"Let's Dance" "Guck mal, ich hab Beine mit!"

Mit einer noch nie gehörten Begrüßungsfloskel startet "Let's Dance" in die zehnte Staffel. Neben dem üblichen Holzwoll-Personal gibt es diesmal zumindest zwei spannende Teilnehmer.

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Ein bisschen fühlt man sich, wenn Fantasie und Schnapspralinen reichen, in der Auftaktsendung von "Let's Dance" traditionell selbst wie auf einer Tanzfläche. Auf einer heillos überfüllten, auf der einem abwechselnd Lahmifanten die eigene Walzbahn blockieren und Streberheber einem bei ihren ausladenden Wuchtefiguren die Damenbeine um die Ohren schwenken.

Zwölf Tanzpaaren und zwölf Juryurteilen (eigentlich sogar 13, Bastiaan Ragas fiel wegen einer Blinddarm-OP aus) hintereinander zuzuschauen, das ist auch bei grundsätzlicher Sympathie für diese Show wirklich sehr zermürbend.

Das Schöne an "Let's Dance" ist, dass es immer kleine Rand-Arabesken gibt, mit denen man sich zwischendurch bei Laune halten kann - verlässlicherweise kann man sich mindestens mit Betrachtungen über Jorge Gonzales' Outfit eine ganze Weile beschäftigen. Stammen seine weiß gebleichten Haare von unsachgemäßem Wohnungsweißeln oder doch einem missglückten Dachs-Cosplay? Vor allem sein transparenter Anzug mit Gedömsel darauf war rätselhaft. Wie den flamboyant ausstaffierten Juroren stellt man sich vage eine tragende Figur in den "Tribute von Panem"-Filmen vor, wenn man noch keinen einzigen davon gesehen hat.

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"Let's Dance": Du bist mir ja ein Kawusi!

Wippeknie in laminierter Hochzeitsschwindler-Hose

Das prominente Teilnehmerfeld weist derweil auch in diesem Jahr wieder ein paar klassische "Let's Dance"-Chargen auf, beispielsweise "Die Boxerin" und "Die Kickergefährtin mit angetäuschtem Beruf". Anders als bei den desolaten Auftritten von Regina Halmich und Cathy Hummels schlagen sich die aktuellen Besetzungen aber ausgezeichnet: Boxweltmeisterin Susi Kentikian zeigte tolle Wirbelbeine, und man verzieh ihr direkt die nervigen Hallo-ich-bin-Boxerin-Einlagen, die ungute Erinnerungen an Icke Häßlers Pokalpantomimen weckten. Auch Götze-Freundin Ann-Kathrin Brömmel walzerte absolut passabel.

Günstig, denn man brauchte all das spärliche, nach vielen harten Fernsehabenden nur noch in Bröseln vorhandene Mitleid für die Protagonisten solcher Sendungen komplett für den Moderator Jörg Draeger, mit 71 Jahren ältester Teilnehmer sämtlicher Staffeln. Es dauerte einen, wie er mit Wippeknien herumtapste, angetan mit einer laminierten Hochzeitsschwindler-Hose, die vom eigentlichen, kriminellen Geschehen ablenken sollte.

Dann gab es natürlich wie immer noch die Stopfmasse, jene weitgehend egalen Holzwoll-Kandidaten, die lediglich zur dramaturgischen Auspolsterung um die Favoriten und Opfer dienen. Zum Beispiel Maximilian Arland, Chiara Ohoven oder Angelina Kirsch. Bei Giovanni Zarrella, dem für den verletzungsbedingt verhinderten Pietro Lombardi eingesprungenen Alleswegmoderierer, hätte man statt seines Cha-Cha-Chas lieber noch einmal die sagenhaft beknackte Choreo seiner früheren Castingband Bro'sis aus dem "Do you"-Video von 2002 gesehen, mit dieser ulkigen Stelle, bei der es so aussieht, als hämmerten alle gleichzeitig mit flacher Hand und vollster Blasendringlichkeit an die Türe einer besetzten Toilette.

Schlachtung eines Schmachtfetzens

Die Tänze dieses Holzwoll-Personals vergisst man direkt wieder, weil sie doch eher fade waren. Oder, weil einen die immer noch teilweise recht bedenklichen Gesänge der Studioband irritierten. Die krähige Darbietung von "Bed of Roses" war nicht weniger als eine Schlachtung des beliebten Schmachtfetzens. Fans des Formats sollten langsam wirklich über eine Crowdfunding-Aktion nachdenken, um dem klammen RTL die Rechte für die Originalversionen der betanzten Lieder zu finanzieren.

Zwei wirklich interessante Teilnehmer gab es noch, die aus den sattsam bekannten Charakteren herausstachen: Einmal Comedian Faisal Kawusi, dem Joachim Llambi wegen seines nicht TV-Norm-gerechten Körpers verbieten wollte zu hopsen, um eine Bodenbebung zu vermeiden. Despektierlich, klar. Aber wahnsinnig entwaffnend, wie Kawusi damit umgeht, wie er im Training mit der großartigen Oana Nechiti ganze Länderumrisse in sein Leibchen schwitzt, inspirieren will - und dabei tänzerisch mit Gummihüfte und sichtbar unbändigem Spaß ein schönes Gegengewicht setzt. Und anschließend im Gespräch mit der seltsam beklöppelten Sylvie Meis noch ein schönes Witzchen anbringt: "Du bist sexy. Aber meine Oma will ihre Tischdecke wiederhaben." Seinen Namen sollte man sich merken, alleine schon, weil er so schön als neue Fachbezeichnung für schlitzohrige Launemenschen dienen kann: "Du bist mir vielleicht ein Kawusi!"

Der zweite Tänzer, der angenehm aus dem Rahmen fällt, war der mehrfache Paralympics-Goldmedaillist Heinrich Popow, der zeigt, was mit einer Prothese alles möglich ist. "Guck mal, ich hab Beine mit", sagt er im Training zu seiner Profitänzerin Kathrin Menzinger - besser kann man Zuschauer mit möglichen Berührungsängsten nicht in sein Boot holen. Seine künftigen Leistungen in der Show sind tatsächlich interessant, weil es für ihn noch keine "Let's Dance"-Blaupause gibt.

So respektabel wie gemeinerweise auch langweilig dagegen war die Leistung von Vanessa Mai, die mit Christian Polac schon in der ersten Sendung einen nahezu perfekten Tanz ablieferte, der durchaus finalwürdig gewesen wäre. 29 Punkte von 30 möglichen, da ist wenig Raum für einen Spannungsbogen. Den hätte es freilich auch für Jörg Draeger nicht gegeben, der gnadenhalber direkt ausschied. Keine Potofskische Durchschleppung dieses Jahr, das ist eine Erleichterung. Jetzt müssen wir nur noch das Crowdfunding wuppen.



insgesamt 14 Beiträge
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diehim 18.03.2017
1. Frau Rützel,...
Ich bin ein Fan. Wieder sehr launig geschrieben. Vielen Dank dafür.
newline 18.03.2017
2. Schnapspralinen
Frau Rützel, müssen wir uns Sorgen machen? Erholen Sie sich bitte mit einem guten Film, Serie oder Buch.
schoenwetterschreiberling 18.03.2017
3. Nicht immer tut es die Konserve
Die Sänger der Band konnten einem wirklich leid tun. "Bed of Roses" in einer Tonart, die eigentlich anhörliche Tenöre in Höhen treibt, die den Hund dazu nötigen, den Raum zu verlassen. Musste es unbedingt die Originaltonart sein?! Warum jedoch keine Originale abgespielt wurden, ist leicht zu beantworten: Das Tempo stimmt nicht! Wer einen Wiener Walzer auf den Klassiker von Aerosmith tanzen müsste, würde bei der ersten Drehung wegen fehlender Schwunghaftigkeit auf dem Hosenboden landen. Eines muss man dennoch anerkennen: Was die Mai in ihrem Chacha bot, war atemberaubend!
whizzzler 18.03.2017
4. Lest Dance ?
Sachen gibt's .
niska 18.03.2017
5.
Bei Frau Mai sah das tatsächlich recht professionell aus. Mindestens Goldkurs im Tanztee. Bei Herrn Dräger eher nach Goldener Preismünze im Vorfeld der Sendung. Der panemesque Zeremonienmeister Joschi blieb leider, ausser bei der geschilderten opulenten Optik, noch weit hinter seinem Potential zurück. Motsi und Motzer Llambi sollten sich auch noch etwas über Holzwolleniveau begeben. Ansonsten ein durchaus launiger Abend.
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