Krisenkosten-Talk bei Illner Steinbrück als Über-Kanzler

Der Finanzminister als Regierungschef, Porsche-Witwer Günther Oettinger, ein junger Mann von der FDP - und natürlich Gregor Gysi. Die Haushaltsrunde bei Maybrit Illner war geradezu komödienreif besetzt. Da vergisst man fast: Angeblich ist gerade Wahlkampf.

Kann alles: Peer Steinbrück
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Kann alles: Peer Steinbrück

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Gregor Gysi geht jetzt offenbar überhaupt nicht mehr nach Hause, sondern bleibt gleich da. Wahrscheinlich lebt der Linksfraktionschef längst in einem TV-Studio. Jeden Abend bauen sie eine andere Kulisse um ihn herum auf, teilen ihm kurz vor Sendungsbeginn das Thema mit und sagen, ob er sich an einen Stehtisch lehnen oder hinsetzen soll, und los geht's. Diesmal heißt die Moderatorin Maybrit Illner, Herr Gysi, es geht, Moment, da steht es, es geht wieder um die Krise, bleiben Sie sitzen, reden Sie einfach, so wie immer, Sie kennen sich ja aus. Gysi muss nicht mehr anreisen, die Polit-Talkshows kommen jetzt zu ihm. Das ist zwar unglaublich teuer und bedeutet einen immensen technischen Aufwand, wird aber trotzdem gerne gemacht. Aus Dankbarkeit. Denn ohne Gregor Gysi könnten all diese Sendungen überhaupt nicht mehr stattfinden.

Zum Beispiel "Maybrit Illner" mit Maybrit Illner und der Frage, was uns die Krise kostet. Neben Gysi sitzen diesmal Günther Oettinger (CDU), Peer Steinbrück (SPD) und ein junger Mann, der aussieht, als würde er eine Wissensshow auf Pro 7 moderieren, von dem aber behauptet wird, er heiße Otto Fricke, sei bei der FDP und außerdem Vorsitzender des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestages. Es ist zwar angeblich gerade Wahlkampf, aber die anwesenden Vertreter von Union und SPD wollen sich heute nicht bekämpfen, dafür ist das Thema viel zu wichtig und ernst. Außerdem könnte es ja sein, dass man demnächst wieder miteinander koaliert. Fricke von der FDP will demnächst ebenfalls koalieren, sogar unbedingt, also spart er sich allzu harsche Kritik an der CDU. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass er Günther Oettinger nicht noch zusätzlich deprimieren möchte.

Das fiskalische Über-Wesen

Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg spricht über die Wirtschaftskrise, als säße er bei einem Leichenschmaus und verarbeite mit den anderen Hinterbliebenen das Ableben seines liebsten Verwandten, des wirtschaftlichen Erfolges. Man hat es nicht kommen sehen, dass es so schnell mit ihm gehen würde. Er sah doch noch so gut aus. Na ja, hinterher ist man immer klüger. Es muss jetzt irgendwie weitergehen. Nein, den bedauernswerten Porsche-Witwer Oettinger mag Fricke nicht hart angehen. Und das fiskalische Über-Wesen Peer Steinbrück mal so richtig zu kritisieren, das wagt er ebenfalls nicht. Einmal nimmt Otto Fricke seinen ganzen Mut zusammen und sagt: "Herr Minister, ich muss Ihnen dann schon irgendwo widersprechen."

Da kann Steinbrück nur grinsen. Und Fricke wirkt, als sei er froh, nicht sofort vom Finanzminister verspeist worden zu sein. Überhaupt, Steinbrück: Es hat ja schon lange keinen Sinn mehr, ihn zu fragen, warum nicht er Kanzlerkandidat der SPD ist. Der Mann, so, wie er da sitzt, ist ja bereits Kanzler, innerlich jetzt schon und in vier Jahren womöglich sowieso. Er hat die Autorität. Er hat das Format. Er hat alles richtig gemacht. Und er lässt sich sogar dazu herab, den anwesenden Laien noch mal zu erklären, wie so eine Krise funktioniert. Nämlich wie Dominosteine: "Klack-Klack-Klack".

Rollt die Hunde rein!

Ein kontroverses Gespräch will also nicht recht aufkommen, die Lage ist nicht danach, und ein wenig liegt das vielleicht auch an der Moderatorin Illner, deren härteste Frage in die Runde heute lautet: "Was fällt Ihnen dazu ein?" Und wenn zum Beispiel Günther Oettinger nicht auf eines ihrer Stichworte eingehen will, sondern sagt: "Noch ein Satz zum Thema Haushalt", dann sagt Maybrit Illner: "Unbedingt. Auch zwei." Dass sie irgendwann Milliarden mit Millionen verwechselt, macht aber fast gar nichts: Milliarden, Millionen, es kann sich doch sowieso schon lange niemand mehr vorstellen, wie viel Geld diese Krise bereits gekostet hat und noch kosten wird. Außer Peer Steinbrück selbstverständlich, der kann alles. Aber das wissen ja auch schon alle und längst. Es gäbe also gute Gründe für das ZDF, "Maybrit Illner" diesmal vorzeitig abzubrechen und dafür "Markus Lanz" auf Sendung zu schicken, der hat gleich neunzehn Hunde zu Gast, so was zieht immer.

Aber zum Glück gibt es ja Gregor Gysi. Der ist lustig, der ist schlagfertig, der bringt die Leute zum Lachen, aber so, dass den Leuten dann auch mal das Lachen im Halse stecken bleibt, während sie ihm applaudieren. Denn er bringt sie auch zum Nachdenken. So wie jetzt, wenn er mal wieder sein Wahlplakat "Reichtum für alle" erklärt, wie am Tag zuvor wortgleich bei "Hart aber fair", es gehe da nämlich um kulturellen Reichtum und Reichtum an Bildung, nein, dieser Gysi aber auch! Schlusswort Peer Steinbrück über den Weg aus der Krise: "Wir haben kein Drehbuch." Wie oft hat er das schon gesagt? 100 Millionen mal? Oder doch 100 Milliarden mal? Ist jetzt auch schon egal. Rollt die Hunde rein! Gysi kann gleich dableiben.



insgesamt 80 Beiträge
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Izmir.Übül 28.08.2009
1. GEZ ist geil (zumindest für einige)
Wenn der Bundesfinanzminister zur öffentlich-rechtlichen TV-Moderatorin Maybrit Illner sagt "Ihren Job hätte ich gerne, u.a. weil er besser bezahlt ist als meiner", dann ist das kein typisch salopper Steinbrück-Spruch, sondern schlicht die Wahrheit, und darüber regt sich merkwürdigerweise kaum ein GEZahler auf.
Oskar ist der Beste 28.08.2009
2. Steinbrueck for Kanzle..never!
Zitat von sysopDer Finanzminister als Regierungs-Chef, Porsche-Witwer Günther Oettinger, ein junger Mann von der FDP - und natürlich Gregor Gysi. Die Haushalts-Runde bei Maybrit Illner war geradezu komödienreif besetzt. Da vergisst man fast: Angeblich ist gerade Wahlkampf. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,645520,00.html
habe die Sendung eben gesehen und ja es stimmt, es gab viel zu wenig Kontroverse. Unverstaendlich war auch, warum Gysi statt Lafontaine da war, immerhin ist Lafontaine in Finanzfragen doch viel kompetenter. Und Steinbrueck wird nach der Bundestagswahl Berater in der Finanzindustrie und selbst in Deutschland ist dann eine Rueckkehr in die Politik nicht moeglich, schon gar nicht fuer einen, der die schlimmste Wirtschaftskrise der Nachkriegspolitik mit seiner Deregulierungspolitik angeordnet hat.
der_durden 28.08.2009
3. Ach egal.
Zitat von Oskar ist der Bestehabe die Sendung eben gesehen und ja es stimmt, es gab viel zu wenig Kontroverse. Unverstaendlich war auch, warum Gysi statt Lafontaine da war, immerhin ist Lafontaine in Finanzfragen doch viel kompetenter. Und Steinbrueck wird nach der Bundestagswahl Berater in der Finanzindustrie und selbst in Deutschland ist dann eine Rueckkehr in die Politik nicht moeglich, schon gar nicht fuer einen, der die schlimmste Wirtschaftskrise der Nachkriegspolitik mit seiner Deregulierungspolitik angeordnet hat.
Dafür kann man über den kleinen Gysi immer so schön lachen. Gerade dann, wenn er sich, wie ein kleiner Bub, zurückgestellt fühlt - der arme... ;)
Hador, 28.08.2009
4.
Alleine die Tatsache, dass Steinbrück ('dies ist eine Krise der USA') mal wieder versucht die Wirtschaftskrise zu erklären sagt doch schon alles, oder?
Keule³ 28.08.2009
5. nein, Stefan Kuzmany ist der Beste
einfach herrlich der Artikel *g* selten so angenehm gelacht
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