Zweite "Ku'damm"-Staffel im ZDF Rock'n'Roll als Waffe

Schönheit und Schrecken der Nierentisch-Republik: In der zweiten "Ku'damm"-Staffel kämpfen die drei Schöllack-Schwestern wieder gegen Sexismus und Unterdrückung. #MeToo-Moment inklusive.

ZDF/ Stefan Erhard

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Der Blues des schwarzen Mannes als Rettung der weißen Frau? Der Tag verlief nicht gut für die junge Heldin, es reihte sich Demütigung an Deklassierung, aber dann fließen ihr auf einmal am Schreibtisch ihrer kleinen Kammer die Riffs von Bo Diddleys "I'm A Man" aus der Gitarre und eigene Lyrics aus der Seele: "I'm A Woman" deklariert sie. Und die Ansage, dass ein schwarzer Mann alles werden kann, was er werden will, verwandelt sich bei ihr zu der Ansage, dass eine Frau alles werden kann, was sie werden will.

Bo Diddley statt Bill Haley, der Tonfall ist fordernder geworden in der zweiten Staffel des Emanzipationsdramas "Ku'damm". Wir erinnern uns: In der ersten unternahmen die Töchter der Tanzschullehrerin Schöllack (Claudia Michelsen) zu "Rock Around The Clock" erste Aufstände gegen die vermeintlich guten Sitten; am Ende wurde bei einer Saalschlacht das schöne Nierentischmobiliar zertrümmert.

Das war ein befreiendes Gefühl, brachte aber die Verhältnisse nicht zum Einsturz. In der zweiten Staffel, sie spielt 1959, sehen sich die drei Töchter nun nur umso fester in die bürgerlichen Ketten gelegt, an denen sie zuvor gerissen haben.

Beischlaf als Hygienevorkehrung

Zwei von ihnen sind - Mutter Schöllack atmet auf - unter der Haube: Helga (Maria Ehrich) lebt mit ihrem schwulen Ehemann, einem aufstrebenden Staatsanwalt, in einer bürgerlichen Eigenheim-Attrappe. Der Mann spielt den Hetero, die Frau lenkt sich beim Putzen und Kochen ab. Schwester Eva (Emilia Schüle) hat einen Nervenarzt geheiratet, der sie im Ehebett wie eine weitere Fallstudie behandelt, der Beischlaf ist hier eine Art Hygienevorkehrung, anstrengend, aber notwendig für das Wohlbefinden des Gatten. Eva wird - Luis Buñuels "Belle de Jour" lässt grüßen - zwischenzeitlich in der Prostitution den Ausbruch aus dem Ehe-Gefängnis suchen.

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"Ku'damm 59": Ich bin eine Frau!

Da erscheint der Rock'n'Roll die wirksamere Waffe gegen die Normierungskräfte der Adenauer-Ära. Wobei: Monika (Sonja Gerhardt), dritte und widerborstigste Schöllack-Tochter, muss erleben, dass auch die geliebte Rebellenmusik schnell ihren aufsässigen Glanz verliert, wenn sie im falschen Kontext erklingt. Mit ihrem Kumpel Freddy (Trystan Pütter), mit dem sie freie Liebe und entfesselten Rock'n'Roll praktiziert, spielt sie auf Vermittlung der Mutter in Filmschmonzetten mit. Bald sind die beiden auf dem besten Wege, zum Traumpaar des deutschen Films zu werden.

Schmachtfaktor nahe der Besinnungslosigkeit

Ausgerechnet Freddy und Monika: er, der KZ-Überlebende, der trotzig ein Eisernes Kreuz um den Hals trägt, und sie, die weiße Blues-Sängerin, die ihre mit Freddy gezeugte uneheliche Tochter nicht sehen darf und immer wieder an den engen Geschlechterverhältnissen der Zeit scheitert. Doch Freddys und Monikas Entdecker, der Regisseur Kurt Moser (Ulrich Noethen), kennt sich aus mit reibungslosen Inszenierungen; schon unter den Nazis drehte er Filme mit Titeln wie "Gefreiter Falk", Filme mit einem, wie er selbst sagt, "sittlichen Wert für die Volksgemeinschaft".

Jetzt fabriziert er Heimatgedöns mit Schmachtfaktor nahe der Besinnungslosigkeit, um die Erinnerungen an die Nazi-Zeit vergessen zu machen. Dass nun Freddy, der Holocaust-Überlebende im Selbstzerstörungsmodus, zum Posterboy der Nachkriegs-Illusionsmaschinerie avanciert, ist eine der vielen ungeheuerlichen Wendungen in "Ku'damm 59".

Doch der Dreiteiler ist eben trotz der vielen Pop- und Politikzitate kein authentischer Nachbau von Adenauer-Deutschland. Vielmehr entwickelt er mit den Mitteln des Melodramas ein Make-Believe-Szenario, in denen die Repressions-Tendenzen jener Tage mit dem Wissen um die Emanzipations-Techniken unserer Tage ausgebreitet werden. Douglas Sirk auf den Stand der Gegenwart gebracht.

Von "Babylon Berlin" bis "Ku'damm 59"

Da hat "Ku'damm 59" Ähnlichkeit mit dem gerade Grimme-gekrönten Zwanzigerjahre-Panorama "Babylon Berlin" - das ist ja bei aller Verweisfülle auf Sitten und Moden in der Weimarer Republik kein historisch akkurater Abriss. Es geht dort eher um die Erhöhung einer kollektiven Verfasstheit, inszeniert mit den Techniken und dem Wissen von heute. Diese betonte Gegenwartsperspektive auf die Vergangenheit ist in "Ku'damm" noch deutlicher.

Familie Schöllack in "Ku'damm 59"
ZDF/ Stefan Erhard

Familie Schöllack in "Ku'damm 59"

Regisseur Sven Bohse (hat auch den gefühlsgewittrigen Kieler "Tatort" inszeniert) und Autorin Annette Hess (Schöpferin von "Weissensee") haben schon die erste "Ku'damm"-Staffel erschaffen. Hier legen sie in Sachen Verdichtung und Überhöhung noch einige Schippen drauf. Manchmal ringen sie den seelisch Versehrten in ihrem bonbonbunten Fünfzigerjahre-Knast allerdings so viele Selbstermächtigungskämpfe ab, dass sie sich darin verzetteln.

Etwa bei der Figur des Freddy: Dass dessen Bewältigung des Holocaust-Traumas - er verlor in Auschwitz seinen Bruder - parallel zur Bewältigung sexistischer Strukturen durch die weibliche Hauptfigur Monika gesetzt wird, ist problematisch. Da verwischt der singuläre Charakter des Menschheitsverbrechen.

Aber eine solche Vereinfachung mag der Preis für ein hochverdichtetes Zeitstück sein, das den Antisemitismus und den Sexismus im Nachkriegsdeutschland einem jungen Zielpublikum sehr nahe zu bringen versteht.

Eine erzählstrategische Risikoabwägung - die auch unverblümte Hinweise auf die Gegenwart möglich macht: Als der Nazifilmregisseur Moser übergriffig gegenüber seiner Schauspielerin wird, hat die Serie gar ihren Dieter-Wedel-Moment. Eine schöne Fügung, dass das in der Wedel-Thematisierung doch insgesamt eher bescheiden agierende ZDF ausgerechnet in ein Zeitgeschichtsstück über verdrängte Schuld und weibliche Befreiung diesen Verweis einbaut.


"Ku'damm 59": Sonntag, Montag, Mittwoch, jeweils 20.15 Uhr, ZDF. Alle Teile sind ab Sonntag auch in der ZDF-Mediathek abrufbar. Schon jetzt stehen die drei Teile der ersten "Ku'damm"-Staffel in der Mediathek.



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Bondurant 15.03.2018
1. Vielleicht
öffnet das Etwa bei der Figur des Freddy: Dass dessen Bewältigung des Holocaust-Traumas - er verlor in Auschwitz seinen Bruder - parallel zur Bewältigung sexistischer Strukturen durch die weibliche Hauptfigur Monika gesetzt wird, ist problematisch. Da verwischt der singuläre Charakter des Menschheitsverbrechen. ja dem einen oder der anderen mal die Augen: Die Wichtigkeit, die das Individuum Umständen des eigenen Lebens beimißt, steht nicht unbedingt in genauer Entsprechung zu deren gleichsam objektiven historischen und mentalitätsgeschichtlichen Bedeutung - so ist das im Leben und es wäre gut, das zu wissen, weil man sonst an seiner Umgebung (ver-)zweifeln könnte.
otto b. 15.03.2018
2. Namenkorrektur
Der Kumpel Freddy wird von Trystan Pütter, nicht Trystan Prüfer, dargestellt.
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