Leo Kirchs Vermächtnis Das Imperium schrumpft zurück

Für Medienwächter war Leo Kirchs Senderreich ein Alptraum: meinungsmächtig, stetig wachsend, undurchsichtig. Die neuen Eigentümer wissen dagegen bis heute nicht viel mit dem ProSiebenSat.1-Konzern anzufangen - außer ihn teilweise abzuwickeln und alte Ideen aufzuwärmen.

Von Peer Schader


Wenn die Zeitungen früher darüber berichteten, wem die Medien gehören, erinnerte das häufig an Nachrichten aus dem Märchenland: Stets gab es einen mächtigen "Medienmogul", der sich ein "Imperium" aufbaute, das er irgendwann einmal seinem "Kronprinzen" vermachen würde, bevor es ihm ein "Schreckgespenst" aus dem Ausland entreißt.

Als Schreckgespenst wurde Leo Kirch selten tituliert. Zu fürchten brauchte man sein Kommen nicht - er war ja schon da. Und die Geisterrolle überließ er lieber seinem Kontrahenten Rupert Murdoch, der von Übersee auf den deutschen Medienmarkt schielte, um ihn irgendwann endlich für sich zu erobern. Bis heute ist daraus nichts geworden, und derzeit hat Murdoch andere Sorgen.

Für die Presse war Kirch nur selten zu sprechen. Als sein Kronprinz Dieter Hahn den SPIEGEL vor neun Jahren - kurz vor dem Zusammenbruch des Imperiums namens Kirch Media - zum Interview in München empfing, platzte Leo Kirch mitten im Gespräch mit einem freundlichen "Grüß Gott" herein, um sich für ein paar Fragen mit an den Tisch zu setzen. In der Medienbranche galt das als Sensation.

Fotostrecke

10  Bilder
Leo Kirch: Vom Medienzar zum Pleitier
Diese Rolle hat er über Jahre glänzend erfüllt: Stets wurde nur über ihn geschrieben, so gut wie nie hat er selbst gesprochen. Er galt als öffentlichkeitsscheu. Und als gerissen. Es kursierten Anekdoten, Geschichten über seinen Gesundheitszustand, natürlich auch über den nächsten Schachzug. Und plötzlich saß er da, die Pleite schon im Nacken, und antwortete auf die Frage, was ihn antreibe: "Mich leitete kein Größenwahn, sondern die Idee, maximales Eigentum zu erwerben, um Maximales zu bewegen."

Scheu und gerissen

Vielleicht war es kein Zufall, dass er damals schon die Vergangenheitsform bemühte. Sechs Wochen später meldete Kirch Media Insolvenz an.

Selbst wenn er nie gefürchtet war: Als Bedrohung galt Kirch denen, die sich die Meinungsmacht seiner Medien ausmalten, immer. Allein schon, weil man ihm über Jahre dabei zusehen konnte, wie er sich einen Medienkonzern aus TV-Sendern, Produktionsfirmen und einer unüberschaubaren Bibliothek aus Spielfilm- und Sportrechten aufbaute, immer größer, immer mehr.

Die Medienregulierer brachte so viel Einfluss an den Rand des Herzinfarkts. Dennoch konnten sie kaum etwas dagegen unternehmen - nicht als Kirch sich Deutschlands ersten Privatsender Sat.1 einverleibte, nicht als sein Sohn Thomas ProSieben übernahm. Und auch nicht, als Kirch sich im Jahr 2000 den Traum einer ganzen Sendergruppe erfüllte, indem er Sat.1 und ProSieben zusammenführte - obwohl sich die Teams der beiden höchst unterschiedlichen Sender ganz und gar nicht grün waren.

Diese Gruppe ist es auch, die sich jetzt nach Kirchs Tod am ehesten als sein Vermächtnis bezeichnen lässt. "Bitter" wäre es, sagte Kirch vor neun Jahren dem SPIEGEL, wenn es wirklich zur Insolvenz käme.

Diese bittere Erfahrung ist ihm nicht erspart geblieben - vor allem, weil es ausgerechnet die Finanzinvestoren KKR und Permira waren, die nach der Übernahme der Gruppe vor viereinhalb Jahren ProSiebenSat.1 zu einem europäischen Medienkonzern ausgebaut haben. Damit haben sie das zu Ende gebracht, was auch Kirch als Maximalziel hätte formulieren können.

Die neuen Eigentümer setzten durch, dass Sat.1 von Berlin nach München umziehen musste, sie haben die Senderstrukturen fast völlig aufgelöst, so dass heute die Programme für alle Kanäle von ein und demselben Team erstellt werden. Und sie haben die Gruppe tatsächlich im europäischen Ausland verankert - wenn auch mit der fatalen Konsequenz, dass ProSiebenSat.1 nun unter der enormen Schuldenlast ächzt, die mit dem Kauf der skandinavischen SBS Broadcasting Group verbunden ist.

Sender auf Sinnsuche

Derzeit versucht man sich am Unternehmenssitz in München an der Konsolidierung: Der noch zu Kirch-Zeiten gegründete Nachrichtensender N24 ist verkauft worden; gerade wurde der Call-in-Sender 9Live beerdigt, der nur noch als leere Hülle durchs Kabel geistert; auch ein Teil der Auslandssender wurde wieder verkauft.

Nur die Probleme, mit denen die Sender schon in den neunziger Jahren kämpften, sind die gleichen geblieben. ProSieben erzielt zwar solide Einschaltquoten, eignet sich aber mit seinem jungen, vornehmlich männlichen Publikum kaum als echter RTL-Konkurrent. Schwestersender Sat.1 ist auch im dritten Jahrzehnt nach seiner Gründung noch auf Sinnsuche und kommt nicht richtig in Fahrt: Anstatt eigene Trends zu setzen, werden Konkurrenten kopiert oder, wie in den vergangenen beiden Jahren, Konzepte aus den Neunzigern zurückgeholt ("ran", "Die Wochenshow", "Harald Schmidt Show"). Lediglich dem zur Mediengruppe gehörenden Sender Kabel 1 ist eine nennenswerte Entwicklung gelungen.

Dass KKR und Permira ProSiebenSat.1 gerne wieder verkaufen würden und bloß noch darauf warten, dass der Wert der Aktie wieder steigt, ist ein offenes Geheimnis. Mogule sind derzeit aber keine mehr in Sicht, um Kirchs Vermächtnis fortzuführen. Murdoch? Der hat wegen des von seinen Zeitungen in Großbritannien verursachten Abhörskandals alle Hände voll zu tun, seinen Ruf zu retten. Die Zeiten der Medienimperien aus dem Märchenland sind vorbei.

Das zeichnete sich schon ab, als ProSiebenSat.1 nach Kirchs Abtritt zunächst an den amerikanischen Medienunternehmer Haim Saban ging. Anders als Kirch hatte der keine wirkliche Vision für die Gruppe, außer sie möglichst gewinnbringend wieder zu verkaufen (obwohl er stets das Gegenteil behauptete). Saban liebte den großen Auftritt, und die Journalisten liebten ihn zunächst für seine markigen Sprüche. All das war bloß Schauspiel - unterhaltsam, aber schnell wieder vergessen.

Nach dem SPIEGEL-Gespräch mit Kirch im Februar 2002 ging vor allem ein Zitat durch die Zeitungen, mit dem sich Kirch auf sein mögliches Scheitern bezog. Es lautete: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen."

Für sein Lebenswerk mag das zutreffen. Seinen Ruf als Märchen-Medienmogul aber wird Leo Kirch auf ewig behalten.

insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Redigel 14.07.2011
1. Dr.
"Für Medienwächter war Leo Kirchs Senderreich ein Alptraum: meinungsmächtig, stetig wachsend, undurchsichtig." trifft auch alles auf die BILD (Springer-Verlag) zu und wo sind diese Medienwächter hier? Gibts die überhaupt oder sind das tatsächlich unsichtbare, geruchlose Wesen, die nix bewegen können?
kck 14.07.2011
2. Auf- und Abstieg wie im Märchen
Der Auf- und Abstieg erinnert mich an das Märchen vom "Fischer un sin Fru". Kirch erkannte nicht seinen Zenit, sonnte sich nicht in seinem Glück und in Zufriedenheit, statt dessen führte seine Unersättlichkeit ihn dahin, wo er herkam.
Wolf_68, 14.07.2011
3.
Zitat von sysopFür Medienwächter war Leo Kirchs Senderreich ein Alptraum: meinungsmächtig, stetig wachsend, undurchsichtig. Die neuen Eigentümer wissen*dagegen bis heute*nicht viel mit dem ProSiebenSat.1-Konzern anzufangen - außer ihn teilweise abzuwickeln und alte Ideen aufzuwärmen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,774489,00.html
Ist hier die ARD und das ZDF gemeint?
montaxx 14.07.2011
4. ......
Zitat von kckDer Auf- und Abstieg erinnert mich an das Märchen vom "Fischer un sin Fru". Kirch erkannte nicht seinen Zenit, sonnte sich nicht in seinem Glück und in Zufriedenheit, statt dessen führte seine Unersättlichkeit ihn dahin, wo er herkam.
Arm starb Kirch aber nicht;er war wohl nur noch mehrhundertfacher Millionär statt (wie früher) Milliardär.An sich ist Leo Kirch ja ein wirklich bewundernswerter Aufstieg gelungen.Er hatte ein riesiges Film/TV-Imperium zusammengebastelt.Einzig die Tatsache,dass er es mit der Wahrheit nicht so genau nahm (er stritt bekanntlich ständig ab,dass ihm diese oder jene Produktionsfirma gehört;anfangs ging er gerichtlich gegen diejenigen vor,die behaupteten,Sat1 und Pro Sieben gehörten ihm bzw. seinem Sohn),mag man dem angeblich so strenggläubigen Katholiken übelnehmen.Das passt nicht gerade zu einem frommen Mann,der er angeblich war.Ebensowenig hätte er dann konsequenterweise viele Produktionen nicht in seinem riesigen Archiv lagern dürfen (Gewaltfilme etwa oder jene unsäglichen "Schulmädchenreport"-Klamotten). Lassen wir ihn aber,wie jeden Verstorbenen,in Frieden ruhen.
Martin_Heidegger 14.07.2011
5. Besitz
Sein besitz wird auf 200 Millionen Euro geschaetzt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.