Fünfzigerjahre-Epos "Ku'damm 56" Sex, Elektroschocks und Rock'n'Roll

Saalschlacht in der Tanzschule! Der furiose ZDF-Dreiteiler "Ku'damm 56" erzählt von sexueller Unterdrückung und Rock'n'Roll-Aufbruch im Berlin der Fünfzigerjahre.

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ZDF/ Stefan Erhard

Was wäre aus der westlichen Nachkriegsgesellschaft geworden, wenn nicht irgendwann der Rock'n'Roll Einzug gehalten hätte? Vielleicht wäre sie unter Fresszwang und Fummelverbot einfach krepiert; doch es kam der Rock'n'Roll mit seiner fröhlichen Maßlosigkeit und brachte das System aus Konsumdruck und Triebverzicht gehörig durcheinander.

In der Bundesrepublik wurde dieses befreiende Potenzial ausgerechnet vom US-Sänger Bill Haley verkörpert, einer Schmalztolle im karierten Dinnerjacket, die hierzulande schon früh auf Konzertreise war. Heute mögen Haleys mild verklausulierten Beischlafaufforderungen harmlos wirken, auf seiner Tour durch Deutschland aber hinterließ er eine Schneise der Verwüstung. In Hamburg kam es 1958 zur Saalschlacht. Wer einmal das glückliche Funkeln in den Augen des eigenen Vaters gesehen hat, wenn dieser von den eigenhändig zertrümmerten Stühlen des Haley-Konzerts erzählt, ahnt, welche wunderbare Macht der Rock'n'Roll hatte.

Eben diese Macht ist es, die Tanzschulenbesitzerin Caterina Schöllack (Claudia Michelsen) Angst einjagt, als die Tanzkapelle auf einem Ball Haleys "Rock around the Clock" anstimmt. Schöllack - Schwanenhals und Stahlblick - ist die Königin der Nierentischbigotterie: Ihr Institut am Ku'damm trägt den Namen Galant, der Kontakt zwischen den Geschlechtern wird von ihr in Benimmkursen millimetergenau geregelt, aber den eigenen Töchtern gibt sie handfeste Tipps, wie man einen Mann zu nehmen hat, damit der einen zur Frau zu nehmen hat.

Schließlich hat Schöllack, deren Ehemann in den Nachkriegswirren verloren gegangen ist, gleich drei Mädchen unter die Haube zu bringen. Tochter Helga (Maria Ehrich) findet schnell einen Karrierejuristen; doch während sie diesen fernsehwerbungstauglich bekocht, fügt er sich mit einem Gummiband kleine Wunden zu, um die Bilder von nackten Männern aus seinem Kopf zu verdrängen. Der Gatte hat bei sich selbst eine Krankheit diagnostiziert: Homosexualität. Die Schmerztherapie soll Heilung bringen.

Schuld, Scham, Selbstverleugnung

Eine weitere Tochter, Eva (Emilia Schüle), arbeitet in der Psychiatrie, wo sie im Chefarzt (Heino Ferch) einen väterlichen Freund findet, der nichts gegen eine festere Verbindung einzuwenden hätte. Die Einschätzung der Familie: "Er ist zwar Irrenarzt, aber er sieht aus wie Paul Hubschmid." Mutter Schöllack rät der Tochter, sich den Doktor zu schnappen, so lange er noch lauwarm sei. Und so wirft Schwester Eva dem Hubschmid-Lookalike zarte Blicke zu, während der Normabweichler mit Elektroschocks behandelt.

Und dann ist da noch Monika (Sonja Gerhardt), auf der Hauswirtschaftsschule durchgefallen, als Heiratsmaterial aus Sicht der Mutter völlig ungeeignet. Auf dem Ball in der Tanzschule wird sie von einem Industriellensohn (Sabin Tambrea) vergewaltigt, die Mutter sieht die Möglichkeit, den reichen Peiniger zur Heirat zu zwingen. Als die Tochter sagt, sie fühle sich so schmutzig, entgegnet die Alte: "Dann geh in die Badewanne, auch wenn erst Mittwoch ist." In der Rockmusik findet Monika, die Unbehauste und Missbrauchte, schließlich ihr Glück. Auch dank des Hallodris Freddy (Trystan Pütter), der in einer Abrissbude haust und in einer Abrisskneipe auch die dunkleren Seiten des Rock'n'Roll-Lifestyles auslotet.

Schuld, Scham, Selbstverleugnung zwischen "Preußens Gloria" und "Tutti Frutti": Das Tanzschulenepos "Ku'damm 56" ist ein großer Serienwurf geworden. Drehbuchautorin Annette Hess hat zuvor mit der DDR-Saga "Weissensee" gezeigt, wie sich vor dem mächtigen historischen Panorama Figuren zeichnen lassen, die weit mehr sind als zeitdiagnostische Funktionsträger. Regisseur Sven Bohse hat 2007, als das Format Serie hierzulande noch mit der Kneifzange angefasst wurde, mit "Verrückt nach Clara" versucht, eine Großstädterin bei ihrer ergebnisoffenen sexuellen Selbstfindung zu begleiten.

Rock'n'Roll - jenseits der typischen Petticoats-Klischees

Metrosexuell war damals das Schlagwort, folgt jetzt retrosexuell? Eben nicht. Beachtlich, wie in "Ku'damm 56" eine Typologie der Nachkriegsära entsteht, wie die Figuren jedoch zugleich in ihren Ambivalenzen extrem zeitgemäß ausgeleuchtet werden - unsere Mütter, unsere Väter in Jugendjahren und aus Nahperspektive. Wie der gleichnamige Dreiteiler vor drei Jahren verschränkt auch "Ku'damm 56" - Ausstrahlung ist wieder Sonntag, Montag und Mittwoch - Zeitgeschichte und Entwicklungsgeschichte.

So wird die privateste Handlung zuweilen extrem politisch aufgeladen - vor allem bei der zentralen Figur, der Rock'n'Rollerin Monika, die zwischen zwei Männern steht: dem Industriellensohn, dessen Vater aus der anstehenden Wiederbewaffnung Kapital zu schlagen versucht, und dem Anarcho Freddy, dessen Familie im KZ umgekommen ist und der nun im Rock'n'Roll die Befreiung sucht. Der reiche Sohn liest Camus' "Der Fremde", der Holocaust-Überlebende trägt verächtlich ein Eisernes Kreuz um den Hals. Plakativ? Auf jeden Fall. Aber auch exzellent erzählt.

Nihilismus und Hedonismus, Umdeutung der Zeichen und Umsturz der sexuellen Verhältnisse - "Ku'damm 56" leuchtet den Rock'n'Roll auch jenseits der fernsehtypischen Petticoats-Klischees aus. Am Ende, so viel dürfen wir verraten, wird dann im Tanzstudio Galant das Nierentischmobiliar zerlegt. Da ist sie wieder, die befreiende Macht der Saalschlacht.


"Ku'damm 56", Sonntag, Montag, Mittwoch, jeweils 20.15, ZDF

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insgesamt 15 Beiträge
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tomquixote 17.03.2016
1. Quatsch mit Soße
Also, als 33er kann ich da nur lachen - kein Wort über die Kajüte oder die Badewanne, nichts über den Faschings-Zinnober an der HfbK, Na ja, heute wissen wir ganz genau, wie es früher mal war. Und Nierentische - na nu wirklich…
abandonedasylumb 17.03.2016
2. Heino Ferch
Die Film ist mit Heino Ferch und von daher sehenswert.
Rockaxe 20.03.2016
3. nach
den ersten 30 Minuten muss ich feststellen, dass es eine typische ZDF-Produktion ist, die eher auf die Darsteller gearbeitet ist, als den Zeitkolorit der ausklingenden Nachkriegszeit und des Wirtschaftswunders darstellt. Auch die Ausstattung lässt - im Vergleich zu Filmen aus der damaligen Zeit - etwas zu wünschen übrig. Berlin dafür zu nehmen war natürlich taktisch geschickt, da die Stadt ja einen Sonderstatus für lange Zeit besaß. Also eher typische Standartkost wobei man sich fragen muss, mit welcher (nicht vorgeschobenen) Berechtigung jeder Haushalt in Deutschland diesen Rundfunkbeitrag zu zahlen hat. Siehe folgendes Thema: http://www.spiegel.de/forum/kultur/urteil-zum-rundfunkbeitrag-ja-sie-muessen-1750-euro-zahlen-thread-433938-1.html
Rockaxe 21.03.2016
4. Nachtrag
ebenfalls sehr verwunderlich, dass die Autos bzw. deren Kennzeichen alle schon die damals "neuen" KFZ-Kennzeichen aufweisen deren Umstellung erst im Juni oder Juli 1956 begann. Nichts zu sehen von den "alten" Kennzeichen der Besatzungszone die es auch in Berlin gab. Schaut man sich Wochenschauen aus späteren Jahren an, gibt es noch sehr viele Fahrzeuge mit den alten Kennzeichen zu sehen. Soviel zur Gründlichkeit einer entsprechenden Recherche.
cathichou 21.03.2016
5. @Rockaxe
Tatsächlich liegen Sie da falsch. In einem Artikel in der Zeit konnt man diese Woche lesen, dass es während der Dreharbeiten aufgefallen ist, dass beide Kennzeichen in der Zeit in der der Film spielt auf den Straßen zu sehen waren. Man hat deswegen sowohl alte als auch neue verwendet. Vermutlich waren nur noch nicht Kennzeichen beider Art in dem ersten Teil zu sehen. Ich persönlich habe mich beim Lesen des Artikels gefragt, wem solche Kleinigkeiten eigentlich auffallen und wer sich, FALLS sie auffallen sollten, eigentlich ernsthaft stören . . . .aber naja....
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