Krimi-Trilogie "Yorkshire Killer" Alptraum-Provinz im Bann des Rippers

Das Fernsehjahr beginnt mit einem absoluten Highlight: Für die britische Trilogie "Yorkshire Killer" haben sich drei verschiedene Regisseure der wahren Geschichte eines Serienmörders angenommen. Herausgekommen ist ein verstörenden Epos von Gewalt und Verschwörung.

ARD/Degeto

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"In The Year of Our Lord", im Jahre unseres Herren - so lautet der Untertitel der Filme der "Yorkshire Killer"-Trilogie im Original. Doch gottverlassener könnten die Geschichten, die die drei Filme erzählen, nicht sein. Nur wenige Sonnenstrahlen erreichen hier den englischen Norden, und was diese mit ihrem fahlen Licht ausleuchten, ist grauenhaft: eine Region im Griff von Gewalt und Enthemmung, von Triebtätern und korrupten Polizisten. Auch wenn die Geschichte auf dem tatsächlichen Fall des "Yorkshire Ripper" genannten Serienmörders Peter Sutcliffe basiert, werden hier keine nationalen Traumata aufgearbeitet - sie werden verstärkt.

Mindestens 13 Frauen hat Sutcliffe zwischen 1975 und 1980 umgebracht, etliche mehr angegriffen und zum Teil schwer verletzt. Immer wieder hinterließ er dabei deutliche Spuren, trotzdem zog sich die Suche nach ihm quälend in die Länge. Erst bei einer Routineuntersuchung seines Autos ging er der Polizei ins Netz. Warum diese so überfordert mit den Ermittlungen war, musste schließlich ein Sondermittler klären. Erst 25 Jahre später wurde der Byford-Bericht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht - sein fürchterliches Resümee war, dass Sutcliffe sicherlich noch mehr Verbrechen als die, für die er verurteilt wurde, begangen hatte.

Der in West Yorkshire geborene Krimiautor David Peace ("Tokio im Jahr Null") hat die Jahre der Fahndung nach dem "Yorkshire Ripper" in einem vierteiligen Romanzyklus virtuos verarbeitet. Sutcliffe ist bei ihm nicht Einzeltäter, sondern Ausdruck einer viel umfassenderen Pathologie: Ganz Nordengland ist von Gewalt geprägt und kann seine Triebe nicht mehr kontrollieren. Eine Roma-Siedlung wird abgebrannt, Frauen verschwinden, Kinder werden ermordet. Fast meint man, die apokalyptischen Vorboten des "winter of discontent", der 1978 schließlich ganz Großbritannien erfassen sollte, zu erkennen.

In der Fernsehadaption von Peaces "Red Riding Quartet" hat Drehbuchautor Tony Grisoni ("Fear and Loathing in Las Vegas") die vier Bücher auf drei Filme verdichtet. Gleichzeitig haben die Produzenten einen Weg gefunden, um die Vielschichtigkeit des Stoffes bei allen dramaturgischen Straffungen zu verdeutlichen: Sie haben drei Regisseure jeweils einen Film drehen lassen. Herausgekommen ist eine Trilogie, die mindestens so viel Spannung aus ihren ästhetischen Gegenüberstellungen wie aus ihrem Plot bezieht.

Der Auftaktfilm "1974" unter der Regie von Julian Jarrold ("Geliebte Jane", "Wiedersehen in Brideshead") erzählt die Geschichte des jungen Journalisten Eddie Dunford (Andrew Garfield), der sich mit Elan in seine neue Arbeit als Kriminalreporter der "Yorkshire Post" stürzt. Kaum hat er den Job begonnen, bringt ihn ein anonymer Anruf auf die Spur eines Mörders, der anscheinend schon mehrere kleine Mädchen umgebracht hat. Statt eines journalistischen Scoops entwickelt sich die Geschichte aber zu einem persönlichen Alptraum. Viel zu schnell findet der Berufsanfänger Eddie Zutritt zu einer Welt, deren Spielregeln er viel zu spät versteht. Polizisten und Gangster haben die Region unter sich aufgeteilt, Schnüffler verfolgen sie mit derselben Unnachgiebigkeit. Von Gewalt eingeschüchtert und gleichzeitig von Ohnmacht angestachelt, begeht Eddie schließlich einen furchtbaren Fehler.

Ein letztes Mal ein einsamer Kampf

In "1980" von James Marsh (Oscar für "Man on Wire") ist das Schicksal von Eddie nur noch eine von vielen Schreckensgeschichten aus Yorkshire. Weil die örtliche Polizei den "Ripper" immer noch nicht gefangen hat, wird schließlich der externe Kommissar Peter Hunter (Patrick Considine) dazu geholt. Mit drakonischer Strenge auch gegen sich selbst und seine Gefühle versucht Hunter, die Ermittlungen voranzutreiben. Die Widerstände, die ihm vor allem in den eigenen Reihen entgegenschlagen, meint er, unter Kontrolle zu haben. Doch auch er muss lernen, dass in Yorkshire nichts mehr zu kontrollieren ist.

Im Abschlussfilm "1983" von Anand Tucker ("Hilary und Jackie") scheint das Grauen einigermaßen gebändigt zu sein. Der "Ripper" ist gefasst worden, und auch für die Morde an den kleinen Mädchen aus dem Jahr 1974 ist ein geständiger Täter gefunden worden. Neun Jahre sitzt der geistig zurückgebliebene Michael bereits für die Morde, da heuert seine Mutter den abgehalfterten Anwalt John Piggott (Mark Addy) an, um die Unschuld ihres Sohnes zu beweisen. Ein letztes Mal macht ein einzelner Mann sich auf, um den Moloch zu bekämpfen und wenigstens etwas Hoffnung zu finden.

Aufregend unterschiedlich sind die drei Filme geworden. Entsprechend seines ungestümen Protagonisten ist Jarrolds "1974" der energiegeladenste Teil der Trilogie. Hier schlagen die Flammen hoch und fallen tödliche Schüsse. Der kühle Intellekt von Kommissar Hunter findet sich in den blassen Farben von "1980" wieder. Immer wieder lässt Marsh den Blick auf ihn durch Fenstergitter und Zäune verstellen. So undurchdringlich ist das Dickicht der Korruption geworden. Tuckers "1983" schließlich fällt krude wie sein unwahrscheinlicher Held aus: Die losen Enden der Geschichte werden mehr in einem Kraftakt denn in einer eleganten Wendung zusammengeführt.

An Wucht verliert das Finale dadurch aber kaum, denn erst zum Schluss gibt sich die filigrane Konstruktion der Geschichte zu erkennen. Nebenfiguren aus vorherigen Teilen treten plötzlich ins Licht, vermeintliche Hauptfiguren verschwinden im Schatten. Es lohnt sich deshalb, ab der ersten Minute der Trilogie aufzupassen und auch auf die Bewegungen am Rande zu achten.

Jenseits des Stil-Experiments mit den drei Regisseuren ist das größte Wagnis der "Yorkshire Killer"-Trilogie aber, ein mitleidloses Panorama einer Region zu zeigen, in dem für Lokalpatriotismus kein Platz ist. Im Gegenteil: Lokalpatriotismus wird hier als vermeintlich vorzeigbarere Seite von Corps-Geist vorgeführt. Der Schlachtruf "Dies ist der Norden, wo wir tun, was wir wollen" erklingt in jedem Teil der Trilogie. Er bleibt einem noch lang nach dem Ende der Filme im Ohr. Und lässt einen nachhaltig vor der süßlichen Heimatverbundenheit der deutschen "Tatorte" zurückschrecken.


"Yorkshire Killer 1974", 2.1., 23.30 Uhr; "Yorkshire Killer 1980", 9.1., 23.30 Uhr; "Yorkshire Killer 1983", 16.1., 23.35 Uhr, jeweils ARD



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faustjucken_tk 02.01.2011
1. ...
Super Sendetermine: ab 23:30 Warum nicht gleich auf Phoenix um 03:50 verbannen? Typisch ARD. Muss vorher noch ein Mutantenstadl oder eine Quaten-Talk-Show rein?
MeyerLansky 02.01.2011
2. Prima Sendezeit
Die ARD sendet alle drei Filme in der Woche gegen ca. 23.30 Uhr. Wer soll sich das anschauen? Aber dafür bekommen wir wieder vorher wie fast jeden Tag der Woche den tupperten Einheitsbrei aus Hansi Hinterseer, Plasberg, Anne Will und wie die ständig denselben Unsinn salbadernden Sebstdarsteller sonst noch alle heißen. Ich habe vor kurzem eine Statistik gelesen, aus der hervorgeht, dass die ARD bei den 18 - 49jährigen nur noch einen Sendeanteil von knapp 7% hat, während RTL es auf über 15 % bringt. Könnte es etwas damit zu tun haben, dass die ARD "Highlights" wie diesen Film erst so spät bringt, während RTL schon kurz nach 20.00 Uhr (meinetwegen auch mit einem Hinweis: erst ab 16 geeignet) loslegt? Ich fürchte, ja. Denn die ARD hat sich selbst ein so enges Sendekorsett mit den genannten Moderatoren-Nasen gezimmert, dass für interessantes Fernsehen keine Zeit mehr bleibt und die Entscheidungsträger und Meinungsführer in diesem Land, zu denen ich mich auch zähle, lieber gleich aus- oder umschalten. Fazit: Schade, dass so ein Film-Highlight angesichts der späten Sendezeit kaum gesehen werden wird.
yeruku 02.01.2011
3. die ard - kokurrenzlos idiotisch
oh mann, warum kommt sowas schon zu so einer frühen urzeit? ein bisschen später und ich könnte nahtlos zur arbeit gehen.
kalimpula 02.01.2011
4. zu spät
Da ließt man sich voller Vorfreude durch den Artikel, dann erst wird die viel zu späte Sendezeit bekanntgegeben... Schade, die wirklich guten Filme kommen auf ARD und ZDF meist zu spät. Ich muß für meine GEZ-Gebühren arbeiten und beschränke mich somit auf langweilige viertel nach acht Filme.
vita, 02.01.2011
5. Dem kann ich nur zustimmen...
ich setze mich schon lange nicht mehr zu Unzeiten vor den Fernseher und schaue bis ich am nächsten Morgen durch hänge. Die Filme gibt es auf Englisch und bereits auf Deutsch seit geraumer Zeit auf DVD und das lass ich es mich gerne kosten, wenn ich den Film sehen möchte. Ausserdem kann ich dann der eventuell schlechten Synchronisation entgehen, die oft genug Filmen ihren Charme nimmt. Tut mir leid, ARD, aber das wird kein Genuss für Viele, sofern man kein Aufzeichnungsgerät hinzuzieht.
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