TV-Kultserie "Der Tatortreiniger": Der letzte Dreck

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Irritiert Sie die Überschrift da oben? Tja, am liebsten würden die Macher vom "Tatortreiniger" ihre grandiose TV-Serie genauso nennen. Wenn sie denn dürften. Jetzt gibt es drei neue Folgen um den Wisch-und-weg-Philosophen Schotty. Große Fernsehkunst im Kleinformat.

"Der Tatortreiniger": Der Wisch-und-weg-Philosoph Fotos
NDR

Der letzte macht den Dreck weg. In diesem Fall ist das Heiko "Schotty" Schotte, der mit Schnauzer, Künstlerzöpfchen und breitem Hamburgisch jedem sofort klarmacht: Mich schockt gar nichts. Schotty übernimmt, wenn alle anderen fort sind. Die Ermittler zurück an ihren Schreibtischen, die Leichen im Leichenschauhaus, die Hinterbliebenen geflüchtet aus den Mordhäusern. Dann schrubbt Schotty weg, was vom Menschen nach einer Bluttat eben so übrig bleibt. Versprengte Knorpel, zersplitterte Knochen, rote Lachen. Den letzten Dreck eben. Ein einsamer Job, ein stolzer Job.

Die Serie "Der Tatortreiniger" führt ein ähnlich stolzes Schattendasein wie ihr Held. Wenn all die echten oder vermeintlichen TV-Hits abgespult sind, wenn die ARD endlich all ihre Produktionsleichen ins Programm entsorgt hat, wenn eigentlich nur noch Wiederholungen laufen, dann schlägt Schottys große Stunde. Im Nachtprogramm des Ersten. Oder beim Neujahrskater im Dritten.

Nein, diese Sendung hatte es nie leicht. Zwar ließ sich der NDR dazu hinreißen, beim "Stromberg"-Regisseur Arne Feldhusen das ungewöhnliche Projekt mit Ein-Mann-Ensemble Bjarne Mädel in Auftrag zu geben - die Entwicklung und Ausstrahlung indes zog sich. Dann kam die Sache ins Rollen: Auf Ausstrahlungen zu nachtschlafender Zeit folgten euphorische Zuschauerreaktionen, später wurden sämtliche relevanten Fernsehpreise abgeräumt, bei den Kauf-DVDs schlugen die Fans zu wie bei einem leckeren Leichenschmaus.

Hose runter, Rede halten

Nach den vier Folgen der ersten "Staffel" gab der NDR also drei weitere in Auftrag, die jetzt im Dritten gesendet werden. Mittwoch ab 22.00 Uhr laufen zwei neue Episoden, Donnerstag eine neue und eine alte. Der Titel ist immer noch der gleiche. Eigentlich hatten die "Tatortreiniger"-Schöpfer gehofft, "Der letzte Dreck" durchsetzen zu können. Aber der Titel hat sich inzwischen so gut etabliert, dass es riskant gewesen wäre, nicht mit ihm zu arbeiten.

Andererseits mutet man dem Zuschauer mit dem "Tatortreiniger" mehr an Ironie zu, als im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gängig ist. In den drei neuen Episoden (Drehbuch: Mizzi Meyer) unter anderem: Eine Unterhaltung über den Sinn des Lebens, die ein entlaufener, gar nicht mal unsympathischer Axtmörder mit Schotty führt, während er auf der Toilette sitzt und erfolglos gegen seine Verstopfungen andrückt. Ein Pop-Sternchen, das vor den pittoresk an der Wand klebenden körperlichen Überresten ihres Freundes um ein bisschen Privatfernseh-Publicity buhlt. Eine Diskussion über die vermeintliche Überlegenheit der deutschen Rasse, die Schotty vor blutbesprenkelter Hitler-Büste mit einem Burschenschaftler durchstehen muss.

Gerade letztere Episode - die den schönen Titel "Schottys Kampf" trägt und um die man in der Redaktion hart ringen musste - zeigt, wie viel Musik noch in dem "Tatortreiniger"-Konzept ist. Regisseur Feldhusen weitet hier das Kabinettstückchen in Richtung Kammerspiel-Action aus und stellt verrückte Dinge mit der Kamera an, während Autorin Meyer den Dialog für ein großes Debattierstück öffnet. Ja, darf man überhaupt mit einem Nazi reden? Wenn man über ein solch stabiles Weltbild verfügt wie der Wisch-und-weg-Philosoph Schotty - allemal! Rote Pfützen, brauner Sumpf, der kriegt am Ende alles saubergeputzt.

In der Nazi-Episode zeigt sich auch, dass der Tatortreiniger keineswegs eine skurrile Nullnummer ist. Schottys Argumentationsgeschick ist frappierend. Während der Held das eine oder andere Gehirn vom Teppich spachtelt, zeigt er auch immer wieder, wofür so ein Gehirn gut sein kann. Es geht hier nicht nur um letzten Dreck, sondern auch um letzte Wahrheiten. Stoizismus und Sophismus, Phlegma und Eloquenz, das alles passt bei Schotty ganz gut zusammen.

Jetzt muss es nur noch mit der Programmierung besser laufen. Doch der Fall "Tatortreiniger" bleibt schwierig. Gerade wurden noch einmal Einzel-Episoden in Auftrag gegeben. Ganze zwei Stück. Bleibt zu hoffen, dass die nicht erst zum Jahresanfangskater 2014 gezeigt werden.


"Der Tatortreiniger", Mittwoch und Donnerstag, jeweils 22 Uhr, NDR.

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Für kranke Gemüter
medoc 02.01.2013
Schon merkwürdig welche Anziehungskraft Pathologie hat, auch wenn intellektuell aufgebrezelt.
2. Das Beste vom Norden ;-)
torstenschäfer 02.01.2013
Eine großartige Serie, die der NDR da - aus welchen Gründen auch immer - nicht verhindern konnte. Was vor allem junge Zuschauer mögen, wird natürlich prompt ins Nachtprogramm verbannt, da so etwas ja die Hauptquote (Ü70) stören könnte. Tip des Tages im NDR: Die besten Witze von A bis Z. Einen Witz haben die dabei bestimmt vergessen: das ist der, wie man es anstellt, dass bloß kein junger Mensch mehr das eigene Programm schaut - und gleichzeitig ALLE Bürger zahlen müssen. Der größte Gegner der Öffentlich-Rechtlichen sitzt im eigenen Haus.
3. Och Joh!
Dr. Fuzzi 02.01.2013
Zitat von medocSchon merkwürdig welche Anziehungskraft Pathologie hat, auch wenn intellektuell aufgebrezelt.
Sie haben diese Sendung wohl noch nie gesehen. Es dreht sich um einen Mitarbeiter einer Reinigungsfirma, der sauber machen soll und dabei in skurrile Situationen mit anderen Anwesenden gerät. Das hat rein gar nichts mit Pathologie zu tun!
4. Wir lieben ihn!!!
ijf 02.01.2013
Ich (48) hab ihn vor einem Jahr im Nachtprogramm entdeckt und aufgenommen. Wenig spaeter kugelte sich meine Mom (68) vor Lachen vorm TV und noch ein wenig spaetererzaehlte mir mein Sohn(27), ich muesse mir unbedingt diese geniale Mini-Serie reinziehen :) Ich habe mir vorsorglich ne Serien-Dauerprogrammierung eingerichtet, damit der NDR mir mit seinen seltenen naechtlichen Ausstrahlungen nur ja nicht "entkommt"... Bjarne Mädel ist der genialste Komedian der deutschen TV-Unterhaltung, Suchtfaktor 100%! Ich frage mich, wie diese Serie im Ausland aufgenommen wuerde...
5. der letzte dreck
a.f 02.01.2013
diese serie ist tatsächlich der letzte dreck. der regisseur scheint keine ahnung von inszenierung zu haben. er überläßt hier das feld komplett seinen teilweisen guten teilweise schlechten schauspielern. wirkt insgesamt wie schnell hingerotzt und ohne liebe. ich kann keinem emfpehlen diese hudelige und flache fernsehware zu schauen oder gar zu kaufen.
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