Schöner fernsehen

Kuppel-Show "Traumfrau gesucht" Klatschklatsch Schenkelchen, wir sinken!

RTL II

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Kaffeemaschinen als Liebesgaben und "Titanic"-Kitsch auf dem Ausflugsdampfer: In "Traumfrau gesucht" marodieren bindungsgierige Männer in dieser Staffel durch Osteuropa. Man würde beim Zusehen gerne lachen, doch die Trashtragik geht tief.

Der Frühling hat den eigenen Menschenhass ganz flaumig weich gemacht, im Ohr haben sich die schönen Liedzeilen "Sie irren, wenn sie glauben / dass man die Welt vom Müll befreien muss" (vom neuen Tocotronic-Album) festgeschmiegt - optimale Konsumbedingung für den Staffelauftakt von "Traumfrau gesucht", der Schwervermittelbaren-Doku auf RTL2, in der diverse Männer auf so genannte "Frauenjagd" gehen. Könnte man denken, und sollte sich irren.

Denn anders als die meisten bizarren TV-Verpaarungen der letzten Monate - splitternackt zum ersten Date, Blitzheirat sofort beim ersten Treffen - ist hier kein von extra-crazy Fernseh-Designern in Form gesponnener Unsinn zu sehen, von dem alle Beteiligten im Grunde natürlich wissen, dass sie hier gerade bei einem ganz großen Kokolores mitmachen. "Traumfrau gesucht" ist trauriger Trash, weil zu befürchten ist, dass einige Mitwirkende die ganze zynische Veranstaltung schauderhaft ernst nehmen. Und tatsächlich die Dinge denken, die sie dabei zum Besten geben.

"Sie ist einfach eine Frau, und ich suche eine Frau", sagt Manfred, 46, der sich zu einem Kurzurlaub mit Sofia aus Moskau trifft. Die beiden sind sich nach mehreren Treffen schon weitgehend handelseinig, auch Sofia findet den Deal okay: Sie mag ihn, denn "er sieht gut aus und ist erfolgreich, was eine Frau braucht." Walther (55), Dennis (26) und Elvis (31) sind noch nicht so weit, sie suchen nach erfolgloser vorheriger Staffel immer noch die Frau fürs Leben - und zwar nun, mit fortgeschrittenem Erfolgsdruck, in Rumänien, Polen, Lettland, auf Mallorca und in den USA.

Klempner mit Lebenspartnerschafts-Serviervorschlägen

Flankiert werden sie bei ihrer Suche von professionellen Partnervermittlerinnen, die eher wie pragmatische Klempner wirken, die Brechstange im Anschlag, die Augen resigniert mit Edding umrandet. Mit Metzgershundmiene sitzen sie bei den ersten Treffen der Männer mit ihren Lebenspartnerschafts-Serviervorschlägen dabei, um den ungelenken Suchenden bremsend in die Zügel zu greifen, bevor schon gleich beim ersten Treffen sämtliche Gäule durchgehen. Dass diese Vorsichtsmaßnahme nicht übertrieben sind, zeigen Walthers aufmunternde Worte, die er vor seinem ersten Date im Hotelzimmer an sich selbst richtet: "Klatschklatsch Schenkelchen / Opa wünscht sich Enkelchen" - und an seine traurige Pensionsmatratze: "auf gutes Gelingen!"

Wäre das nicht schon deprimierend genug, leidet Walther überdies auch noch an "Schenksucht", wie es seine Vermittlerin nennt: Schon zur ersten Verabredung in einer Eisdiele hat er seiner möglichen Partnerin eine Kaffeemaschine als Präsent mitgebracht, denn: "Für mich ist Kaffee sehr wichtig." Schon in der vergangenen Staffel wollte er das identische Exemplar "mit Waltherissimo-Geschmack" an die Frau bringen, von einer regelrechten Kaffeemaschinenverschenkefixierung kann man bei ihm sprechen, die ein bisschen an die schöne Sendung "Total normal" von Hape Kerkeling erinnert, in der er Gästen und Passanten gern unmotiviert Mitropa-Kaffeemaschinen aufdrängte. Immerhin eine kurze heitere Erinnerung zwischendurch, denn schon geht es bei der Balz in Rumänien tragisch weiter: Walther füttert die ihm Zugeführte mit Speiseeis und freut sich dabei über deren Zutraulichkeit, als habe er einen flügellahmen Kanarienvogel vor sich. Dennoch muss er am Ende der Verabredung gestehen, sich leider nicht verliebt zu haben. Seiner Kandidatin ist die heiße Erleichterung anzusehen, zufrieden geht sie mit ihrer Kaffemaschine ihrer Wege.

Traumfrau statt Gebrauchtwagen

Bei bizarren Genderforschungssendungen wie dem "Bachelor" kann man über die verqueren Rollenvorstellungen der Akteure lachen, weil sie in ihrer unwirklich-überkandidelten Inszenierung die Hoffnung am Leben halten, dass diese Menschen ohne Kamera und Showtreppe vielleicht doch weniger knallbirningen Unsinn denken. Bei Walther und seinem Traumfrau-gesucht-Co-Kandidaten Dennis, der seine Beschnupperungsfrau unverhohlen betrachtet wie einen Gebrauchtwagen ("jetzt nicht so die Mega-Rakete") muss man befürchten, dass er es genau so meint, wenn er sagt: "Ich suche nicht die Schönste der Welt, sondern die, die aus meiner Welt die Schönste macht." Aufgewacht und mitgedacht im Jahr 2015, möchte man ihm da gerne zubrüllen, doch da steht er schon mit ihr an der Spitze des traurigen polnischen Ausflugsdampfers und spielt die Titanic-Pose nach. "Maybe we'll sink", sagt die Frau. Eine Szene, trauriger als der ganze dazugehörige Schmonzfilm.

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.



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sman1983 28.04.2015
spinneangel 28.04.2015
troy_mcclure 28.04.2015
basimir 28.04.2015
gardinchen 28.04.2015
winki 28.04.2015
Das Grauen 28.04.2015
Außenstehender Beobachter 28.04.2015
hsr131064 28.04.2015
jamguy 28.04.2015
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Supraman 03.05.2015

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