ARD-Film über das Ende einer Liebe Lügen und zärtliche Wahrheiten

Anatomie einer Beziehung, Abwicklung einer Liebe: Der ARD-Film "Bist du glücklich?" mit Laura Tonke und Ronald Zehrfeld erzählt von der Trennung eines Paares. Große Songs inklusive.

HR/ Bettina Müller

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Geschirr und Platten sind schon aufgeteilt, das war einfach. Mit den Freunden ist das ein bisschen schwieriger. Sie sagt mit Blick aufs Handy: "Britta und Tim haben uns zum Essen eingeladen." Er sagt: "Hast du ihnen gesagt, dass es 'uns' nicht mehr gibt?" Sie: "Es sind ja wohl eher deine Freunde, oder?"

Sonja (Laura Tonke) und Marc (Ronald Zehrfeld), beide um die 40 Jahre alt, 13 davon als Paar zusammen, sind inzwischen schon nicht mehr ganz so frisch getrennt. Der stechende Schmerz durch den Betrug des anderen (oder den an sich selbst) ist jener zähen Melancholie gewichen, die sich mit der Erkenntnis einstellt, den anderen wirklich für immer loslassen zu müssen. Das große Auseinanderdividieren: Jetzt gibt es nur noch Deins und Meins.

Und das Wochenendhaus. Das Ersatz-Kind, das heilige Refugium, die Trutzburg gegen alle feindlichen Einflüsse, die im Alltag daran arbeiten, Liebende auseinanderzubringen. Hilft ja nichts, auch die Hütte muss aufgelöst werden. Auf der gemeinsamen Fahrt aufs Land rufen sich Sonja und Marc noch mal jene Momente ins Bewusstsein, die sie zusammengebracht haben. Und die, die sie auseinandergebracht haben.

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Beziehungsdrama "Bist du glücklich?": Das verflixte 13. Jahr

Anatomie einer Beziehung, Abwicklung einer Liebe: David Ungureit (Buch) und Max Zähle (Regie) zeigen in ihrem ARD-Drama "Bist du glücklich?" das Zusammenkommen und den Zerfall eines Paares in ruhigen, sanften Bildern. Die Filmemacher gönnen ihren beiden Liebenden die großen Pop-Momente, die jede Beziehung braucht, um jene zu überstehen, in denen sich Glanz und Gloria zwischenzeitlich mal verabschieden.

Der Salzstreuer wird uns auseinandertreiben

Auf ihrer ersten Fahrt zum Wochenendhaus, die Zukunft leuchtet, vögeln Sonja und Marc bei Regen im Wagen, bis die Fenster beschlagen, während im Autoradio das wonnige "Disco 2000" von Pulp läuft. Als sie später über das Wesen der Liebe philosophieren und woran sie zugrunde gehen kann, dreht sich auf dem Plattenspieler das bittersüße "Someone Like You" von Van Morrison. Als sie sich in der Küche einen ziemlich peinlichen Streit darüber leisten, wo der Salzstreuer hingehört, läuft im Hintergrund eine Easy-Listening-Version des Joy-Division-Songs "Love Will Tear Us Apart". Der Salzstreuer wird uns auseinandertreiben.

In seiner Form erinnert "Bist du glücklich?" zuweilen an jene Art von Popsong-getriebenen Liebes- und Trennungsfilme, wie sie die britische Produktionsfirma Working Title Films über die Neunziger- und die Nullerjahre mit Werken wie "Tatsächlich... Liebe" oder "About a Boy" perfektioniert hat: kein Glücks- oder Unglücksmoment, zu dem es nicht ein passendes Lied gibt; und am besten sollte es, da ist die gehobene Kundschaft berechenbar, eins von Jarvis Cocker oder Van Morrison sein.

Gleichzeitig unterwandern die Filmemacher in den richtigen Momenten allzu einfache Antworten. Szenen werden von ihnen oft mit Sinn für Ambivalenzen aufgelöst, in den schönsten Augenblicken der Vereinigung deutet sich die Möglichkeit der Trennung schon an. Die Lüge wird flankiert von zärtlichen Wahrheiten.

Weshalb die einen durch ihre Unterschiede zusammenwachsen und die anderen durch ihre Unterschiede auseinandergetrieben werden, bleibt auch nach diesem Liebesfilm mit seinen vielen wahren Momenten ein Rätsel.


"Bist du glücklich?", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 9 Beiträge
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.patou 02.01.2019
1.
Als Jarvis-Cocker-Fan und damit Teil der "berechenbaren, gehobenen Kundschaft" möchte ich anmerken, dass der Pulp-Titel "Disco 2000" lautet und nicht "Year 2000". - - - - - Selbstverständlich! Danke, wir haben den Fehler korrigiert! MfG, Redaktion Forum.
henry_org 02.01.2019
2. Warum nicht über gelungene Beziehungen berichten?
Warum ist es für Journalisten und die Filmbranche so interessant, über das Scheitern von Beziehungen zu berichten? Warum nicht über das Gelingen von Familie oder langen Beziehungen. Seit Jahrzehnten führen speziell in unserer Gesellschaft die Geschlechter einen Krieg gegeneinander. Und den auf dem Rücken unserer Kinder. Verachtenswert.
Avagin Ste des infertiles 02.01.2019
3. @henry
Niemand berichtet über das Glück, da das Glück im Banalen wohnt. Im absoluten Trott. Das bemerkt man erst, wenn man aus dem Tritt gekommen ist. Das Glück im Banalen ist das Gelingen. Nicht das Streben nach Extremen. Unterhaltung lebt aber immer von Extremen: in Komödien wie in Tragödien. Daher gibt es auch keine Nachrichten über das Gelingen. Es gibt keine Kunden dafür. Das Glück ist eine Sache der Retrospektive. Der Markt der Biographien lebt davon.
angst+money 02.01.2019
4. @henry
Die heile Bunte-/Gala-Welt ist offensichtlich lediglich ein Meisterwerk der Verdrängung, und wenn man wegen eines Films schon glaubt, zu Vokabeln wie "verachtenswert" greifen zu müssen lässt das tiefer unter die Oberfläche blicken als dieser Film...
d45gts 02.01.2019
5. @henry; @angst+money
Ich denke eher, es ist das klassische Medien-Phänomen: Bad News are good News. Niemand will das Glückliche sehen. Weshalb haben wir, selbst an Weihnachten, dem Fest der Liebe, gefühlt 80 Morde täglich im TV. Mit Alltag der Menschen hat das ja zum Glück nichts zu tun. @angst+money: Nein ich denke nicht, das heile Welt nur auf Verdrängung beruht, im Gegenteil, die Welt wird immer besser. Zumindest wenn man sie real betrachtet. "Soziologe: Fast alles wird immer besser, aber kaum jemand merkt es Weniger Kriege, längere Leben Die Welt ist besser, als wir meinen – man muss sich nur die Daten anschauen. "Es ist nicht alles gut. Aber insgesamt zeigen fast alle Daten: Uns ging es noch nie so gut wie heute", sagt der Marburger Soziologe Martin Schröder." https://www.domradio.de/themen/soziales/2018-12-31/soziologe-fast-alles-wird-immer-besser-aber-kaum-jemand-merkt-es "Die Welt wird immer besser Feedback Der 32-jährige Deutsche Max Roser erforscht in Oxford Ungleichheit. Auf einer Internet-Seite hat er massenhaft Daten veröffentlicht, die verblüffende Erkenntnisse liefern." https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/oekonomen-serie-die-welt-wird-immer-besser-1.3073346 "09.04.2018 · Alles wird immer schlimmer: Diesen Satz hören wir ständig. Und er ist grundfalsch. Der verstorbene schwedische Wissenschaftler Hans Rosling hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den Fortschritt zu loben. Hier kommen 32 gute Botschaften, sein Vermächtnis. " https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/die-welt-wird-immer-besser-32-gute-nachrichten-15524076.html
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