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28. August 2018, 06:40 Uhr

"Kriminalreport" in der ARD

Allzu simple Gruselhäppchen

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"Kriminalreport" will eine Ratgebersendung sein, die ihre Zuschauer vor Verbrechen schützt. Doch das neue ARD-Format serviert vor allem stark verkürzte Kleinformate und Opferzeitlupen.

Das angenehme Schaudern, das einem bitzelnd den Rücken herunterläuft, wenn man andere betrachtet, die in Gefahr sind - und dabei selbst im sicheren Schutz des eigenen Sofa-Bollwerks sitzt: Das ist ein menschlicher Reflex, den erfundene Krimis und nacherzählte Echtverbrechen verkaufen. Er ist schuld daran, dass auch im neuen Verbrechens-Informationsmagazin der ARD streckenweise jene schaurigen Nachspielszenen zu finden sind, die einen als Kind schon nicht schlafen ließen, nachdem man verbotenerweise bei "Aktenzeichen XY ... ungelöst" durch den Wohnzimmertürspalt gelinst hatte.

Mit ernster Miene moderiert Judith Rakers durch "Kriminalreport", diesen Mix aus Schrumpfreportagen über polizeiliche Ermittlungsmethoden, Warnfilmchen im Nepper-Schlepper-Bauernfänger-Stil und Aufrufen zur aktiven Mitarbeit, sollte man zufällig einen Verdacht haben, welche häufig schwangere, aber dennoch kinderlose Frau seit drei Jahren ihre neugeborenen Babys im Berliner Norden aussetzt. Letzteres ist ein spannender Fall, kurz werden im Bericht auch Ermittlungsverfahren und Polizeiarbeit angerissen - leider, der Form geschuldet, allzu knapp.

Mitunter verkürzen diese Kleinformate ihre komplexen Themen dabei zu allzu simplen Häppchen. Etwa im Beitrag über "Super Recognizer", Menschen also, die überdurchschnittlich gut Gesichter wiedererkennen und auch aus großen Menschenmassen herausfiltern können. Hier treten in rascher Folge so viele Experten, Praktiker und sonstige Zitatköpfe auf, dass man sich beim Zuschauen selbst wie in einem Eignungstest für diese Fähigkeit fühlt.

Sprayerbanden, Geldautomaten-Sprenger, "Fake Shops"

Unangenehm oft sieht man im nächsten Beitrag einen Vater, dessen Tochter vor 37 Jahren ermordet wurde, in Zeitlupe durch das Leben schreiten. Eigentlich geht es um eine geplante Gesetzesänderung, die die Wiederaufnahme von Fällen ermöglichen soll, die wegen eines Rechtsfehlers eingestellt werden mussten. Doch in der knappen Zeit kann die aktuelle Lage nicht so sorgfältig aufgedröselt werden, wie es für echtes Verständnis nötig wäre.

Mord und Totschlag kommen allerdings ohnehin kaum vor im "Kriminalreport". Stattdessen geht es um Sprayerbanden, die per Notbremsung ganze S- und U-Bahnzüge stoppen, um sie zu bemalen - und dabei durchaus auch Pfefferspray einsetzen, um die Fahrgäste in Schach zu halten. Es geht auch um Geldautomaten-Sprenger und um Halunken, die ein argloses Ehepaar mit einem betrügerischen Onlineshop um ihre bestellte und bezahlte Hollywoodschaukel prellen.

Natürlich, auch das sind Straftaten, aber freilich aus dem weniger bedrohlichen Spektrum geschöpft. Wie schön eine Welt wäre, in der derlei Fälle die berichtenswerte Hauptbedrohung darstellen, denkt man sich da kurz. Aber dann möchte man als eifriger Onlineshopper doch noch gern wissen, wie man sich selbst vor einem ähnlichen Hollywoodschaukelnepp schützen kann. Leider ist da aber die Sendung schon vorbei.

Wer wissen möchte, woran man sogenannte Fake Shops im Internet erkennt, wird von Rakers in den anschließenden Chat auf der Webseite der Sendung verwiesen. Dort erhält man dann bäckerblumige Tipps wie " Seien Sie sich stets der möglichen Risiken bewusst und nicht zu blauäugig" und " Bleiben Sie dem Grundsatz treu: erst die Ware und dann das Geld!" Da wartet man gespannt auf die nächste Folge, dann vielleicht mit wertvollen Warnungen vor dem Enkeltrick.

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