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"Let's Dance": Icke sucht den Beat

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"Let's Dance": Tapse-Tapire und langsame Wanzer Fotos
DPA

Nach vier Stunden hat man sich Blasen geschaut, in Chipsbröseln auf dem Sofa wundgelegen und alles dreht sich wie im Walzerwahn. Herrlich: "Let's dance" hat wieder angefangen.

Dieses sinnlos und eigentlich qualvoll lange Format, an dessen Ende man den Anfang längst wieder vergessen hat. Sich selbst wegverdauendes Fernsehen, hygienisch und nachahmenswert.

Auch in der neunten Staffel funktioniert "Let's Dance" wie einer der dargebotenen Standardtänze: Bekannter Grundschritt, optionale Variation. Die verbindlichen Elemente:

1. Mindestens eine Schmuckdesignerin ist anwesend (dieses Mal Alessandra Meyer-Wölden).

2. Möglichst viele Teilnehmer finden möglichst scheinheilige Schwurbel-Alibis dafür, warum sie plötzlich Herz und Hoppelbeinchen für das Tanzen entdeckt haben.

"Deutschland sucht den Superstar"-Bambi Sarah Lombardi hat "das Ziel, mich selbst zu finden" - nachdem das weder durch DSDS noch ihre Teilnahme an diversen Hausbau- und Gebärschmalz-Dokus komischerweise geklappt hat.

Glitzersteinchendynastienspross (GSDS, bitte nicht verwechseln) Victoria Swarovski möchte den Menschen beweisen, dass sie sich auch selbst etwas hart erarbeiten kann. Ach, die romantischen Marotten der reichen Leute!

Sportmoderator Uli Potofski (der wie die Ruhrpott-Variante von "Let's-Dance"-Veteran Rolfe Schneider aussah) mimt zunächst den sozialpädagogischen Cha-Cha-Charmeur, der trotz oder gerade durch seine Tapse-Tapir-Uneleganz andere Menschen zum Tanzen ermutigen wolle, auch wenn sie es ebenso wenig können wie er. Er räumt aber dann doch - endlich sagt es mal einer - niedere Hopsegründe ein: "Ich krieg einen Haufen Geld dafür!"

3. Amüsante Knalltüten-Outfits.

Damen kriegen, gerade anlässlich romantisch gemeinter Schwelgetänze, bei "Let's Dance" immer noch gerne flatternde Bänder um die Unterarme gebunden, als seien sie ein Fahrzeug in einem dieser Hochzeitsauto-Corsos, die an Wochenenden gerne durch die Dörfer fahren.

Bitte nicht zu Hause mit dem in die Jahre gekommenen Haustier nachbasteln: Die pudelgesäumte Transparenzhose von Profitänzerin Isabel Edvardsson.

Liebgewonnene Knödeltradition ist auch die zum Straffklops geknäuelte Haarpracht ihres Kollegen Massimo Sinato, der wie immer seiner bewährten Frisurendramaturgie zu folgen scheint, die weggeknauselten Locken dann später in der Staffel beim wilden Contemporary-Tanz extrapathetisch öffnen zu können. Man kennt das Prinzip aus romantischen Komödien, bei denen das hässliche Mädchen plötzlich die Brille abnimmt und wunderschön ist.

4. Prominente Menschen werden einem überraschend sympathisch.

Schauspielerin Jana Pallaske ist dieses Mal so eine Anwärterin: Zwar nerven ihre Asia-Dankbarkeitsgesten und ihr dauerndes Hula-Hoop-Gereife ein bisschen, aber dann strahlt sie und streckt sich bei ihrem Cha-Cha-Cha mit Knödel-Sinato so toll und wirkt dabei so aufrichtig froh, dass man das harte Herz gleich ein bisschen öffnet für sie. Auch Alessandra Meyer-Wölden punktet durch selbstschmunzelige Eigenbeschreibung: "Man kennt mich als Ex von Oliver Pocher und Schmuckdesignerin, also es läuft super bei mir."

5. Statikfachleute freuen sich über anschauliche Animationen, Spannungen und Verformungen.

Bei den Männern offenbarte die Auftaktsendung nämlich nur einen großen Favoriten - den bumshüftigen Soaptypen Eric Stehfest, der mit seiner Partnerin Oana Nechiti einen tollen Cha-Cha-Cha zeigte.

Den Bernhard-Brink-Gedächtnispreis für unterambitioniertes So-Dastehen teilen sich dagegen momentan noch drei Kandidaten: Erstens Michael Wendler, der ziemlich sicher einen aufgemalten Conchita-Wurst-Bart trug und als passionierter Pferdezüchter seine Tanzpartnerin Isabel Edvardsson mit einer erfahrenen Mähre verglich: "Die Leitstute weiß, wo es langgeht, und alle folgen." Ein Galopper des Jahres wird aus ihm wohl nicht mehr werden, eher ist er Samba-Salami-Material, wie er da verlegen grienend und sichtbar "einzwei-tschatscha" denkend einherhupfte.

Zweitens Ex-Fußballer Thomas Häßler, dessen Tanz man am ehesten als "Langsamen Wanzer" bezeichnen könnte. Allerdings sieht seine Profitanzpartnerin Regina Luca ein bisschen aus wie Metallady Doro Pesch, und wenn eine Icke das Tanzen beibringen kann, dann wohl die.

Dritter Problem-Paradierer ist Moderator Niels Ruf, der seine Schreitschritte schlau mit dichtem Bodennebel umdunstete. In jedem Fall verdiente er sich eine glänzende B-Note durch kecke Widerworte an Knartzjuror Joachim Llambi und fortgeschrittene Sylvia-Meis-Verstörung - Ruf fragte die schrumpffüßige Moderationsaufsagerin nach ihrer Schuhgröße und beschied nach ihrer Antwort ("35einhalb"): "Die krieg ich ja beide auf einmal in den Mund!". Ein vierter Stehtänzer ist leider bereits ausgeschieden. Uli Potofski schien sich darüber aber nicht sonderlich zu grämen.

6. Die schlimme, schlimme Live-Band.

Soweit die altbekannten Grundschritte.

Die Variationen waren in der ersten Sendung noch überschaubar. Gravierendste Neuerung: Daniel Hartwichs sonderbar plattiert wirkende Frisur, die den Moderator wie einen schmandigen Bruder des verdienten "Let's Dance"-Absolventen Alexander Klaws wirken ließ.

Außerdem ungewohnt: Mit Nastassja Kinski ist eine offen verstörend agierende Kandidatin im Ensemble, bei deren rätselhaftem Verhalten und schmerzlich jungmädchenhaftem Haarzuppelgebaren man sich noch schlecht entscheiden konnte, ob ihr die Teilnahme an dieser Show eher schaden oder guttun könnte.

Sie tanzte mit Christian Polanc einen langsamen Walzer zu "Everybody hurts", immerhin diese Liedauswahl passte zweifellos sehr gut, wie auch der hübsche Einfall, den Wendler zu einer schaurig interpretierten Version von Andrea Bergs "Du hast mich 1000 Mal belogen" tanzen zu lassen. Bei den diversen Ungereimtheiten, die sein TV-Wirken hier und da schon umgaben, war bei seinem Auftritt zumindest die Musikuntermalung eine hübsch gekreiselte Pirouette.

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Endlich!
ge1234 12.03.2016
Anja Rützel ist zurück! Cha-Cha-Charmeur und Knödel-Sinato: Ich freu mich auf die kommenden Folgen!
2.
tkedm 12.03.2016
Hoppla, habe ich tatsächlich verpasst, dass es wieder angefangen hat? Hat "Let's dance" wirklich wieder eine Live-Band? Ich weiß, dass die früher eine hatten, in den letzten Jahren kamen die Songs aber nur noch vom Band.
3. Herrliches Wortgedrechsel
frankfurter27 12.03.2016
"Glitzersteinchendynastienspross", "pudelgesäumte Transparenzhose", "bumshüftig"... ach, herrlich! Diese Lotusblüten aus dem Schlamm versüßen meinen Tag. Danke.
4. Schade
juergenhesse 12.03.2016
Es it doch schade, dass anscheinend die deutsche TV Welt alles von der USof A kopiert. Ob es die unglaubliche gewalttätigen Krimiwelt ist oder sogenannte Talent Shows sind. Da wird doch manchmal bei der Singerei die Milch sauer. Als ehemaliger Anhänger des "Ballroom Dancing", aktiv und passiv, fällt es mir doch schwer, richtige Tango, Pasodouble, Samba und Rumba Schritte zu erkennen. Aber es ist eben sehr profitabel, Teilehmer sich umsonst lächerlich machen zu sehen.
5. Sehr nett
baiki 12.03.2016
Sehr nette Zusammenfassung, Frau Rützel! Vor 2 Wochen habe ich Polanskis Film "Tess" mit der jungen (und bildschönen) Nastassja Kinski gesehen und daher gestern reingeschaut . Ihren Auftritt und ihr Auftreten bei Let's Dance kann man kaum besser in 4 Zeilen beschreiben, inklusive der hintergründigen Begleitmusik.
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