Larry Kings letzte Sendung Vom Giganten zum Zwerg

Eine Abschiedsshow wie ein Begräbnis: Der legendäre CNN-Talker Larry King absolvierte am Donnerstag seine letzte Sendung, nach einem halben Jahrhundert im Geschäft - doch die Lobeshymnen auf ihn wirkten gekünstelt, der Moderator selbst geistesabwesend. Zuletzt kämpfte er mit den Tränen.

Getty Images

Von , New York


Die Abschiedsendung war so, wie sich die Show in den Jahren ihrer Endphase hingezogen hatte: eine Melange aus Rührung und Peinlichkeit, Schmalz und Schmeichelei, Halbprominenz und hoher Politik. US-Präsident Barack Obama verlas einen höflichen Gruß an den "Giganten der Fernsehgeschichte". Donald Trump bestaunte seinen Mangel an Gebrechlichkeit: "Der sieht ja gut aus." Tony Bennett krähte schräg: "The best is yet to come."

Dazwischen hockte er, auffallend schweigsam, fast geistesabwesend, kein Gigant, ein Zwerg eher: Am Donnerstagabend präsidierte Larry King, 77, über seine allerletzte CNN-Talkshow. Es war eine auffallend betrübliche Veranstaltung, voller gekünstelter Lobeshymnen und erkennbarer Bitternis.

"Ich bin wie du", beteuerte Ex-Präsident Bill Clinton (zum 29. Mal dabei), per Satellit zugeschaltet. "Ich muss immer weiter arbeiten. Es bewahrt mich vor dem Grab." Es waren die enthüllendsten Worte dieser Stunde.

In der Tat fühlte es sich wie eine Grablegung an, was da aus dem CNN-Studio in Hollywood übertragen wurde. "Warum haben wir eine so lange Verzögerung?", nörgelte King, als die Schaltung zu Clinton bockte. Damit hätte er auch seinen eigenen Ausstand meinen können.

Nach mehr als einem halben Jahrhundert im Plaudergeschäft, 50.000 Interviews und fast 7000 Shows allein für CNN "hängte er seine Hosenträger an den Nagel", wie es sein Sender formulierte, in hoffentlich letztmaliger Bemühung dieser überstrapazierten Metapher. "Es ist", hatte King selbst gesagt, "an der Zeit."

Das dachten sich viele schon lange. CNN-Rivale MSNBC bedankte sich zwar per Anzeige in "USA Today" für "alles, was du fürs Kabelfernsehen getan hast", und Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger rief den "Larry King Day" aus, was King mit "Grüße an die Gattin" quittierte. Doch die "Los Angeles Times" würdigte ihn lieber, indem sie Videos seiner peinlichsten Momente ins Web stellte.

Nuschelnd und notorisch unvorbereitet

In der Tat war sein Goodbye nicht ganz freiwillig. King war ein Relikt aus Zeiten, da es kein Internet gab und Frank Sinatra die Hitparaden stürmte. Seine Interviews waren zuletzt bizarr, die Quoten minimal. King selbst schien körperlich so zu schrumpfen wie sein Publikum, das sich im letzten Jahr mehr als halbierte. Sein Absturz symbolisierte die Dauerkrise beim US-Flaggschiff von CNN.

Jetzt soll ihn dort der Brite Piers Morgan beerben, worüber viele den Kopf schütteln. Allen voran Nachwuchs-Talker Ryan Seacrest, den King persönlich eigentlich viel lieber zu seinem Nachfolger ernannt hätte, wenn er nur gefragt worden wäre. Wenigstens durfte Seacrest die Abschiedsshow co-moderieren.

Zur Feier des Tages trug King rote Hosenträger zu rotem Schlips. "Dies ist nicht Larrys Beerdigung", mühte sich der Satiriker Bill Maher, einer seiner Lieblingsgäste, zu versichern. "Dies ist das Ende einer Show, nicht das Ende eines Mannes."

Das Adieu war noch mal ein typischer Sprint durchs kunterbunte King-Königreich. Network-Kollegen machten artig ihre Aufwartung: Katie Couric (sagte ein Gedicht auf), Diane Sawyer ("Wir sind deine Pips, Gladys"), Barbara Walters ("Ich bin seit 21 Jahren auf Sendung"). Sie alle regieren selbst nur noch über schrumpfende Nachrichten-Imperien, denen die Zuschauer flöten gehen.

NBC-Newsanchor Brian Williams lobte zwar, Kings Talk-Tisch sei "Amerikas Beichtstuhl" gewesen. Doch King war stets notorisch unvorbereitet, er nuschelte, verwechselte Namen und Notizen und brachte selbst sanfte Gemüter wie den Komiker Jerry Seinfeld zur Rage: "Weißt du überhaupt, wer ich bin?"

Den Beatle Ringo Starr sprach er einmal als "George" an. Den Regisseur Roman Polanski beschuldigte er, seine Frau Sharon Tate umgebracht zu haben. Die Schönheitsfee Carrie Prejean war nicht die Einzige, die in all diesen Jahren aus dem Studio stürmte. Auch WikiLeaks-Gründer Julian Assange grunzte neulich irritiert: "Vielleicht wäre es besser, ich gehe."

Über die Zielgerade geschlurft

Thomas Beatie, den ersten schwangeren Mann, fragte King verwirrt: "Sie können keinen normalen Geschlechtsverkehr haben?" Von Marlon Brando ließ er sich auf die Lippen küssen. Und unvergessen die monatelange Arie, mit der er selbst die geschmacklosesten Ecken des O.J.-Simpson-Mordfalls fröhlich ausleuchtete.

Anderen stellte King seine Show als Bühne für ihr Ego zur Verfügung. Die Chanteuse Celine Dion schaffte es, nach dem Hurrikan "Katrina" bei ihm in Tränen, Lachen, Geschrei und Gesang auszubrechen (alles in nur eineinhalb Minuten). TV-Predigerin Tammy Faye Bakker Messner gab ihm 2007 ihr letztes Interview, maskenhaft geschminkt und zum Skelett abgemagert - einen Tag vor ihrem Krebstod.

Kings Abschiedswochen waren ein letztes Aufbäumen, ein letzter Versuch mit Stars "Nachrichten" zu machen: Angelina Jolie, Wesley Snipes, Wynonna und Naomi Judd, Conan O'Brien, Susan Boyle, Barbra Streisand. Die hatte 1963 in ihrem allerersten Radio-Interview zu King gesagt: "Du kennst mich noch nicht, aber eines Tages wirst du mich kennen." Ihre Audienz am Mittwoch verkam zum weichgezeichneten Werbespot für Streisands neues Buch.

So schlurfte er über die Zielgerade. Selbst die finalen Quoten blieben miserabel. "Vielleicht schauen nur die Medien zu?", mutmaßte der Fernsehblog "TV by the Numbers" hämisch.

Dabei hatte King Geschichte geschrieben, erst im Radio und dann seit 25 Jahren für CNN. Mit seinen arglosen Wattefragen lockte er jeden US-Präsidenten vors Mikrofon, von Richard Nixon bis Barack Obama. Hinzu kamen Staatslenker der unterschiedlichsten Couleur (Michail Gorbatschow, Jassir Arafat, Mahmud Ahmadinedschad), Weltstars (Liz Taylor, Madonna, Lady Gaga, die sich als Larry King verkleidete) und natürlich die Skandal-VIPs des Tages (Monica Lewinsky, der Jackson-Clan).

Er brachte 1993 die Rivalen Al Gore und Ross Perot an einen Tisch - und damit rund 20 Millionen US-Zuschauer vor die Bildschirme. Er fragte Nixon unverblümt, ob er jemals im Watergate-Gebäude gewesen sein: "Nein, nicht selber." Er ließ sich von Wladimir Putin nachweinen: "Es gibt nur einen King."

Er war der letzte Star, den CNN noch hatte. "Ich kann mir diesen Ort ohne dich wirklich nicht vorstellen", klagte CNN-Anchorman Anderson Cooper und las ihm einen Brief seines eigenen Vaters vor, der King fast zu Tränen rührte.

Zum Schluss war es mit seiner legendären Fassung vorbei. Flankiert von seiner siebten Ehefrau Shawn und seinen Söhnen Chance, 11, und Cannon, 10, moderierte er sich selbst ab. "Nicht oft in meinem Leben war ich ohne Worte", sagte er mit brüchiger Stimme, mit den Tränen kämpfend. "Ihr werdet mich nicht verschwinden sehen."

Die letzte Einstellung war sein Mikrofon, verwaist.

insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
gunman, 17.12.2010
1. Wer ist Larry KIng?
Zitat von sysopEine*Abschiedsshow wie ein Begräbnis: Der legendäre CNN-Talker Larry King*absolvierte am Donnerstag seine letzte Sendung, nach einem halben Jahrhundert im Geschäft -*doch die Lobesyhymnen auf ihn wirkten gekünstelt, der Moderator*selbst*geistesabwesend. Zuletzt*kämpfte er*mit den Tränen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,735174,00.html
Wie schön. Wer ist Larry King?
bleep! 17.12.2010
2. Schwarz auf weiß
Zitat von gunmanWie schön. Wer ist Larry King?
Na, "der legendäre CNN-Talker Larry King", steht doch da. Wer sind Sie? Steht da nicht... ;0
Zero Thrust 17.12.2010
3. re
Ich frage mich eher, was der Ärmste wohl der SpOn-Redaktion angetan haben dürfte. Man muss ihn ja nun nicht berauschend finden, oder sich auch nur für die Show interessieren - nur, ist dem nicht so, wozu dann noch dieser Artikel? Ein außerordentlich bekanntes, bzw. omnipräsentes Fernsehgesicht (zumindest für CNN-Zuschauer) nahm Abschied - schön, aber ein Zerriss kommt da etwas spät und wirkt obendrein reichlich überflüssig. Habe die Sendung selbstverständlich nicht gesehen, mir aber eben selbst ein paar Ausschnitte nachgereicht und fühle mich nicht mal ungerührt. So selten ich ihn mir auch länger angesehen haben mag, ich kann mich nicht erinnern, diesen Mann überhaupt jemals - authentisch - emotional empfunden zu haben. Dieses Mal scheint er's aber gewesen zu sein. Ach, mit Larry King geht schon ein Kult. Und das ist immer irgendwie schade. Weshalb man das jetzt aber auch gleich mit 'nem gepflegten Abgesang ('da gab es noch kein Internet..') auf das Fernsehen generell vermantschen muss, bleibt mir unverständlich. Zumal hier die amerikanische Version eines amerikanischen Senders "betroffen" ist und wenn das Fernsehen sich in IRGEND einem Land dieser Erde nun wirklich mal *überhaupt* keine Sorgen machen braucht.. dann darf wohl klar sein, wovon die Rede ist. Bevor die von ihren geliebten Fernsehsesseln aufstehen, geschehen noch ganz andere Wunder. Und die Quoten von CNN (ganz zu schweigen von Larry King Live) sind da natürlich kein so besonders vielsagender Indikator... http://www.youtube.com/watch?v=82UzeF095qk Ehre, wem Ehre gebührt. Und bis zum 77. so'n Schrott mit zu machen, das ist aller Ehren wert. Hätte er ja nicht mal nötig gehabt.
Carnival Creation, 17.12.2010
4. .
Zitat von gunmanWie schön. Wer ist Larry King?
Hargh! ja, sagt mir auch nix... aber wenn in Amerika ein Sack Reis umfällt, müssen die Vasallen das berichten, sonst werden sie gleich nochmal befreit...
big_zampano 17.12.2010
5. Ignoranz
Es ist immer ein untrügliches Zeichen von entweder Dummheit oder Ignoranz, zumindest aber enormer Unkreativität, wenn in einem Forenbeitrag die Worte "China" und "Sack Reis" vorkommen oder aber "Wer ist xxx xxx?"...
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