"Lehrer am Limit" bei Beckmann: Oh, wie gut hat's Singapur

Von Christoph Twickel

Moderator Reinhold Beckmann: "Lehrer am Limit"? Zur Großansicht
DPA

Moderator Reinhold Beckmann: "Lehrer am Limit"?

Sind unsere Pädagogen überfordert? Bei Reinhold Beckmann diskutierten Bildungsexperten über die "Panorama"-Reportage "Lehrer am Limit". Sie machten die Defizite im deutschen Schulsystem aus, waren ratlos bei den Lösungen und blickten neidvoll nach Schweden, Finnland und Singapur.

Es war eine Kuschelrunde zu einem sehr unkuscheligen Thema. Richtig viel Streit mochte nicht aufkommen in der Runde, die Reinhold Beckmann am späten Donnerstagabend zum Thema überforderte Lehrer talken ließ. Da war zwar der Lehrer und Jurist Günther Hoegg, der ein Buch mit dem markigen Titel "Gute Lehrer müssen führen" geschrieben hat. Aber so richtig markig mochte er dann doch nicht werden angesichts der Komplexität des Problems.

Anlass der Sendung? "Panorama"-Moderatorin Anja Reschke, die auch in der Runde saß, hatte sich für ein paar Wochen als Co-Lehrerin an eine Stadtteilschule gewagt. Was sie dort erlebt hatte, konnten die Zuschauer eine Stunde vor Talkbeginn in der "Panorama"-Reportage "Lehrer am Limit" begutachten: 22 zappelige Zwölfjährige - davon sechs Inklusionskinder mit amtlich diagnostizierten Lernschwierigkeiten -, die sich von einem Haufen halbverzweifelter, aber durchaus engagierter Lehrerinnen durch einen Unterrichtsstoff quälen lassen, der den meisten erheblich zu hoch ist.

Dazu ein sehr liebenswürdiger und offensichtlich auch hochmotivierter Schuldirektor. "Hinter jedem dieser Schüler verbergen sich persönliche Fragestellungen und Probleme", sagt der zum Beispiel. "Der größte Teil von denen kriegt ja hier ihre Abschlüsse, aber die sind qualitativ offensichtlich nicht so, dass sie auf dem Arbeitsmarkt bestehen können."

Fotostrecke

8  Bilder
Halbwahrheiten rund um die Schule: Lehrer sind faul, Klassen sind groß
Kay Stöck heißt der Direktor der Wilhelmsburger Schule - und auch in der Talkrunde bei Beckmann macht er eine sympathisch-unbeugsame Figur. Ein Ermittlungsverfahren muss er über sich ergehen lassen, weil er scheinbar gegen eine Direktive der zuständigen Schulbehörde den NDR-Dreh zugelassen hat. "Schule ist wie der Vatikan - ein Closed Shop", sagt er. Dabei müsse die Öffentlichkeit doch sehen, was in den Schulen vor sich gehe.

"Mein zartbitteres Lehrerleben"

Nicht um Helikopter-Eltern aus den besseren Vierteln ging es bei Beckmann, sondern um Familien, in denen "die Kinder die Einzigen sind, die einen geregelten Tagesablauf haben", wie Betül Durmaz diagnostizierte, die an einer Gelsenkirchener Förderschule unterrichtet und auch ein Buch mit einem markigen, wenn auch weniger instruktiven Titel geschrieben hat: "Döner, Machos und Migranten. Mein zartbitteres Lehrerleben".

Aber markig, wie gesagt, mochte sich bei Beckmann keiner präsentieren. Einfache Wahrheiten über Menschen mit Migrationshintergrund oder bildungsferne Unterschichtler? Kamen den versammelten Bildungsexperten erfreulicherweise nicht über die Lippen. Der vom Moderator als Parteigänger der Disziplin angekündigte Hoegg bekam zwar die Gelegenheit, das in seinen Büchern propagierte Sanktionssystem aus Gelber und Roter Karte zu erwähnen. Doch Bildungsexperte Andreas Schleicher nahm ihm ein wenig den Wind aus den Segeln: "Es gibt wenige Schulsysteme, wo es so viele Sanktionsmöglichkeiten gibt wie in Deutschland", referierte der Mann, der für die OECD die Pisa-Studien koordiniert.

Bei Beckmann führte er uns in die Traumländer der vollentwickelten Beschulung: Finnland! Schweden! "In Skandinavien gibt es Klassen mit zwölf Schülern, die doppelt besetzt sind, bei uns muss ein Lehrer allein mit 18 Schülern klarkommen", sagte Durmaz. Ausgerechnet von Singapur konnte Schleicher berichten, dass dort der Unterricht praktisch täglich mitgefilmt und zur Verbesserung der Pädagogik evaluiert wird. Glücklicher Tigerstaat!

Ratlosigkeit in der Runde

Und so was soll im alten Europa, im Land der Dichter und Denker nicht möglich sein? "Wenn Sie einen Supermarkt leiten, bei dem 30 von 100 Kunden rausgehen, ohne etwas zu kaufen - dann verändern Sie doch Ihr Angebot. Und genau das ist in Deutschland nicht passiert", erklärte Schleicher, von Beckmann auch zärtlich "Mister Pisa" genannt.

Eine gewisse Ratlosigkeit machte sich breit. Die Ursachen der Misere streifte die Runde eher en passant. "Wir müssen das kompensieren, was im Elternhaus versäumt wird - aber das ist ja alles allgemein bekannt", erklärte Betül Durmaz. Einzig der Förderschullehrerin fiel in der Runde ein, dass man ja auch mal über ungleich verteilte Ressourcen in der Bildungspolitik reden könnte. "Warum gibt es an den schwierigen Standorten keine Diskussion über Personalschlüssel?", fragte sie. "In meiner Schule haben wir keine festen Schulpsychologen, Sozialarbeiter oder Sozialpädagogen. Bei meinem Sohn, der in einem etwas schöneren Stadtteil zur Schule geht, gibt es einen festinstallierten Schulpsychologen."

Zum Schluss kamen mit zwei Schülerinnen einer preisgekrönten Göttinger Gesamtschule noch die Betroffenen eines einigermaßen gelungenen Schulmodells zu Wort. Die Botschaft: Flexibel und mit genügend Lehrpersonal auf die individuellen Schwächen und Stärken der Schüler eingehen, dann klappt's auch mit der Motivation. "In meiner alten Hauptschule hatte ich immer nur überforderte Lehrer, da hatte ich nie das Gefühl, ernst genommen zu werden", so die Schülerin Linda Onwuegbuzie.

Bildungspolitiker saßen übrigens nicht in der Runde. Hatte Beckmann keine eingeladen? Oder wollten sie nicht kommen, weil man sich mit Forderungen nach einer bildungspolitischen Umverteilung in Richtung der Schwächeren ohnehin bloß eine blutige Nase holt? Allzu frisch ist die Erinnerung an die Hamburger Schulreform, die ein bisschen mehr Chancengleichheit durchsetzen wollte und von einer Bürgerlobby via Volksentscheid abgewürgt wurde.

Heute gibt es in Hamburg zwar keine Haupt- und Realschulen mehr. Aber der Abstand zwischen den besseren Früchtchen, die auf das Gymnasium dürfen, und den anderen, die sich in Stadtteilschulen wie der in der "Panorama"-Reportage porträtierten durchhangeln müssen, dürfte für die nächsten 10 bis 15 Jahre gewahrt sein. So schnell wagt sich kein Politiker mehr an eine Reform, die eine Schule für alle zum Ziel hat.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 235 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
GrinderFX 23.08.2013
Die Lehrer sollen sich mal nicht so anstellen! Das Problem bei den Lehrern ist nämlich, dass sie nahezu alle noch nie in einem richtigen Beruf gearbeitet haben. Denn die, die Quererinsteiger sind, die kennen das. Für die ist der Job Lehrer Erholung. Ich verstehe wirklich nicht, was an einer 19 Stunden Woche mit 200+ freien Tagen im Jahr so schlimm sein soll. Der normale Arbeiter arbeitet 45 - 70 Stunden die Woche, hat außer seinen 24- 30 Tagen Urlaub nicht frei und ist auch nicht ständig krank, da er ja seinen Job verlieren könnte. Dazu natürlich meist noch zu einem geringeren Gehalt als der Lehrer. Ich kenn wirklich beide Seiten und kann nicht verstehen, wie man nals Lehrer rumheulen kann, weil man einen Tag in der Woche mal 8 Stunden arbeiten musste, dabei dann aber den rest der Woche frei hat. Jeder normale Mensch arbeitet 8+ Stunden pro Tag, JEDEN TAG!
2. Die Schule ist wie meine Autowerkstatt ...
mottasvizzera 23.08.2013
Zitat von sysopDPASind unsere Pädagogen überfordert? Bei Reinhold Beckmann diskutierten Bildungsexperten über die "Panorama"-Reportage "Lehrer am Limit". Sie machten die Defizite im deutschen Schulsystem aus, waren ratlos bei den Lösungen und blickten neidvoll nach Schweden, Finnland und Singapur. http://www.spiegel.de/kultur/tv/lehrer-am-limit-bei-beckmann-kuschelrunde-mit-paedagogen-a-918128.html
Die meisten glauben mehr zu verstehen als das Fachpersonal ...
3. Einwurf
Polyprion 23.08.2013
weshalb versuchen die "Fachleute" hier seit `68 das Rad neu zu erfinden? Sicherlich gibt es eine veränderte Gesellschaft mit verändertem Berufsleben und (teilweise besseren) Ansichten, jedoch ist das Land voll mit unselbstständigen jungen Leuten, die sich mit schlechten Abschlüssen durchs Abi und die Uni hangeln und mit 30 dem Arbeitsmarkt noch immer nicht zur Verfügung stehen. Die Rundum-Wohlfühlbetreuung kann, wie man sieht, im Einzelfall eine "Erfolgsgeschichte" sein, aber eben nur temporär. Ob sich der Erfolg beim Einzelnen später fortsetzt ist gänzlich unerforscht und unbewiesen. Hingegen sicher ist, daß es in der Vergangenheit eine große und weltweit anerkannte deutsche Erfolgsgeschichte gab, das war noch mit dem "alten" Schulsystem.
4. optional
Aguilar 23.08.2013
„Eine Schule für alle“ ist wohl auch kaum das richtige Konzept. Es erscheint ebenso abwegig wie „Chancengleichheit“, ein Ausdruck der bedauerlicherweise noch immer vorkommt anstelle von Chancengerechtigkeit. Jeder Mensch hat seine eigenen Stärken und Schwächen und dabei sollte es auch bleiben. Im Übrigen wird übersehen, daß die nordischen Länder eine weitgehend gefestigte Lebensweise haben, bei der sie sich nicht von anderen Gastkulturen hineinreden lassen. Integration wird dort wirklich betrieben. Was Singapur betrifft, so herrscht dort eine friedliche, kulturelle Vielfalt die aber auch einerseits durch eine teilweise an Diktatur erinnernde Sanktionspolitik, andererseits aber auch gesunde Wirtschaftspolitik in einem konservativen Umfeld erhalten wird. Dies führt dazu, daß Lehrer nicht die Zusatzaufgabe haben, Produkte elterlichen Versagens erziehen zu müssen.
5. Die Hölle auf Erden
bartsimpsen 23.08.2013
Seit gestern Abend weiß ich, dass es die Hölle auf Erden gibt. Erst haben sie uns die Kleinen Racker in der Schule gezeigt und dann als Sahnehäubchen obendrauf die Sendung bei Beckmann. Geworben wurde nebenbei für die neue Zauberformel ''Inklusion''. Adieu, Deutschland!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Televisionen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 235 Kommentare