Wien-"Tatort" über Geflügel-Mafia: Brust oder Beule?

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Auf ein Hühnerfüßchen mit Inkasso-Heinzi? Im Wiener "Tatort" geht es um abgeschnittene Geflügel-Beine, abgehackte Menschenköpfe und abgehalferte Zuhälter. Ein moralfreier Blick in die Innereien des Fleischgeschäfts und ein starker Krimi für Menschen mit starken Mägen.

"Tatort" über Geflügelhandel: Die Schnapsdrossel und der Fresssack Fotos
rbb/ ORF

Europa steht auf Brust. Auf Hühnerbrust. Geflügel wird hier mit so schwerem Vorbau gezüchtet, dass sich die Tiere nicht mehr auf ihren Füßchen halten können. Wozu, fragt sich da der Mast-Experte, braucht so ein Hühnchen überhaupt noch Füßchen? Die sind verwertungstechnisch betrachtet doch sowieso Abfall. Genau hier kommt der Unternehmer Klaus Müller (gespielt vom immer großartigen Martin Brambach) ins Spiel. Auf dem Wiener Fleischmarkt hat er sich in einem Bereich positioniert, für den die Kollegen nur Verachtung übrig haben: Er exportiert Hühnerfüße nach Fern-Ost, wo die Geflügel-Extremitäten als Delikatesse gelten.

So ein Hühner-Heini muss ein Schwein sein. Glauben zumindest die Ermittler Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer). Jedenfalls gehen sie Müller bei der ersten Begegnung hart an - aber das hat vielleicht gar nicht mit dem provokanten Gebaren des Geschäftemachers zu tun, sondern damit, dass die beiden auf Entzug sind und deshalb üble Laune haben. Alkoholikerin Fellner will endlich trocken werden, Allesfresser Eisner hat sich selbst auf Diät gesetzt.

Dem Fleischgroßhändler Müller ist jedenfalls in Sachen Hygiene und Nachhaltigkeit nichts vorzuwerfen: Er schafft mit den Hühnerfüßen aus dem Weg, was in Europa nahrungstechnisch völlig unbegründet als Abfall gilt und verschifft es kostengünstig mit jenen Containern, die sonst leer nach Fern-Ost verbracht würden. Keine Produktionskosten, kaum Exportkosten: So kann Müller seine Hühnerfüße billiger in China anbieten als dort heimische Geflügelfabrikanten. Will man ihm das zum Vorwurf machen?

Gutes Fleisch, schlechtes Fleisch

Das ist das Tolle am Wiener "Tatort": Hier treten die Fernsehmacher nicht missionarisch an; sie sagen, was ist. Wenn in anderen TV-Revieren Themen-Krimis angepackt werden, ist das Gut-Böse-Gefüge derart schlicht aufgebaut, dass man beim Zuschauen peinlich berührt ist. Man kann dieses Qualitätsgefälle gut darstellen, indem man den ORF-"Tatort" mit dem SWR-"Tatort" aus Ludwigshafen vergleicht.

Beispiel eins: Letztes Jahr kam aus Ludwigshafen eine Folge, die ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit setzen sollte - Kommissarin Lena Odenthal ermittelte in der afrikanischen Gemeinde der Stadt, hörte sich gütig das Getrommel der Schwarzen an, knabberte interessiert an ihren traditionellen Speisen. Nur um dann alle negativen Stereotype über Afrikaner zu regenieren. Ganz anders die Verantwortlichen vom österreichischen Revier: In der letzten Episode begab man sich in die serbische Gemeinde Wiens, zwischen Auftragskiller und Kriegsverbrecher - und erzählte doch nebenbei einige anrührende Geschichten über die überwiegend grimmig dreinschauenden Ex-Bürgerkriegskämpfer.

Beispiel zwei: Auch einen Schlachthof-Krimi hat die SWR-Redaktion schon mal für Odenthal in Szene setzen lassen. Da wurde so aufdringlich die Vegetarier-Werbetrommel gerührt, so plump zwischen Schweinehälften moralisiert, dass man sich nach der Sendung vor Trotz erst mal ein Kotelett in die Pfanne hauen wollte. In der aktuellen ORF-Episode wird nun auf Schlachthaus-Agitprop-Einlagen verzichtet. Es werden die Absurditäten des globalen Geflügelhandels aufgezeigt, zwischenzeitlich aber auch einige ansehnliche Fleischspeisen aufgetischt.

Hand im Hundemund, Kopf im Müllcontainer

Obwohl: Für empfindliche Mägen ist die Episode "Falsch verpackt" (Buch: Martin Ambrosch) dann doch nicht gemacht. Am Anfang werden drei gefrorene Leichen zwischen einer Ladung Hühnerfüßen gefunden, offensichtlich hat die chinesische Mafia ihre Hände im Spiel. Der asiatische Hilfsarbeiter, der über die Hintergründe Auskunft geben könnte, wird in Einzelteilen in unterschiedlichen Hinterhöfen eingesammelt. Die abgesägte Hand apportiert ein Hund, den Kopf findet man nachts in einem Müllcontainer.

Die österreichische Regisseurin Sabine Derflinger setzt diese Schnitzeljagd pointiert, aber ohne Effektgehasche ins Bild. Durchaus lässig ist ihr Schlachter-Krimi; statt der billigen Spannungsmusik eines Score-Programmierers gibt es erdigen Bluesrock, gekonnte "Pulp Fiction"-Reminiszenzen wechseln mit stimmigen Milieubesichtigungen. Derflinger ist eine der talentiertesten Regisseurinnen im deutschsprachigen Raum, im hiesigen Fernsehen ist sie leider schnell angeeckt. Nach größeren Filmen fürs ZDF drehte sie zuletzt risikofreudige Indie-Dramen wie "42plus". Die Filmemacherin wirft meist einen ziemlich unaufgeregten Blick in menschliche Abgründe, Mitleid und Sympathiebekunden findet man bei ihr selten.

So auch nicht in ihrer ersten "Tatort"-Produktion. Da wird schon mal das handelsübliche Gut-Böse-Gefüge ausgehebelt. Der Bordellbesitzer "Inkasso-Heinzi" (bekannt aus einer früheren ORF-Episode) etwa erscheint als armes Würstchen und eine chinesische Flüchtlingsfrau als kalkulierende Entrepreneurin.

Der Blick auf die Menschen ist genau. Man weiß irgendwann, was sie treibt, schaut ihnen aber gerne weiter zu - sogar dem extrem griesgrämigen, weil auf Diät gesetzten Major Eisner, der ständig nach dem Essen der anderen giert. Auf diese Weise erzeugt dieser heiter-grimmigen Thriller über das Geschäft mit dem Fleisch - auch das ein Zeichen für höchste Inszenierungskunst - beim Zuschauer ein enormes Hungergefühl. Der Appetit stirbt zuletzt.


"Tatort: Falsch verpackt", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 6 Beiträge
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1. titel
paulroberts 23.03.2012
Zitat von sysoprbb/ ORFAuf ein Hühnerfüßchen mit Inkasso-Heinzi? Im Wiener "Tatort" geht es um abgeschnittene Geflügel-Beine, abgehackte Menschenköpfe und abgehalferte Zuhälter. Ein moralfreier Blick in die Innereien des Fleischgeschäfts und ein starker Krimi für Menschen mit starken Mägen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,822627,00.html
wie der krimi ist weiss ich natürlich noch nicht.aber die besprechung ist gut geschrieben.
2. Juwelen aus Wien
tollhans 23.03.2012
Das ist das Tolle an den ORF-Tatorten: die gesellschaftlichen Absurditäten werden aufgezeigt aber nicht kommentiert und schon gar nicht korrigiert. Das schafft das Gefühl von Realitätsnähe, Authentizität... ganz unaufdringlich.
3. also, der .............
ottohuebner 24.03.2012
Zitat von paulrobertswie der krimi ist weiss ich natürlich noch nicht.aber die besprechung ist gut geschrieben.
also der letzte eisner tatort war nicht gut. schaun wir mal wie dieser ist. ansonsten ist das qualitaetsniveau der tatorte in letzter zeit gewaltig gesunken.
4. Vielleicht haben Sie eine ja Wiederholung gekuckt...
CNPNTGFGZP 24.03.2012
Zitat von ottohuebneralso der letzte eisner tatort war nicht gut. schaun wir mal wie dieser ist. ansonsten ist das qualitaetsniveau der tatorte in letzter zeit gewaltig gesunken.
... denn der letzte Wiener-Tatort im serbischen Patschaken-Milieu war ein selten clever, überzeugend konstruierter Krimi mit Hochspannung bis zur allerletzten Minute und einer Leichenquote, die man sonst weder beim ÖR-TV noch um diese Uhrzeit vermuten würde. Das ist auch -mein- einziger Kritikpunkt. Ansonsten „Alle Achtung und Kompliment, Frau Derflinger” zu diesen bemerkenswerten Inszenierungen – endlich kann man den Winzerkönig Krassnitzer als Kommissär wieder anschauen und ernst nehmen; besonders an der Seite der grandios spielenden Adele Neuhauser.
5. Tatort - Rosamunde Pilchner für Alt-68-ger
osz-madretsch 25.03.2012
Zitat von paulrobertswie der krimi ist weiss ich natürlich noch nicht.aber die besprechung ist gut geschrieben.
Ich schaue schon lange keine Folgen der "TATORT-Serie" mehr. Sie sind zu einer Aneinanderreihung von Klischees verkommen und bieten durch den penetranten Einbezug gesellschaftsrelevanter Themen auf Schulfunk-Niveau eine Rosammunde Pilchner-Welt für linke und müde Alt-68-Sechziger. Christian Buss beschreibt dies so treffend, dass ich versucht bin, seinen Tipp zu befolgen und heute mal eine Ausnahme zu machen. Aber wehe ich werde wieder enttäuscht! Allen Leidensgenossen und Krimiliebhabern möchte aber die Krimiserie "The Wire" empfehlen. Auf DVD-erhältlich ist sie grossartig und gehört sogar in eine Bilbiothek.
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.