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ARD-Film über türkische Einwanderer: Immer diese spießigen Nachbarn

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ARD-Film "Leberkäseland": Eine türkische Feministin im Ruhrgebiet Fotos
ARD/ Christian Stollwerk

Sie wollte nicht nach Deutschland, sie musste: Der ARD-Film "Leberkäseland" erzählt auf heitere Weise das wahre Schicksal einer türkischen Feministin, die 1962 ihrem Mann ins Ruhrgebiet folgte - und deren Tochter später im Bundestag landen sollte.

"Home is where the heart is", sagt ein englisches Sprichwort. Ihre Themenwoche "Heimat" läutet die ARD mit einer milden Dramödie über eine Türkin ein, deren Herz 1962 eindeutig für Istanbul schlägt.

Latife (Neda Rahmanian) stellt sich selbst als kommunistische Kemalistin vor, die nach der Geburt ihrer drei Töchter gerade die Aufnahmeprüfung für die Universität bestanden hat, als ihr Mann Burhan (Muruthan Muslu) die Zahnarztpraxis seines verstorbenen Vaters übernehmen muss - in Moers am unteren Niederrhein im westlichen Ruhrgebiet.

Dort, in der deutschen Provinz, haben die Leute von Kemal Atatürk noch nichts gehört und wollen vom Kommunismus schon gar nichts wissen. Auf der katholischen Schule verabreicht der Pastor die Prügel noch persönlich, der Platz der Frau ist am Herd. Entsprechend heftig trifft der Kulturschock die kosmopolitische Latife, deren akademische Karriere verabredungswidrig ebenfalls auf Eis liegt.

Nun sitzt sie fest, zwischen Wäschebergen und spießigen Nachbarn im rückständigen Deutschland - einzig die Liebe zu ihrer Familie und der Geschmack von Leberkäse vermag die junge Mutter über ihr Dasein in der Diaspora hinwegzutrösten.

Sittengeschichten der pubertierenden BRD

Nils Willbrandt hat sich für eine sehr werktreue Verfilmung der literarischen Vorlage entschieden. Mit "Tante Semra im Leberkäseland" hat die Psychologin Lale Akgün, die von 2002 bis 2009 für die SPD im Bundestag saß, die Lebensgeschichte ihrer eigenen Mutter niedergeschrieben - und darin die Integration wider Willen als schmerzhaften, letztlich aber doch erfolgreichen Prozess geschildert.

"Leberkäseland" begleitet die Familie in großen Zeitsprüngen durch die Jahrzehnte. Die Epochen werden vorschriftsmäßig dekliniert, von der Isetta über den Käfer bis zum Benz, von Bob Dylan über Pink Floyd bis zu Abba. Aus diesen episodenhaften Alltags- und Sittengeschichten der pubertierenden BRD ergibt sich aber nicht zwangsläufig ein dramaturgischer Bogen. Spannungen erwachsen eher zwischen den Geschlechtern und den Generationen - der Mann muss erkennen, dass er der Frau intellektuell nicht gewachsen ist, die älteste Tochter assimiliert sich für den Geschmack der Mutter ein wenig zu sehr.

Zwar trägt der sympathische Trick bis weit in den Film hinein, Moers in den Augen großbürgerlicher Zuwanderer als niederrheinisches Anatolien erscheinen zu lassen und das angebliche kulturelle Gefälle schlicht umzukehren. So legitim es ist, dem ewigen Klischee vom "Gastarbeiterschicksal" eine authentische und andere Geschichte gegenüberzustellen, so sehr entfernt sich "Leberkäseland" vom Thema der Integration - und wird zu einer "Lindenstraße" aus Zuwandererperspektive, Klischees von den ewigen Klemm-Nazis bis zu den langhaarigen Bombenlegern eingeschlossen.

Die Sprachbarriere einfach beiseite geräumt

Daraus resultieren dramaturgische Schwächen. Wenn selbst die Kinder der Familie schon bei der Ankunft ein geschliffenes Deutsch sprechen, die Sprachhürde also einfach beiseite geräumt ist, warum engagieren die Eltern einen stocksteifen Deutschlehrer - der auch noch seinen "Arm im russischen Schnee gelassen" hat? Ihre kulturelle Verwurzelung in einer modernen Türkei bleibt bloße Behauptung, die überdies auch bald fallen gelassen wird. Über weite Strecken der Erzählung könnten Latifa und Burhan auch Migranten aus Böhmen oder Bayern sein.

Nebenbei handelt "Leberkäseland" aber auch von den Schwierigkeiten einer selbstbewussten Feministin, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, egal wo, und das ist der sehenswertere Aspekt des Films. Was vor allem an Neda Rahmanian liegt, die bisher in Schmonzetten wie "Ostwind" oder "Tatort"-Nebenrollen aufgefallen ist. Ihre Präsenz trägt die Erzählung mühelos auch über Durststrecken hinweg.

"Leberkäseland", Montag, 5. Oktober, 20.15 Uhr, ARD

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