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11. September 2018, 13:05 Uhr

Doku-Serie "Krieg der Träume 1918-1939"

13 Leben in Europa

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Die Serie "Krieg der Träume 1918-1939" zeigt Menschen, die für ein anderes Leben stritten - und erzählt davon, wie ihre Euphorie in Sozialismus, Anarchie, Nationalismus endete.

Pola Negri schaut aus ihrem Fenster in Berlin. Sie sieht, wie Menschen auf die Straße gezerrt, gejagt, in Lastwagen geschoben werden. Sie greift zum Hörer und ruft die Polizei. Doch der ist das schnuppe. "Reichskristallnacht", hätten die Deutschen es genannt, erzählt Negri aus dem Off. "Da wusste ich, dass es Zeit ist, die Koffer zu packen."

Es sind Momente wie diese, in denen die Doku-Serie "Krieg der Träume 1918-1939" - ab Montag auf Arte, später in der ARD - einen zusammenzucken lässt. Nicht nur, weil die teils desinteressierte, teils überforderte Polizei so sehr an die Erfahrungen der "Frontal21"-Journalisten in Dresden oder an die Szenen in Chemnitz seit Ende August denken lässt. Auch, weil die Luft durchweht ist mit Aufbruch, "Nie Wieder", "In Zukunft anders".

Die Polin Pola Negri, die einst aus Hollywood nach Berlin zum Film zurückkehrte, dann nach Frankreich floh, ist eine von 13 Figuren, deren Jahre wir in insgesamt acht Teilen verfolgen - anhand historischer Tagebücher: lauter europäische Leben, zerrissen von Hoffnung, Kompromissen, Willensstärke, existenziellen Entscheidungen.

100 Jahre nach Weltkriegsende also. Und selten schien eine Serie passender, uns zu vergegenwärtigen: 1918, ähnlich wie später 1945, fand uns beglückt vor. Beglückt darüber, nicht mehr vom Kriegszustand fremdbestimmt zu sein, vorsichtig wieder Träume zuzulassen. Und vor allem: entschlossen, ein erneutes europaweites Schlachten zu verhindern. Nun ja.

Glaube an etwas Besseres

Das eint die 13 Protagonisten: der Glaube an etwas Besseres. Für die einen ist es der Kommunismus, für die anderen Sozialismus, "Weltrevolution", Anarchie, Demokratie oder, später: der Nationalsozialismus. Die meisten in ihren Zwanzigern, in einem Alter, in dem sie die vier Kriegsjahre bewusst erlebt haben; und in dem es drängt, sich ein Leben, eine Welt zu entwerfen.

Die Figuren beeindrucken, ihre Facetten ersticken jeden Pathos. Sei es die schwedische Frauenrechtlerin und Journalistin Elise Ottesen (Rebecka Hemse), die sich für Arbeiterinnen engagiert; die russische Kindersoldatin Marina Yurlova (Natalia Witmer), die in den USA ihr Glück findet; die englische Adelstochter Unity Mitford (Charlotte Merriam), ein Führer-Groupie, das für Hitler in Großbritannien antichambriert; der Vietnamese Nguyen Ai Quoc (Alexandre Nguyen), der sich in Moskau bei den Kommunisten schulen lässt - und später als Ho Chi Minh koloniale Widerstandsgeschichte schreiben wird; der Katholik Rudolf Höß (Joel Basman), der die nationale Schmach überwinden will: als KZ-Kommandant in Auschwitz.

Auf eine moralische Kommentierung wird verzichtet. Das funktioniert konziser als beim Vorgängerprojekt "1914. Tagebücher des ersten Weltkriegs", ebenfalls von Jan Peter konzipiert, geschrieben, als Regisseur verantwortet (zusammen mit Frédéric Goupil). Denn als Erzähler tauchen nun nur die Protagonisten selbst auf - in der vertrauten Unmittelbarkeit von Tagebüchern.

Raus aus der Archivluft

Welch intime, dichte Atmosphäre so in Kombination mit Archivfilmmaterial entsteht, zeigen schon die ersten Minuten. Als Obermaat Hans Beimler (Jan Krauter) 1918 in seiner Hängematte auf See aus Albträumen hochschreckt. Eine Szene aus dem Krieg, das Schiff brennt, sinkt, er treibt im Wasser, mit anderen Matrosen. Er habe noch nie Palmen gesehen, erzählt er im Off - Schwarz-weiß-Szene mit Palmen -, habe noch nie die Nacht durchgetanzt - lässig swingende Paare auf der Tanzfläche -, er wolle das alles erleben. Und wir erleben mit ihm: Matrosenaufstand, KPD-Gründung, Spanischer Bürgerkrieg. So holt das Doku-Drama in Sepia erstarrte Figuren aus der abgestandenen Archivluft raus ans Licht.

Die Storylines, die Privates und Weltpolitisches verschränken, sind das Pfund der Serie. Zugleich ist der Vorspann symptomatisch für das ganze Projekt: In öffentlich-rechtlichem Kitsch katapultieren Splitter auseinander, darauf projiziert die Protagonisten. Denn so stark die einzelnen Storys auch sind, ihre Kombination gleicht eher einem Scherbensalat.

Doch all das ist nichts gegen das Schleudertrauma vom Kopfschütteln angesichts der ARD-Idee (wie schon bei der 1914er-Serie), die acht Arte-Stunden als drei 90-Minüter ins Nachtprogramm zu schieben. Keine Chance gegen die Spielshow "Der beste Deal". Ziemlich bitter, wenn man ernst nimmt, wie angespannt rechtslastig die Lage nicht erst seit drei Wochen ist.

Ja, es ist die alte Leier, aber: Wer mit so viel breitenwirksamem Tamtam, mit Hörfunk-Specials, Ausstellungen, Theaterversion, Begleitbuch und Projektseite eine derartig wuchtige europäische Geschichte produziert, müsste ihr doch die Chance geben, gesehen zu werden. Nicht nur vom Arte-Publikum. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Hinweis der Redaktion: Wir haben eine Verwechslung von KPD und DKP korrigiert.


"Krieg der Träume 1918-1939", 11., 12. und 13. September, 20.15 Uhr, Arte; 17., 18. und 24. September, 22.45 Uhr, ARD

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