herum und hat wenig mehr zu tun, als die Leute von Aufgabe zu Aufgabe zu lotsen und hin und wieder unbeteiligt Sätze zu sagen wie "Schön, dich hier oben zu sehen", "Wie geht das denn jetzt für jemanden, der Höhenangst hat?" oder "Ich möchte dich nicht stressen, Josefine, aber wir haben heute noch jede Menge Challenges zu leisten."

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Zwar stellen sich die Beteiligten in kurzen Einspielern vor, vom bärigen Bankbeamten bis zur kuscheligen Kosmetikerin ("Zur Not klimpere ich einfach mit den Wimpern und dann hilft mir schon jemand"), und werden nach ihren Wünschen ("Ich hätte schon gern einen Freund") und Ängsten vor Leitern, Wasser, Höhe, Bären und Vampiren befragt. Als Charaktere aber bleiben sie blass, weil sie als Charaktere weniger denn als Typen gefragt sind.

Auf Leitern, im Wasser, in Höhen, vor Bären und beim Gedanken an Vampire ruckelt sich die Hackordnung ganz von selbst zurecht - zugleich abgefedert und verschärft durch den Umstand, dass "Teamplay" gefragt ist. Während also die unterforderten Sportler ihre Sportlichkeit an der Steilwand ausstellen, richtet sich das Augenmerk auf die überforderten Dicken und Schwachen.

Immerhin ist deren Zaudern und Versagen nicht, wie im "Dschungelcamp", Gegenstand maliziöser Kommentare aus dem Off. Hier geht es um Ertüchtigung, nicht um Züchtigung. Während sie also zu dramatischer Musik auf Strickleitern verzweifeln, tun sie das vor dem akustischen Hintergrund ihres eigenen Keuchens und der Anfeuerungsrufe der Anderen.

Klingt gut, du schaffst das, komm, komm, komm

Darin erschöpft sich auch die Dramatik innerhalb der Gruppe. Dem einen geht "et um dat Jeld", dem anderen ist "die Kohle wumpe". Wer's wenigstens versucht, bekommt Applaus. Wer ausreichend bedauert, dem wird verziehen ("Ich bin enttäuscht! Wenn ich's wenigstens versucht hätte!"). Ebenfalls gern gehört werden realistische Einschätzungen der eigenen Physis: "Ich bin zwar stark, aber das wird durch ein hohes Körpergewicht gleich wieder aufgefressen."

Zu Konflikten kommt es nicht, es herrscht das Verständnis von Schicksalsgenossen im Pfadfinderlager, komplett mit Drill und gegenseitiger Schulterklopferei. Entsprechend klingt auch der Soundtrack: Klingt gut, du schaffst das, komm, komm, komm, steig auf das Holz, zieh dich nicht hoch, drück dich hoch, muss kurz verschnaufen, das tut im Rücken weh, umgreifen, boa, fuck ey, ja wunderbar, alter Falter, mega gut gemacht, echt hammermäßig. So richtig fesselnd ist das nicht.

Der eigentliche Unterhaltungswert der Show

Wenn "Kopfgeld" überhaupt einen Unterhaltungswert hat, der über das Beobachten körperlicher Anstrengungen anderer Leute hinausgeht, dann liegt der anderswo. Geheimer Hauptdarsteller ist weder Jenke von Wilmsdorff noch der 120-Kilo-Brocken am Rande der Verzweiflung - sondern die transsilvanische Natur. Idyllisch in Szene gesetzt ist die legendäre Höhenstraße Transfagarasan durch die Karpaten, die sattgrüne Lichtung, der schroffe Canyon.

Hätte man am Ende nicht schon vom Zuschauen einen solchen Muskelkater, müsste man eigentlich den Verantwortlichen vom rumänischen Fremdenverkehrsamt kräftig die Hände schütteln. Der Verantwortlichen von RTL eher nicht.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
mathmag 17.02.2018
1. So schlecht war es nicht
Es wurde keiner zum Depoen gemacht und von der Konstruktion her war alles auf Gruppenzusammenhalt angelegt. Und, ja, die rumänische Landschaft kam schon sehr reizvoll rüber.
Flying Rain 17.02.2018
2. Verdammt
Verdammt. Ich habe beim durchschalten der Kanäle kurz die Werbung für ein paar Sekunden gesehen und mir noch gedacht es wäre wirklich eine Art Kopfgeldjagt mit mit ner Gruppe aus Jägern und Gejagten. Das wäre spannend gewesen.
Peter M. Lublewski 17.02.2018
3.
Zitat von Flying RainVerdammt. Ich habe beim durchschalten der Kanäle kurz die Werbung für ein paar Sekunden gesehen und mir noch gedacht es wäre wirklich eine Art Kopfgeldjagt mit mit ner Gruppe aus Jägern und Gejagten. Das wäre spannend gewesen.
"The Most Dangerous Game" (USA 1932) mit Joel McCrea und Fay Wray lässt grüßen :-)
asentreu 17.02.2018
4. @Mathmag
Nicht? Also ich habe das anders gesehen. Ich habe nur kurz reingezappt, aber als ich gesehen habe, wie bei der sog. "ärztlichen Untersuchung" die weniger sportlichen/ kurviger gebauten nur in BH oder oben ohne Hampelmänner machen und Ergometertests machen mussten, damit man es schön schwabbeln und die Brüste wackeln sieht, während die Sportlichen in normaler Fitnesskleidung nur Kniebeugen oder ultraeinfache Pseudoliegestütze absolviert haben und da schön auf die Muskeln gezoomt wurde, da war mir mal wieder klar: typisch RTL, ich habe dann Netflix geschaut.
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