Kopftuchstreit bei Maischberger Muslimas gegen Maulhelden

Als hätte es die Integrationsdebatte nie gegeben: Unter dem reißerischen Titel "Kopftuch und Koran - hat Deutschland kapituliert?" pflegten bei Maischberger störrische Männer ihre dumpfen Klischees. Allein den geladenen Frauen war es zu verdanken, dass doch noch so etwas wie Nachdenken stattfand.

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Man muss sich schon etwas einfallen lassen, damit überhaupt noch irgendjemand auch nur eine Augenbraue halb nach oben zieht. Nebenan im ZDF bei Markus Lanz redet gerade der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD). Es geht um den Beitrag, den Schulen zur Integration leisten können, ganz ohne Aufregung versucht man sich hier an der Versachlichung des Islam-Themas. Vielleicht lassen sich ja sogar Fortschritte erzielen in einer geordneten Debatte.

Aber das wird nichts. Buschkowsky hat man in den vergangenen Wochen so oft auf allen Kanälen reden gehört, dass die problematischen Zustände an Neuköllner Schulen mittlerweile zum Standardkonversationsrepertoire gehören: Wetter schlecht, bald kommt der Herbst, und der Buschkowsky, auf den hätten sie schon viel früher hören sollen. Es ist ja auch schon spät, die Diskussion plätschert sachorientiert vor sich hin, Cem Özdemir ist auch da, alles so vernünftig hier, gehen wir lieber ins Bett.

"Hat Deutschland kapituliert?"

Nur nochmal schnell hinüberzappen ins Erste, da beginnt gerade " Menschen bei Maischberger". Und schon ist jede Müdigkeit wie weggeblasen. Die harten Gitarrenriffs der Titelmelodie tun ihre Wirkung, und der Titel der heutigen Sendung erst recht: "Kopftuch und Koran - hat Deutschland kapituliert?" Das verspricht Rabbatz, und während sich der elektrisierte Zuschauer noch fragt, ob ihm da vielleicht ein Krieg entgangen sein sollte, der ganz ohne seine Beteiligung nun auch schon wieder verloren gegangen ist, stellt Sandra Maischberger ihre Gäste vor:

  • Peter Scholl-Latour, den besten Kenner der weiten Welt, den die weite Welt jemals gesehen hat.
  • Pierre Vogel, einen ehemaligen Preisboxer aus Frechen, der 2001 zum Islam konvertiert ist und seither als rotbärtiger Prediger nicht müde wird, seinem meist jungen Publikum schlimmste Höllenqualen im Jenseits vorherzusagen, sollte es sich nicht umgehend den Gesetzen des Islam unterwerfen. Dafür wird er, bisher folgenlos, vom Verfassungsschutz beobachtet.
  • Udo Ulfkotte, einen ehemaligen "FAZ"-Journalisten, der wiederum sein vergleichsweise älteres Publikum in Buch um Buch mit dem Niedergang der westlichen Werte, der Islamisierung des Landes und Terrorzellen hinter jeder Hausecke um den Schlaf bringt.
  • Sowie den Fernsehpfarrer Jürgen Fliege, braungebrannt wie stets, der immer dann aus der Versenkung geholt wird, wenn konfliktreich religiös debattiert wird in diesem Land, was seine gefühlte Fernsehpräsenz in den vergangenen Wochen fast schon wieder auf das Niveau jener Zeit gehoben hat, als er noch seine tägliche Nachmittagstalkshow hatte.
  • Und dann ist da noch Irmgard Pinn, Soziologin aus Aachen, bereits 1981 zum Islam konvertiert und Mitglied im Zentralrat der Muslime.
  • Später kommt noch Nourig Apfeld in die Runde. Ihre Familie stammt aus Syrien und sie musste erleben, wie ihre jüngere Schwester von ihrem Vater und zwei Cousins ermordet wurde, weil sie, das in Deutschland aufgewachsene Mädchen, einen zu westlichen Lebensstil pflegte.

Es ist vor allem den Frauen in dieser Runde zu verdanken, dass "Menschen bei Maischberger" tatsächlich sehenswert gewesen ist. Zwar konnten auch sie nicht klären, ob Deutschland nun kapituliert habe, und wie das jetzt weitergehen soll mit der Integration und den muslimischen Migranten in Deutschland. Es ist eher so, dass sie die Erwartungshaltung, die die Zusammensetzung der Runde und der reißerische Titel geweckt haben, durch ihre Redebeiträge unterliefen.

Direkt in die Hölle

Die anwesenden Herren hingegen lieferten ihre erwartbaren Statements: Allah ist der einzige Gott und Mohammed, Friede sei mit ihm, sein letzter Prophet, fasst Vogel den Islam in aller Kürze zusammen, und, nicht zu vergessen: Wer ihm, also nicht Vogel, sondern dem Propheten, die Gefolgschaft verweigert, fährt direkt in die Hölle. Ulfkotte sieht, man kennt das ja schon, die Werte in diesem Land rapide verfallen, da tut sich eine Lücke auf, und in diese Lücke "haut der Islam rein".

Fliege wünscht sich einen stärkeren christlichen Glauben, es ist so wie bei diesen scharfen Lutschpastillen: Sind die anderen zu stark, sind wir zu schwach. Und Peter Scholl-Latour sieht das Ganze, wie er es bereits seit Anbeginn der Geschichte sieht: im historischen Kontext. Vor allem aber, so scheint's, in erster Linie im Kontext der eigenen Historie. Wie man seinen Wortbeiträgen entnehmen kann, kennt er jeden arabischen Stamm persönlich und hat schon mit Obermuftis Tee getrunken, da wussten die anderen Anwesenden noch nicht einmal, was eine Sure ist.

Nein, von den Männern war kein Erkenntnisgewinn zu erwarten. Die Frauen mussten es alleine reißen. Sandra Maischberger sowieso, wie immer hervorragend vorbereitet, darüber muss man an dieser Stelle keine unnötigen Worte verlieren. Bemerkenswert war vor allem die Soziologin Irmgard Pinn, eine Muslima, wie man sie gerne zur Nachbarin hätte. Sie verteidigt ihren Glauben, aber ohne dabei so poltern zu müssen wie Pierre Vogel.

Da fährt ihn die junge Frau an

Ob eine Frau ihr Haar bedeckt oder nicht, was sage das über ihr Inneres aus? Nichts, meint Pinn. Und als Maischberger von Vogel wissen will, ob der Islam eine frauenfeindliche Religion sei, da geht sie dazwischen: Woher Vogel das denn wissen solle? Der werde hier wie eine islamische Autorität behandelt, dabei vertrete er den Islam nicht. Der Islam sei so vielschichtig und heterogen wie jede andere Religion. Na gut, sagt Maischberger, dann soll eben Pinn erklären, ob der Islam frauenfeindlich ist. Aber die bleibt auch hier standhaft. Das sei eine theologische Frage, die den Rahmen einer Talkshow sprenge. Aber dann könne man ja gar keine Talksendungen mehr zu diesem Thema machen, stellt Maischberger enttäuscht fest. Schade eigentlich.

Beeindruckend und bedrückend schließlich ist es, wie Nourig Apfelds ihre und die Geschichte ihrer Schwester schildert. Sie schätzt den Islam als frauenfeindlich ein, wer mag es ihr verdenken, nach dem, was sie erlebt hat, und die anschließende Debatte darüber, ob sogenannte Ehrenmorde nun eher ein religiöses oder doch ein Problem archaischer Strukturen sind, verändert ihren Standpunkt nicht. Man mag darüber lange und ergebnislos streiten.

Aber als Pierre Vogel wiederholt anheben will, Apfeld zu unterbrechen, da er es offenbar gewohnt ist, dass ihm stets alle dankbar das Ohr leihen, da fährt ihn die junge Frau an: "Stopp! Jetzt rede ich!" Und spricht weiter.

Und das ist doch schon einmal ein Fortschritt.

insgesamt 553 Beiträge
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Seite 1
ingrid wild 22.09.2010
1. Nein
ich streike!
winterfichte 22.09.2010
2. ohja, peinlich...
scholl-latour wird anstrengend. nicht nur wegen der sprachproblemnuschelei, sondern auch wegen altersstarrsinn. fliege war lächerlich und alles andere ebenso blöde... das war nichts!
shenshen_ie 22.09.2010
3. ...
Der Islam an sich ist nicht frauenfeindlicher als andere Religionen, und mit Sicherheit nicht frauenfeindlicher als die anderen abrahamischen Religionen. Die einflussreichsten Prediger des Islam in der heutigen Zeit allerdings, die sind um einiges frauenfeindlicher als die meisten Prediger anderer Religionen.
digitalturbulence, 22.09.2010
4. Pierre Vogel will in Deutschland die Scharia einführen
Zitat von sysopAls hätte es die Integrations-Debatte nie gegeben: Unter dem reißerischen Titel "Kopftuch und Koran - hat Deutschland kapituliert" pflegten bei Maischberger störrische Männer ihre dumpfen Klischees. Allein den geladenen Frauen*war es zu verdanken, dass doch noch so etwas wie Nachdenken stattfand. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,718810,00.html
Pierre Vogel ist ein Islamist und will in Deutschland die Scharia einführen. Er hat praktisch eine privat Armee von Islamisten (genannt Salafisten). Er gefährdet die Sicherheit Deutschlands und wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Wieso lädt man zu so einer Sendung nicht auch NPD-Mitglieder ein?
Vincent_Vega, 22.09.2010
5. Unterstützer der OzAdT - Org. zur Abschaffung d. Titels
Zitat von sysopAls hätte es die Integrations-Debatte nie gegeben: Unter dem reißerischen Titel "Kopftuch und Koran - hat Deutschland kapituliert" pflegten bei Maischberger störrische Männer ihre dumpfen Klischees. Allein den geladenen Frauen*war es zu verdanken, dass doch noch so etwas wie Nachdenken stattfand. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,718810,00.html
Ja, die Sendung war gerade noch sehenswert. Jedoch lädt auch Frau Maischberger immer öfter Gäste ein, die entsprechende Klischeevorstellungen bedienen. Das schafft Quote wie der reißerische Titel selbst, den es zu beantworten ganz anderer Talk-Gäste bedurft hätte.
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