Schöner fernsehen

ARD-Film über Kurt Landauer Der Meister des FC Bayern

BR

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Er war der Verein: Kurt Landauer führte den FC Bayern als Präsident zu seiner ersten Meisterschaft - und baute ihn, als verfolgter Jude, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Ein ARD-Film erzählt jetzt seine fast vergessene Geschichte.

Das berührendste Bild, ganz am Ende, gehört der "Schickeria". Die letzten Sekunden von "Landauer - Der Präsident" zeigen die Bayern-München-Ultras in der Südkurve, die zu Ehren ihres frühen Vereinschefs den ganzen Unterrang mit einem Banner zudecken. Ein überdimensionales Bild von Kurt Landauer, dazu die Zeilen: "Der FC Bayern und ich gehören nun einmal zusammen und sind untrennbar miteinander verbunden."

Kein für den Film inszeniertes Spektakel, eine echte Choreografie vor einem Bundesligaspiel im Februar. Erzählte Geschichte dockt an erlebte Gegenwart - ein angemessen pathetisches Ende für diesen Ausflug in die Frühgeschichte eines Fußballvereins, dessen Geschichte eben nicht erst mit Beckenbauer, Hoeneß und Rummenigge begann.

Tatsächlich war es eine Choreografie wie diese, die überhaupt den Anstoß gab, die Geschichte dieses Bayern-Präsidenten zu erzählen - lange war sie irgendwo in den Erinnerungsspeichern der Vereinsgeschichte verschütt gegangen, zugerümpelt worden. Zu Kurt Landauers 125. Geburtstag hatten Bayern-Fans im Oktober 2009 im Stadion ein Giganto-Banner entrollt, dazu riesige Spruchbänder: "Der FC Bayern war sein Leben - nichts und niemand konnte das ändern!" - so wurde der Bayerische Rundfunk auf den verdrängten Frühfunktionär aufmerksam.

Als Präsident führte Landauer den Verein 1932 zu seiner ersten deutschen Meisterschaft. Den Ball dafür ließ er eigens aus dem Leder einer oberbayerischen Kuh beulen, damals war im Fußball noch Platz für solch hübsche Folklorismen. Weil er Jude war, wurde er 1933 von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager Dachau verschleppt, nach zwei Monaten wieder entlassen. Ihm glückte die Flucht in die Schweiz, von Genf kehrte er 1947 zurück ins zerbombte München.

Der "schlaue Jud"

Hier setzt die Filmhandlung ein, sie begleitet einen Mann mit gezügeltem Grimm, der nur widerstrebend die alte Heimat betritt, um dort auf sein Visum und die Schiffspassage nach New York zu warten - denn er will weg, einfach nur weg aus dem Land, in dem die Nazis drei seiner Geschwister umgebracht haben. Josef Bierbichler spielt den bedachten, verletzten Landauer mit sorgfältig dosierten Emotionen - im feinen Gegensatz zur oft leider allzu gefühlsschwanger aufbrausenden Filmmusik, dem einzigen störenden Element in dieser gut komponierten Inszenierung, denn ein schwarz-weißer Gang durch Ruinen wirkt auch ohne düsteres Säge-Cello.

Als Landauer sieht, dass mit der Stadt auch sein geliebter Verein in Trümmern liegt, versucht er, ihn wieder aufzubauen. Ganz unmittelbar symbolisch damit, den Bombenschutt vom Fußballfeld zu räumen. Aber auch mit Plädoyers für mehr Weltoffenheit und Internationalität sowie praktischen, politisch-diplomatischen Manövern, denn eigentlich wollen die US-amerikanischen Besatzer keine Vereinsgründungen lizenzieren. Landauer schreckt auch vor einem Zweckbündnis mit den gehassliebten Lokalrivalen, den "Sechzgern" nicht zurück - seine kleinen Scharmützel mit 1860-Präsident Radschuweit (Eisi Gulp) gehören zu den schönsten Szenen des Films. Kleinere historische Ungenauigkeiten - nicht Landauer, sondern Nachkriegspräsident Franz Xaver Heilmannseder musste 1945 für 48 Stunden einsitzen, weil er seine Bayern ohne Lizenz gegen Wacker München antreten ließ - sind da zu verschmerzen.

Dass mit dem Krieg keineswegs auch der Hass endete, zeigen andere Charaktere in unterschiedlicher Dosierung - es gibt nicht den einen, bösen, plakativen Nazi. Da ist der SS-Mann, Vater eines jungen Fußballtalents, der aus russischer Gefangenschaft heimkehrt und weiter seine Dumpftiraden spuckt. Doch genauso der tägliche, als Arglosigkeit schlecht verbrämte Antisemitismus, mit dem Spieler ihren Präsidenten für seine Gefuchstheit in Gelddingen loben, den "schlauen Jud'". Die gruselig selbstverständlichen Beschimpfungen der Kinder untereinander, die mit dem Hass aufgewachsen sind. Landauer ringt: Soll er trotzdem bleiben, den geliebten Fußball wieder ins Rollen bringen? Bei einem fidelen Trainingsausflug aufs Land spricht er schließlich aus, was die ganze Zeit in der Luft hing: "Aber wenn einer von denen den Pauli umgebracht hat oder die Gabriele?"

"Andauerndes schlechtes Gewissen"

Der Fußball gewinnt, vier Jahre lang führt Landauer den FC Bayern noch einmal als Präsident, danach verliert sich seine Geschichte in der Vereinsfolklore. "Im besten Fall bist du unser andauerndes schlechtes Gewissen", hatte Trainer Conny Heidkamp seinem hadernden Ex-Präsidenten zu bedenken gegeben, "und im schlimmsten eben auch." Karl-Heinz Rummenigge, heute Vorstandsvorsitzender des Clubs, berichtete bei einem Besuch der Dreharbeiten, dass in seiner Zeit als Spieler zwischen 1974 und 1984 im Verein nie von Landauer gesprochen worden sei. "Landauer - der Präsident" soll das nun umso nachdrücklicher ändern: Nach der Ausstrahlung des Spielfilms zeigt der BR um 22 Uhr die Doku "Landauer - gefeiert, verbannt, vergessen" mit anschließender Talkrunde. Auf www.br.de steht außerdem eine App zum Download bereit, mit der man in München den "LandauerWalk" entlang der wichtigsten Lebensstationen spazieren kann.

"Landauer - der Präsident", Das Erste, Mittwoch, 15. Oktober, 20.15 Uhr.

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.

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9 Leserkommentare
Ihr5spieltjetzt4gegen2 14.10.2014
slade 14.10.2014
sylkeheimlich 14.10.2014
Herr_Ärmel 14.10.2014
dany r. 14.10.2014
metalslug 15.10.2014
C. V. Neuves 15.10.2014
Discordius 15.10.2014
phiasko76 16.10.2014

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