"Polizeiruf" versus "Topmodel": Klum mit Mörtel im Gesicht

Von Christian Buß

Wenn Heidi Klum wie eine Ruine aussieht: Der "Polizeiruf" aus Halle nimmt den Casting-Wahn à la "Topmodel" ins Visier. Der Strapsen-Krimi ist der letzte von Kommissar Schmücke, der wie ein Spanner durch die Model-Staffage läuft. Was für ein trauriger Abschied.

Polizeiruf 110: Strapsen-Krimi à la Heidi
Fotos
ARD

Mitten in den Auftakt der achten Staffel von "Germany's Next Topmodel" auf ProSieben platzt dieser MDR-"Polizeiruf": Es geht um falsche Versprechungen, zerstörte Träume und Zwangsprostitution im Umfeld eines Model-Castings. Als Gaststar wurde unter anderem der Ex-Heidi-Klum-Sidekick Thomas Rath engagiert, der hier einen Modelschinder mit penetrant schulmeisterlichem Augenaufschlag spielt. Also sich selbst. Und auch Ex-"Topmodel"-Anwärterin Sara Kulka, die bei der letztjährigen Staffel Platz vier belegte, läuft ein paarmal in Strapsen durchs Bild.

Man könnte diesen "Polizeiruf" mit dem fast unvermeidlichen Titel "Laufsteg in den Tod" als Abrechnung mit Klums Casting-Terror verstehen. Das fällt allerdings schwer: Der eingekauften "Topmodel"-Staffage gelingt es ja nicht einmal, sich selbst zu spielen, die Anspielungen aufs reale Modelgeschäft sind hanebüchen und der Plot ist ein Desaster.

Und trotzdem könnte sich Klum getroffen fühlen. Denn im Mittelpunkt steht eine Frau, die den schlimmsten der Klum nachgesagten Eigenschaften ein grausames Gesicht gibt: die Casting-Matrone Sylvia Gregori, verkörpert von dem Achtziger-Jahre-Männertraum Sonja Kirchberger. Der Star aus dem Erotikdrama "Die Venusfalle" wirkt inzwischen wie eine in Stahl und Beton nachgebaute Version ihrer selbst.

Klums monströse Schwester

Wenn Kirchberger ausnahmsweise mal ein Lächeln aufsetzt, glaubt man Mörtel aus ihrem Gesicht stauben zu sehen. Wenn sie wütend wird, meint man vor einem einstürzenden Wolkenkratzer zu stehen. Jähzorn, Geltungssucht, Ausbeutertum - all den Eigenschaften, die Kritiker der Klum unterstellen - verleiht die Kirchberger ein monströses Antlitz.

Aber wie kommt man gegen so ein Monstrum an? Ausgerechnet zu ihrer 50. und letzten Folge werden die von Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler gespielten Hauptkommissare Schmücke und Schneider noch einmal Opfer ihrer Tapsigkeit. Nach dem Mord an einem Möchtegern-Model bei einem Casting im Nirgendwo nähern sich die beiden unsicher der von Kirchberger verkörperten Unternehmerin, dieser Ausgeburt an Größenwahn und Geschäftswut.

Mag sein, dass die Verantwortlichen beim MDR gedacht haben, dass man den beiden älteren Herren zum Abschied noch einmal einen besonders provokanten Krimi schenkt. Mit nackten Tatsachen und brisanten Spekulationen. Doch falls "Laufsteg in den Tod" (Buch: Hans Werner und Peter Gust, Regie: Hans Werner) als Kritik an zynischen Inszenierungen wie Klums "Topmodel" gedacht sein sollte, schlägt diese Kritik voll auf den "Polizeiruf" zurück. Denn letztendlich nutzt man die sehr jungen Frauen in Strapsen und Bikini - wie nach "Topmodel"-Art - auch hier nur zur Staffage. Durch die schlurft Schmücke dann in seinem Trenchcoat hindurch, der aussieht wie das ultimative Spanner-Utensil.

Richtig schlimm wird es, als das Casting-Bashing zum ernsten Themenkrimi über Zwangsprostitution gewendet wird: Eine Minderjährige wird über die tschechische Grenze verschleppt, weil sie in Karlovy Vary ihren Körper an Freier verkaufen soll. Der "Polizeiruf" stößt damit auf gleiches Terrain vor wie Dominik Grafs "Das unsichtbare Mädchen". Während dort der Handel mit Mädchen in den Rotlichtbaracken nahe der Grenze aufgezeigt wird, geht es hier in ein Bordell, auf dessen Schild "Mädchenheim Karlsbad" steht und wo die fiesen Zuhälter-Caster schon ganz viele Möchtegern-Models hin entführt haben.

Mal abgesehen davon, dass dieses Konstrukt komplett hanebüchen ist - die posttraumatischen Aufräumarbeiten auf dem Laufstegstrich durch den alten Trenchcoatträger Schmücke sind in ihrer Vereinfachung geradezu verantwortungslos. Eines der jahrelang von älteren Herren missbrauchten Mädchen will in ihrer Scham nicht nach Hause zurück. Aber als ihr der Herr Kommissar sanft übers Haar streichelt, geht's ihr gleich besser.

Schlimm. Diese geradezu zynische Szene am Ende des Films behält man dann von Schmücke in Erinnerung.


"Polizeiruf 110: Laufsteg in den Tod", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 13 Beiträge
verbalix 01.03.2013
...jedermann Geschmack finden sei dahingestellt.Fakt aber ist,dass sich alles was der Christian schreibt ,lesenswert ist.Besser sogar,als manche Fernsehausstrahlungen,die er mitunter zu Recht im Vorfeld in die Tonne kloppt.MfG.
...jedermann Geschmack finden sei dahingestellt.Fakt aber ist,dass sich alles was der Christian schreibt ,lesenswert ist.Besser sogar,als manche Fernsehausstrahlungen,die er mitunter zu Recht im Vorfeld in die Tonne kloppt.MfG.
benutzer10 01.03.2013
---Zitat--- Der Strapsen-Krimi ist der letzte von Kommissar Schmücke, der wie ein Spanner durch die Model-Staffage läuft. Was für ein trauriger Abschied. ---Zitatende--- Finde ich nicht. Schöne Werbung, danke. Ich hab noch nie [...]
---Zitat--- Der Strapsen-Krimi ist der letzte von Kommissar Schmücke, der wie ein Spanner durch die Model-Staffage läuft. Was für ein trauriger Abschied. ---Zitatende--- Finde ich nicht. Schöne Werbung, danke. Ich hab noch nie einen "Polizeiruf" gesehen, aber die Aussicht auf Strapsmodels und eine Klumparodie: Diesen schau ich mir an.
adolfo1 01.03.2013
Es ist noch nicht so lange her, da konnte man in Düsseldorf einen deutschen Modedesigner in Begleitung von polnischen "Models" (mit Zahnlücken) sehen, wobei ich mir sicher bin, daß diese Damen noch keinen Laufsteg [...]
Es ist noch nicht so lange her, da konnte man in Düsseldorf einen deutschen Modedesigner in Begleitung von polnischen "Models" (mit Zahnlücken) sehen, wobei ich mir sicher bin, daß diese Damen noch keinen Laufsteg gesehen haben. PS: saß im Restaurant am Nebentisch u. bekam die Gespräche mit PS: Modelshows sind u. bleiben eine Veräppelung der Teilnehmerinnen
hschmitter 01.03.2013
langweilig zu sein, daß man Freitag schon für den Sonntag werben muß. Leider ist bei dieser Massenproduktion an Krimis in den ÖR die Qualität, die einige mal hatten (wie Polizeiruf z.B.) , verloren gegangen. Noch schlimmer, [...]
langweilig zu sein, daß man Freitag schon für den Sonntag werben muß. Leider ist bei dieser Massenproduktion an Krimis in den ÖR die Qualität, die einige mal hatten (wie Polizeiruf z.B.) , verloren gegangen. Noch schlimmer, daß die Medien immer wieder über dieselbe kultivierte Langeweile berichten.
to5824bo 01.03.2013
Ob es ein trauriger Abschied für "Schmücke" wird, ist doch völlig egal. Dieser dröge Kommissar sowie sein Partner (Name vergessen) gehörten schon immer zu den langweiligsten Figuren, die die deutsche Krimilandschaft [...]
Zitat von sysopWenn Heidi Klum wie eine Ruine aussieht: Der "Polizeiruf" aus Halle nimmt den Casting-Wahn à la "Topmodel" ins Visier. Der Strapsen-Krimi ist der letzte von Kommissar Schmücke, der wie ein Spanner durch die Model-Staffage läuft. Was für ein trauriger Abschied. Letzter "Polizeiruf" mit Schmücke und Schneider über Model-Casting - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/letzter-polizeiruf-mit-schmuecke-und-schneider-ueber-model-casting-a-885520.html)
Ob es ein trauriger Abschied für "Schmücke" wird, ist doch völlig egal. Dieser dröge Kommissar sowie sein Partner (Name vergessen) gehörten schon immer zu den langweiligsten Figuren, die die deutsche Krimilandschaft zu bieten hatte. Zum Glück gehen sie jetzt endlich in den Ruhestand (na ja, von Wiederholungen der Dritten abgesehen).
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik TV
alles zum Thema Im Fadenkreuz

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Freitag, 01.03.2013 – 18:05 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 13 Kommentare

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Er schaut mehr Fernsehen als Familie und Freunde für ratsam halten. TV-Krimis sind für ihn mehr als Täterrätsel - sie öffnen ihm Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Mordsunterhaltsam sind die Filme zuweilen natürlich auch.





TOP



TOP