Lampedusa-Debatte bei Plasberg "Schön Safari in Südafrika, was?"

Plasbergs "Hart aber fair" verhandelte das Schiffsunglück vor Lampedusa. Es war eine sehr emotional geführte Debatte. "Wir können nicht ganz Afrika aufnehmen", erklärte der konservative Schweizer Roger Köppel. Er machte sich an diesem Abend keine Freunde.

WDR

Wenn's brenzlig wird und die Runde aus dem Ruder zu laufen droht, kommt Frank Plasberg immer ohne Eile hinter seinem Stehpult hervor, stützt sich auf den Tisch des betreffenden Gastes und geht so, von Angesicht zu Angesicht, in den Nahkampf. Das zweifelhafte Vergnügen dieser Sonderbehandlung wurde am Montag nur Roger Köppel von der stramm konservativen Schweizer "Weltwoche" zuteil. Der war gerade ein "rechter Schmierfink" genannt worden und versuchte in buchstäblich letzter Sekunde, den Anwurf zu parieren, als ihm plötzlich Plasberg ins Auge sah: "Sie sind ja zu Gast in Deutschland. Und wissen Sie, was die Deutschen besonders gut können? Pünktlich sein."

Dem war eine teilweise sehr emotional geführte Debatte vorausgegangen, in der Köppel als einziger Teilnehmer aufreizend kühl geblieben war. Unter dem in mehrfacher Hinsicht irreführenden Titel "Tragödie am Strand - etwas Besseres als den Tod bieten wir nicht?" ging es um das Schiffsunglück vor Lampedusa. Fast 200 Leichen wurden inzwischen aus der See und alleine vom Oberdeck des Kutters geborgen, der 50 Meter tief vor der italienischen Insel auf dem Meeresboden liegt. Im Unterdeck war noch kein Taucher, erwartet werden rund 300 Tote. Afrikanische Flüchtlinge, ertrunken auf dem Weg nach Europa. Was tun? Köppel plädierte dafür, den "Schleppern" das "Geschäft" so "unattraktiv wie möglich" zu machen, also die Verzweifelten abzuweisen oder abzuschieben, denn: "Wir können nicht ganz Afrika aufnehmen!" Was eine vernünftige Haltung wäre, drängte denn tatsächlich "ganz Afrika" nach Europa.

Nun schmückt sich dieses politische Gebilde namens Europa nicht nur mit dem Friedensnobelpreis, sondern auch mit einer Agentur zur Überwachung ihrer Außengrenzen. Frontex verfügt über ein jährliches Budget von 85 Millionen Euro, die unter anderem für Drohnen, Roboter, Nachtsichtgeräte und Drohnenroboter mit Nachtsichtgeräten ausgegeben werden. Das Mittelmeer, heißt es, sei deshalb eines der am besten überwachten Seegebiete der Welt. Wo war Frontex, als am frühen Morgen in Sichtweite der Küste das überladene Boot der Flüchtlinge kenterte?

"Ausfluss einer europäischen Politik"

Ein Stichwort für Elmar Brok, Europa-Abgeordneter der CDU. Der Politiker zeigte vor allem auf die Italiener, die seien überfordert, die hätten das nicht im Griff da unten und überdies viel zu drakonische Gesetze - nach denen selbst Fischer, die zu Hilfe eilen, dafür verklagt werden können. Das mag Elias Bierdel, langjähriger ARD-Reporter und ehemaliger Vorsitzender der Hilfsorganisation Cap Anamur, so nicht stehen lassen. Die Lage an den Grenzen sei "Ausfluss einer europäischen Politik. Wäre das aus europäischer Sicht nicht erwünscht, würde das nicht passieren".

Bierdel verwies auch auf die subventionierten EU-Agrarprodukte, mit denen die Märkte in Afrika geflutet werden, während sich Europa gegen afrikanische Produkte abschottet - von den furchtbaren Fischereiabkommen ganz zu schweigen, die mauretanische Fischer in den Hunger und somalische Fischer in die Piraterie treiben. Worauf Brok wiederum auf "die Spanier" zeigte, die an solchen Abkommen sehr interessiert seien, und Bierdel beharrte, solche Dinge müssten doch in Brüssel entschieden werden. So trottete die Diskussion eine Weile trist im Kreis herum.

Wolfgang Niedecken von BAP, engagiert in Afrika, belebte die Runde mit der grundsätzlicheren Einschätzung, dass "uns" ganz offenbar schwarze Menschenleben schlicht weniger Wert seien als weiße. Man denke nur an die Gründlichkeit und Ausdauer, mit der über die Havarie des Urlaubsdampfers "Costa Concordia" - ebenfalls vor einer italienischen Insel - berichtet wurde. Niedecken äußerte ferner den frommen Wunsch, die Menschen mögen nicht umsonst gestorben sein, ihr Schicksal werde als "Fukushima der Flüchtlingspolitik" einen Wendepunkt markieren. Diese Politik sieht in Form einer EU-Verordnung derzeit noch so aus, dass ein Flüchtling sich nur in dem Land um Asyl bewerben kann, das er als erstes betreten hat.

Köppel will nicht als Südafrikatourist vorgeführt werden

Khadra Sufi, einst aus Somalia geflohene Diplomatentochter und Botschafterin der UN-Flüchtlingshilfe, erklärte strengere Gesetze für sinnlos. Das Elend in Afrika sei bisweilen so hart, "da kommen die Leute trotzdem". Es sollte für einen so reichen Weltwinkel wie Europa "ein Privileg sein zu geben". Köppel würdigte Sufis "bewegendes", wenn auch privilegiertes "Einzelschicksal", um flugs "die Masse" mit ihren teilweise kriminellen Elementen zum eigentlichen Problem zu erklären. Hier griff Plasberg tadelnd ein: "300 Einzelschicksale sind der Grund für diese Sendung."

Wovor also fliehen diese Menschen? Hier konnte wiederum Köppel seinem Ekel vor korrupten Regimen und verfehlter Entwicklungspolitik in Afrika nur kurz freien Lauf lassen. Er äußerte auch den nicht ganz abwegigen Gedanken, die "dortigen Regierungen" seien für das Wohl ihrer Bürger verantwortlich. Dann aber fragte Niedecken: "Waren Sie mal im nördlichen Uganda, im Ostkongo?" Köppel, überrumpelt, murmelte vage Zustimmendes, weshalb Khadra Sufi ihn von der Seite bespöttelte: "Schön Safari in Südafrika, was?" Köppel wies bebend auf seine Ehefrau hin, die "als Boatpeople" aus Vietnam gekommen sei. Im Übrigen verbitte er sich, "hier als Südafrikatourist vorgeführt" zu werden.

Wohin fliehen diese Leute? Ins Paradies

Im Einzelgespräch befragte Plasberg den Journalisten Jenke von Wilmsdorff, der zusammen mit einem Kameramann einmal eine Fahrt von Tunesien nach Lampedusa mitgemacht hat. Was sind "Schlepper" für Leute? Kriminelle, mit denen man, wie mit der Mafia, nur über Mittelsmänner in Kontakt kommt. Was taugen die Schiffe? Nichts, weil die guten Schiffe längst in Europa sind und in nordafrikanischen Häfen nur noch rostender Schrott ankert. Wohin fliehen diese Leute? Ins Paradies. Er, Wilmsdorff, habe noch Kontakt zu einem Flüchtling, der heute als Küchenhilfe in Paris lebe.

Tatsächlich kam mit der Frage nach der Gastfreundschaft oder Aufnahmebereitschaft von Europa das zentrale Problem der Debatte zum Vorschein. Ein Problem, das die "FAZ" neulich auf den hübschen Punkt brachte, dem "Einwanderungsdruck" gelte es "menschenwürdig standzuhalten". Wie geht sowas? Indem man, wie Brok, eine "faire Verteilung" der Menschen auf die Mitgliedstaaten fordert. Und bittet, das "Maß der Bereitschaft der Bevölkerung" nicht zu überschätzen. Es mag sein, dass dieses Maß vielerorts voll ist. Es mag aber noch mehr sein, dass Politiker vor allem deshalb nicht auf einen wirklich fairen Verteilungsschlüssel für die Asylsuchenden drängen, weil sie dann womöglich nicht mehr gewählt würden.

Sehr erhellend in diesem Zusammenhang war eine Petitesse am Rande, die sich dieser verrückte neue Papst ausgedacht hat. Der nämlich lässt in römischen Klöstern gerade mal nachschauen, ob da nicht Platz für ein paar Flüchtlinge ist. Eine bescheidene, aber womöglich menschliche Geste - über die sich Roger Köppel sehr aufregte. Franziskus unterwandere damit das Rechtssystem. "Ach!", merkte Bierdel auf: "Menschlichkeit unterwandert also das System?"

Und genau so könnte es sein.

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