Kiesinger-Doku in der ARD: Mehr Autorität wagen

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Der Altnazi, der in Bonn regierte: Das Porträt "Kurt Georg Kiesinger - Der vergessene Kanzler" zeigt einen der umstrittensten Politiker der Bundesrepublik - und scheitert: verharmlosende Interviews und entlarvende Originalaufnahmen passen nicht zusammen. Ein Armutszeugnis für die ARD.

Kurt Georg Kiesinger: Altnazi im Kanzleramt Fotos
SWR

Wollte man die Geschichte der Bundesrepublik in wenigen symbolischen Szenen erzählen - dieser Augenblick gehörte dazu: Im November 1968 betritt eine junge Frau scheinbar beiläufig das Podium des CDU-Parteitags. Sie nähert sich dem dort sitzenden Kurt Georg Kiesinger. Beobachtet von Fernsehkameras holt sie aus, versetzt Kiesinger, der als CDU-Vorsitzender und Kanzler der Bundesrepublik auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen ist, eine Ohrfeige. Kurz danach wird die 29-Jährige - ihr Name: Beate Klarsfeld - ihre Tat begründen. Sie habe Kiesinger diese Ohrfeige "im Namen von Millionen von Opfern, die im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen sind", gegeben.

Kurt Georg Kiesinger (1904-1988) war nicht nur schon kurz nach Hitlers Machtergreifung 1933 NSDAP-Mitglied, als Blockwart zudem Parteifunktionär, stellvertretender Abteilungsleiter im NS-Außenministerium Ribbentrops - er war auch der einzige Kanzler der Bundesrepublik mit Nazi-Vergangenheit. Und zugleich der mit der kürzesten Amtszeit aller bundesdeutschen Regierungschefs. In der Ohrfeige für ihn verdichtete sich die Empörung über die personelle Kontinuität zwischen Nationalsozialismus und junger Bundesrepublik ebenso wie der späte Bruch mit der Nazi-Vergangenheit, der sich 1968 vollzog.

Unter dem Titel "Kurt Georg Kiesinger - Der vergessene Kanzler" zeigt die ARD nun ein Porträt des Mannes, der als Chef der ersten bundesdeutschen Großen Koalition von 1966 bis 1969 in Bonn regierte.

Geboren wurde Kiesinger auf der Schwäbischen Alb. Ein früherer Lehrer erinnert sich in einem historischen Schwarzweiß-Einspielfilm in breitem Dialekt daran, dass er dem Schüler Kurt Georg, als der einmal zu frech geworden sei, "eine Anständige geschmiert habe". Noch eine Ohrfeige also. Aus diesem Hinweis auf Kiesingers Aufwachsen in einem autoritär geprägten Milieu allerdings schlägt der Film ebenso wenig Kapital wie aus einer Vielzahl anderer Szenen, die zeigen, wie Kiesinger - wohl typisch für seine Generation - selbst im autoritären Denken verwurzelt war.

Die Frau "muckt auf"

Kiesingers Erziehungsmethoden, von denen seine Kinder im Film berichten, sind Paradebeispiel für die Strenge der vierziger und fünfziger Jahre. Wenn der Sohn bei Tisch aufmuckt, wird er aufs Zimmer geschickt; wenn die Tochter zu spät von einem Rendezvous nach Hause kommt, lauert ihr der Vater im Morgenmantel auf. Als die Ehefrau - Kiesinger ist bereits Ministerpräsident von Baden-Württemberg - Fahrstunden nimmt, kommentiert er leutselig-patriarchalisch vor laufender Kamera: Sie habe aufgemuckt, nun müsse er mitfahren, um das Schlimmste zu verhindern. Und das Paar tuckert im VW-Käfer davon.

Eine Vielzahl entlarvender Bilder - die Filmemacher Ingo Helm ungenutzt lässt, wenn er, als handele es sich beim Porträtierten um irgendeinen Dorfbürgermeister, in den Interviewsequenzen großteils Weggefährten Kiesingers oder von dessen Familie zu Wort kommen lässt.

Zu maximaler Einseitigkeit führt diese Methode, als lediglich Hans Buchheim, CDU-Mitglied und Mitarbeiter Kiesingers im Bonner Kanzleramt, eine Aussage des Philosophen Karl Jaspers kommentieren darf. Jaspers, einer der angesehensten westdeutschen Intellektuellen der Nachkriegszeit, hatte sich 1966 empört, die Tatsache, dass "ein alter Nationalsozialist an der Spitze" des Staates stehe, sei ein Affront dem Ausland gegenüber und eine Beleidigung all jener, die Widerstand gegen die NS-Diktatur geleistet haben.

"Visage vorzeigen"

Buchheim wischt das beiseite: Jaspers habe überhaupt kein politisches Urteilsvermögen gehabt. In der Einblendung seines Namens wird er in diesem Moment ganz neutral als "Historiker" geführt. Ein Hinweis darauf, dass Buchheim in seinem Urteil befangen ist, unterbleibt. Zu den Umständen von Kiesingers NS-Parteieintritt kommt lediglich dessen Sohn Peter mit der begütigenden Einschätzung zu Wort, sein Vater sei der Meinung gewesen, die "Ungereimtheiten in der NSDAP würden sich abschleifen".

Derartige Verharmlosungsmanöver mögen in der Nachkriegszeit üblich gewesen sein. Dass ein ARD-Film sie 2012 durchgehen lässt, ist unverständlich. Auch Kiesingers Biograf, der Augsburger Historiker Philipp Gassert, kann wenig Erhellendes beitragen. Außer Egon Bahr und Helmut Kohl (in einer kurzen Archivaufnahme) kann Regisseur Helms keine namhaften Zeitzeugen aufbieten. Interviewpartner, die Kiesinger mit dem der Bewertung einer Kanzlerschaft angemessenen intellektuellen Niveau einordnen könnten, fehlen ganz.

Das bremst auch eine mögliche Neubewertung dieses angeblich "vergessenen Kanzlers". Was war, jenseits der Tatsache, dass er sich in der Großen Koalition um Ausgleich zwischen CDU/CSU und SPD bemühte, sein historisches Verdienst?

Die Stärke des Films sind seine Bilder. In denen allerdings zeigt sich Kiesinger immer wieder als Erbe autoritärer Traditionen: "Je mehr ich Geschrei dieser Art höre", entfährt es ihm 1968 beim Anblick demonstrierender Studenten, "desto deutlicher wird mir, wie notwendig es ist, in unserem Lande für Ordnung zu sorgen." Im Wahlkampf 1969 meint er gar, die Gesinnung von Zwischenrufern an der Physiognomie ablesen zu können: "Visage vorzeigen, damit man schon an den Visagen sehen kann, was es für Typen sind."

Genützt hat ihm dieser indirekte verbale Rekurs auf Klischees, wie sie auch in der NS-Rassenlehre eine Rolle spielten, letztlich wenig. Im September 1969 verlieren Kurt Georg Kiesinger und die CDU die Macht denkbar knapp an Willy Brandt. Eine neue Epoche beginnt.

Seine Niederlage, so meinte Kiesinger später, habe er der NPD zu verdanken - die holte 4,3 Prozent. Die Stimmen, die Kiesinger fehlten.


"Kurt Georg Kiesinger - Der vergessene Kanzler", Montag, 23.30 Uhr, ARD

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